Ludwigshafen Was der Dreißigjährige Krieg über unsere Gegenwart erzählt

Auch „Wallenstein“, Schillers umfangreichstes dramatisches Werk, ist bei den 18. Schillertagen im Programm. Die Inszenierung kommt aus Weimar, Hasko Weber führte Regie. Der ist selbst beim Festival anwesend und gab ein wenig Auskunft über Stück, Stoff und Inszenierung.
Er ist mutmaßlich der Rekordhalter im „Wallenstein“-Inszenieren. Bereits dreimal hat Hasko Weber Schillers Historiendrama auf die Bühne gebracht, stets mit allen drei Teilen versteht sich. Unter vier, fünf Stunden ist das nicht zu machen, der Aufwand an Personal und Technik beachtlich. Zuletzt hat sich der 51-jährige Regisseur dieser Herausforderung am Nationaltheater in Weimar gestellt, wo er seit zwei Jahren Intendant ist. Warum tut er sich das an? „Es ist eines der komplexesten Schiller-Dramen“, stellt Weber nüchtern fest, um schnell auf politische Fragen zu kommen. Schiller habe als Hintergrund für sein Stück eine Zeit gewaltiger historischer Verwerfungen gewählt. „Der Dreißigjährige Krieg brachte einen gigantischen Umbruch in ganz Europa“, für Weber liegen die Bezüge zur Gegenwart da auf der Hand. Während bei seiner Dresdner „Wallenstein“-Inszenierung von 1999, die ebenfalls zu den Schillertagen eingeladen war, der beginnende Balkankrieg diesen Bezugspunkt bildete, sei es heute der drohende Zerfall Europas: „Die europäische Idee ist fragil. Was passiert, wenn Europa in die Brüche geht?“ Schiller hatte 1790 seine „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ veröffentlicht, in den folgenden Jahren gab es immer wieder Pläne für ein Theaterstück, das sich aus diesem für Schiller erst 150 Jahre alten Geschichtsstoff speisen sollte. Die 1798/99 in Weimar uraufgeführten Dramenteile „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“ machten dann aber nicht die Hauptkontrahenten des Krieges, den Schwedenkönig Gustav Adolf und den habsburgischen Kaiser, zu Protagonisten, sondern den Feldherrn Wallenstein. Schiller zeigt ihn zu Beginn im Zenit seiner Macht, einen Emporkömmling, aufgestiegen vom kaisertreuen Vasallen zum selbstständig agierenden Kriegsunternehmer, der seine Armee aus eigener Tasche finanziert und durch die Siege auf dem Schlachtfeld immer mehr Reichtum und Ländereien anhäuft. Schiller zeigt den Fall dieses Mannes, der den Verlockungen der Macht erliegt und sich für unbesiegbar hält. „Da ist einer massenwirksam, aber er überspannt den Bogen und fällt am Ende einem politischen Mord zum Opfer“, fasst Hasko Weber das Geschehen zusammen und stellt die Frage nach der Verantwortung des einzelnen Politikers: „Handelt eine solche Persönlichkeit autonom, oder ist sie medial getrieben?“ Jeder Politiker, vom Staatschef bis zum Bürgermeister, könne Entscheidungen treffen. „Wir sind auf dem Rückzug aus der Verantwortung, und dies bereitet das Feld für autoritäre Strukturen“, befürchtet Weber. In seiner Inszenierung werden solche Gedanken allerdings nur indirekt über das Geschehen im Stück nahegelegt. Videoeinblendungen mit Obama und Putin wird es nicht geben. Aber gerade der historische Abstand des Stoffes zur Gegenwart macht für den Regisseur die Qualität aus. „Die Rückschau öffnet einen Raum“, und in diesem Raum sei Platz zum Nachdenken darüber, was dieses Stück über unsere Gegenwart erzählt. Hasko Weber war nicht nur mit seinem Dresdner „Wallenstein“ in Mannheim vertreten, sondern auch mit einer Gastregie von Lessings „Nathan“. Im Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen hatte seine Inszenierung von Kleists „Hermannsschlacht“ 2001 Premiere, eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiel in Dresden. Dort war Weber damals Schauspieldirektor, 2002 ging er nach Stuttgart, erst als Hausregisseur, später als Schauspielintendant. Seit 2013 leitet er das Nationaltheater in Weimar. Auch dort ist er seinem Ruf als Mann für die großen Theaterstoffe gleich gerecht geworden und hat mit beiden Teilen des „Faust“ Einstieg gefeiert. In dieser Spielzeit folgte dann „Wallenstein“. „In Weimar gehört die Klassik dazu“, meint Hasko Weber. Da ist dann wohl auch die Entscheidungsfreiheit eines Intendanten nicht unbegrenzt. Termin „Wallenstein“ bei den Schillertagen heute um 18.30 Uhr im Opernhaus.