Interview
Was beim zehnten Erzählfest alles zur Sprache kommt
Frau Gentner, erzählen Sie gerne?
Bei Vorträgen binde ich mittlerweile gern kurze Geschichten ein, verwende Bilder. Durch das Erzählfest hat sich mein Sprechen verändert. Durch das freie Erzählen entsteht eine andere Lebendigkeit.
Worauf freuen Sie sich am meisten?
Jahn-Stahnecker: Ich freue mich auf die Geschichten im Erzählzelt, die Wunderkiste in der Mitte, aus der die Künstler die seltsamsten Gegenstände zaubern und die Kinder drum herum.
Welches sind für Sie die Höhepunkte der vergangenen zehn Jahre?
Gentner: Das waren für mich, die Kinder beim konzentrierten Zuhören zu beobachten, wie alte und junge Menschen gemeinsam etwas erleben, wie Geschichten Gefühle und Erinnerungen auslösen. Die besondere Atmosphäre der Langen Nacht mit den Geschichten im illuminierten Park zu erleben. Aber auch über den langjährigen Kontakt zu Kitas, Schulen und weiteren Kooperationspartnern freue ich mich. Viele kommen immer wieder. Manchmal sitzen 100 Kinder mucksmäuschenstill auf dem Boden und hörten konzentriert zu. Dies faszinierte ihre Erzieherinnen. Oft haben die Kinder Mühe, fünf Minuten stillzusitzen. „Wo kann man das lernen?“, fragen die Pädagogen oft. Fachtagungen und Kurse für Lehrer, Erzieher und andere Interessierte bieten wir regelmäßig an. Und ein Höhepunkt ist für mich ganz klar, dass wir 2007 in Ludwigshafen angefangen haben zu erzählen und heute in der ganzen Metropolregion präsent sind.
Wie kam es zu der Idee, ein Erzählfest zu organisieren?
Geschichten erzählen bedeutet Bildung. Wir wollen die Kinder und Jugendlichen in der Region stärken. In dem Verband „Offensive Bildung“ engagieren sich seit 2005 Wirtschaftsunternehmen mit dem Hauptsponsor BASF, Spitzenverbände, Träger von Kindertagesstätten, Schulen, Wissenschaft und Fachpraxis gemeinsam für kindliche Bildung in den Kitas und Grundschulen in der Metropolregion Rhein-Neckar. Kein Kind soll verloren gehen. Jeder soll am Arbeitsmarkt partizipieren können. Erzählen kann Verständnis für andere wecken. Unser Ziel ist ein Zusammenleben in Vielfalt und Frieden. Gentner: Erzählen steigert Aufmerksamkeit und Konzentration. Es stärkt die Sprachfähigkeit und regt dazu an, selber kreativ zu werden.
Was macht einen guten Erzähler aus?
Scheele: Wichtig ist beim Erzählen, selbst zuhören zu können, in den Dialog, in den Kontakt mit den Zuhörenden zu treten.
Tiggemann: Ich komme vom Schauspiel, kann mit Mimik, Gestik und Sprache spielen, in andere Figuren schlüpfen. Doch die Technik steht nicht im Vordergrund. Es gilt, die Balance zu halten zwischen technischem Können und selber als Person da sein.
Viele Medien sind heute verfügbar. Welche Bedeutung hat das Erzählen in der heutigen Zeit?
Scheele: Analoges Erzählen ist ein Spüren der Gruppe. Tiggemann: Sprechen braucht ein Gegenüber. Man lernt es nicht am Fernseher. Laufen lernt man auch nicht, wenn man ein Auto fährt. Wir haben eine lange Entwicklungsgeschichte. Im Erzählen liegt große Sehnsucht und Freude im Kontakt mit anderen Menschen.
Das Heinrich-Pesch-Haus ist als katholische Akademie eine religiöse Bildungsstätte und Weiterbildungseinrichtung. Welche Bedeutung hat Erzählen in Bezug auf Religion?
Gentner: Das Christentum ist eine Erzählgemeinschaft. Jesus vermittelte durch Geschichten die Essenz seiner Botschaft. Durch Erzählen können wir aber auch in Austausch mit anderen Religionen treten, die ebenfalls reiche Traditionen an Geschichten aufweisen. Wir können uns kennenlernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten entdecken und gegenseitigen Respekt entwickeln. Der Familientag am Sonntag, den 17. September beginnt mit einem ökumenischen Kinderwortgottesdienst.
Zur Sache und zur Person
„Geschichten verbinden“ lautet das Motto des zehnten Internationalen Erzählfests im Heinrich-Pesch-Haus. Aus Gambia und der Türkei, aus Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und Deutschland kommen Künstler zum Jubiläum nach Ludwigshafen. Doch nicht nur in Ludwigshafen gibt es vom 10. bis 17. September etwas zu erleben. In der ganzen Metropolregion, in drei Bundesländern, von Bensheim über Heppenheim bis Heidelberg, von Hockenheim über Frankenthal und Worms bis Zwingenheim, an 20 Orten und in 38 Einrichtungen wie Kitas, Schulen oder Seniorenheimen erzählen die 13 Künstler Geschichten aus aller Welt. 2019 erreichte die Aktion rund 8000 Menschen, darunter etwa 5900 Kinder. In diesem Jahr wollen Selma Scheele und Susanne Tiggemann als künstlerische Leiterinnen an Altbewährtes anknüpfen, aber auch Neues versuchen. Ulrike Gentner ist stellvertretende Direktorin und Direktorin Bildung des Heinrich-Pesch-Hauses, Petra Jahn-Stahnecker ist zuständig für gesellschaftliches Engagement Bildung der BASF.