Ludwigshafen
Warum Spielwaren Werst die Wiedereröffnung mehr zu schaffen macht als die Schließung
„Wir haben keine Puzzles mehr“, nennt Bernhard Werst den Artikel seines Spielwarensortiments, der dem Toilettenpapier im Discounter von der Nachfrage her am nächsten kommt. „Die Leute haben wie verrückt bestellt“, beschreibt der 58-jährige Inhaber von Spielwaren Werst in Oggersheim, wie sein Online-Shop seit der vorübergehenden Geschäftsschließung am 18. März aus allen Netzknoten platzte. Umgehend habe Werst damals seine Kunden via E-Mail informiert. „Der Online-Shop hat uns auf gut Deutsch den Hintern gerettet“, weiß er sein schon seit 1999 laufendes virtuelles Geschäft gerade jetzt zu schätzen. Werst kenne einen Kollegen, der ein Spielwarengeschäft „von ähnlicher Größe, aber ohne Online-Shop“ hat. „Für seinen Laden war das tödlich“.
Telefon stand nicht still
Das Telefon stand bei geschlossener Ladentür kaum still, berichtet Werst. „Es gab Familien, die mich blind zu ihren Wunschartikeln in meinen Regalen geführt haben“, sagt er und ist verblüfft über die Inventar- und Raumkenntnis seiner Kunden. Bei den Automodellen im ersten Obergeschoss habe ihn beispielsweise ein Sammler aus Mutterstadt zielgenau durch die Regalreihen mit Hunderten von Metallmodellen gelotst, um Werst letztlich eine gelbe Citroën-Ente, einen grünen Porsche sowie einen blauen Pick-Up an den prophezeiten Standorten finden zu lassen. „Der kennt meine Vitrinen besser als ich“, sagt Werst lachend.
Zur Warenausgabe an die Kunde gab es auch eine „Corona-Klappe“. Dort konnte den Kunden nach telefonischer Terminvereinbarung die gewünschte Ware durch das Gittertor auf der Rückseite des Geschäfts ausgehändigt werden – „ohne Menschenansammlung“.
Umsatz im April wieder gesunken
Ob durch telefonische oder Online-Bestellungen – das Spielwarengeschäft habe im März „immens mehr Umsatz gemacht“, bilanziert der Einzelhändler. Die streng hygieneregulierte Wiedereröffnung ließ die Kurve aber deutlich nach unten knicken. So sei der Umsatz auf den gesamten April gerechnet wieder um 23 Prozent gesunken, sagt Werst: „Der Online-Umsatz ist auf normales Niveau zurückgegangen, aber die Kunden kommen nicht mehr so wie vorher in den Laden.“
„Was mache ich, wenn 20 Kunden auf einen Schlag kommen?“, hatte sich der Spielwarenhändler zur Wiedereröffnung am 20. April gefragt und eher einen Massenandrang befürchtet. „Ich hatte Angst vor diesem Tag“, sagt er im Nachhinein. Denn noch „freitags zuvor“ habe das Gewerbeaufsichtsamt vor Ort kontrolliert, wie es um die Hygienevorkehrungen stehe. Waren es letztlich tatsächlich die Hygienevorschriften, die zur Wiedereröffnung den Kundenansturm auf die 600 Quadratmeter große Verkaufsfläche ausbleiben ließen? „Sie können sich nicht mehr durch mein Geschäft bewegen wie vorher“, kommentiert Werst das Offensichtliche: Gleich nach dem großen Stopp-Schild über dem Desinfektionsspender am Haupteingang führen rot-weiße Signalbänder auf dem Boden über einen Rundparcours durchs ganze Geschäft. „Nach expliziten Maßgaben unseres Einzelhandelsverbands“ hat Werst in Windeseile Spuckschutz und Co. installieren lassen, berichtet er.
Das Virus stört die Lieferkette
Und noch etwas hat sich für ihn durch das Coronavirus verändert. „Die Lieferkette wird ziemlich schmal“, prognostiziert er. Schon jetzt „kommt die Ware aus China mal und mal kommt sie nicht“. Auch bei seinen europäischen Zulieferern spüre Werst die Kurzarbeit der Spielzeugproduzenten: „Ein großer Teil der Ware kommt, aber mit Lücken“.
„Wie geht es weiter bis Ende des Jahres?“, formuliert Werst seine Zukunftssorgen. Hoffnung habe er immerhin, dass seine alljährlich im November veranstalteten Modelleisenbahntage auch in diesem November stattfinden könnten.
Kurzarbeit habe er noch keine für seine 16 Mitarbeiter angemeldet und will das auch gar nicht: „Bei 60 Prozent des Gehalts eines Einzelhandelsmitarbeiters – ich könnte mich morgens nicht mehr im Spiegel anschauen“, sagt er. „Aber wenn der Umsatz auf Null geht, muss ich Kurzarbeit anmelden“, beschreibt Werst seinen Konflikt zwischen Mitarbeiterverantwortung und wirtschaftlichem Überleben. Vom Staat gebe es für ihn keine wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen: „Ich krieg’ keine Unterstützung“, betont er.
Aufschwung fürs Hobby
Derweil die reale Welt aus den Fugen gerät, schaufelt der Lockdown der Modelleisenbahn wieder Druck auf den Kessel: „Ich glaube, dem Hobby tut das Ganze gut“, beobachtet Werst auch an seinen Kunden. Jahrelang inaktive Eisenbahnfans hätten seit März wieder bei ihm geordert. „Die Leute haben jetzt mehr Zeit“, meint der Oggersheimer. Und was in Horst Seehofers Keller funktioniert, sieht Bernhard Werst als Möglichkeit für jedermann: „Mit seiner Eisenbahn kann sich gerade jetzt jeder in eine heile Welt flüchten.“