Interview
Warum Kabarettist Florian Schroeder „mehr Grau wagen“ möchte
Herr Schroeder, bisher hatte ich das Gefühl, dass eigentlich alle froh sind, dass 2023 vorbei ist. Aber Sie meinen doch noch einmal darauf zurückblicken zu müssen …
Einen satirischen Jahresrückblick macht man immer im Dezember und im Januar, weil sich das Unterfangen sonst schlicht nicht lohnt. Und ich mache tatsächlich seit über zehn Jahren die Erfahrung, dass im Januar noch viel mehr Leute kommen als im Dezember. Weil im Dezember viele Leute noch nicht so richtig Zeit und Lust haben, so richtig schon zurückzugucken. Ich glaube, dass es auch einen Unterschied gibt zwischen einem persönlichen oder journalistischen Rückblick auf ein Jahr und einem satirischen. Der Satiriker hat ja immer die Möglichkeit, das Ganze völlig neu zu drehen, lustig zu erzählen, unterhaltsam zu machen. Wer zu mir kommt, weiß, dass das keine traurige Messe wird, die ich da lese, sondern ein sehr fröhlicher Abend.
Sie sagen, Sie können gar nicht anders, als überall, wo Sie sind, den Dialekt nachzumachen. In Mannheim auch?
(Verfällt in Singsang.) Ich kann diesen Rhein-Neckar-Sound schon. Aber es muss sich natürlich auch immer anbieten. Vor vielen Jahren habe ich mal gesagt: „Interessieren Punkt und Komma kaum, bist du im Rhein-Neckar-Raum.“ Aber ich fürchte, das ist ein Witz, der sich schriftlich nicht vermittelt. Das muss man hören.
Ich habe Sie 2012 bei der BASF in Ludwigshafen gesehen. „Offen für alles und nicht ganz dicht“ hieß Ihr Programm. Es ging unter anderem um den Rücktritt von Bundespräsident Wulff, um den grausamen Krieg in Syrien, um die Griechenland-Krise und um die Songtexte von Silbermond. Wir denken ja, dass jetzt gerade die allerschlimmste Zeit ist, in der wir leben. Warum eigentlich – wo damals doch auch schon schlimme Sachen passiert sind?
Ich glaube, das hat mit einem Phänomen zu tun, das der Psychologe Daniel Kahneman „What you see is all there is“ genannt hat. Was wir sehen, ist für uns die gesamte Wirklichkeit. Das erklärt zum Beispiel, warum uns ein Toter bei einem Autounfall um die Ecke mehr berührt als 1000 Tote einer Statistik bei einem Anschlag in Bangladesch. Wir sehen die Gegenwart und überschätzen sie. Wir haben auch nicht immer die Zeit und die Ressourcen, alles in einen Bezug zur Vergangenheit zu setzen und in einen Kontext zu stellen. Deswegen neigen wir schnell dazu, zu glauben, dass heute alles schlimmer ist, als es jemals war. Und wir stellen auch gerne falsche Vergleiche an. Meine Arbeit ist eigentlich eine anti-katastrophistische. Ich versuche die Ereignisse wahrzunehmen, wie sie sind, ohne abzudriften in eine pessimistische oder apokalyptische Stimmung.
Lassen Sie uns bitte gemeinsam auf 2023 blicken.
Der Tiefpunkt lässt sich natürlich nicht verleugnen. Das ist alles, was rund um den 7. Oktober und seither passiert ist. Aber es gab natürlich auch sehr viele lustige Momente: der Vorschlag unseres Verkehrsministers Volker Wissing, dass jeder, der einen Neuwagen kauft, gratis ein Deutschlandticket obendrauf bekommt. Klar, man lässt seinen Neuwagen in der Garage stehen und setzt sich auf durchgefurzte Sessel im Regionalexpress. Oder die Cannabis-Legalisierung von Karl Lauterbach, der sich um Kopf und Kragen redet. Wildschweine, die für Löwinnen gehalten werden. Mein persönlicher Mann des Jahres ist Carsten Linnemann, der Generalsekretärsdarsteller der CDU, Sternzeichen Halbdackel – wunderbar.
Da gibt es immer wieder genug neues Material zum Parodieren?
Absolut verlässlich. Ich bin ja, was Parodien angeht, sehr gerne auf der Höhe der Zeit. Meine neue Lieblingsfigur ist, bevor Sie die Frage stellen, Robert Habeck. Dass wir sowas Schönes noch mal haben – toll. (Beginnt den Wirtschaftsminister zu imitieren.) Dass mir das Interview schon jetzt wehtut, das kann ich Ihnen sagen.
Bekommen Sie Reaktionen von Politikern darauf?
Absolut nicht. Die wissen natürlich, dass sie zumindest den Anschein erwecken sollten, drüberzustehen. Es gibt höchstens eine Reaktion, wenn ich mal in einer Sendung jemanden treffe. Die meisten sind humorvoller, als man denkt. Sie sehen das auch als Spiegel, aus dem sie etwas über ihre Wirkung lernen können.
Es ist doch eine Ehre, von Ihnen parodiert zu werden.
So sehe ich das auch. Ich habe selbst von Parodien gelernt. Mein Regisseur, mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite, hat mich oft parodiert. In der Übertreibung sieht man, wo die eigenen Unzulänglichkeiten sind.
Was haben Sie da gesehen?
Früher hatte ich eine gewisse Steifheit im Körperlichen. Das war lange Zeit ein Problem von mir. Ich hatte einen etwas hektischen Gang, zu große Schritte, eine Unbeweglichkeit in der Hüfte.
Lag es daran, dass Sie zu Beginn eher am Inhalt und der Sprache gearbeitet haben als an der Performance?
Als ich anfing, kam ich sehr über die Stimme und den Kopf. Sich selbst als Bühnenfigur und die Figuren, die man parodiert, muss man fühlen. Man muss im ganzen Körper zu dieser Figur werden. Dann entsteht beim Publikum das Gefühl: Ich sehe den. Das ist letztlich Handwerk. Man muss den eigenen Körper kennen, um in eine andere Figur zu gehen.
Sie arbeiten jetzt 20 Jahre professionell als Kabarettist. Ganz im Ernst: Wie viel Spaß macht das noch?
Sehr viel Spaß. Mehr denn je. Ich bin immer mehr zu mir selbst gekommen. Ich habe gemerkt: Das überzeugendste Programm mache ich, wenn ich im Wortsinn radikal bin, also an die Wurzel gehe. Wenn ich das mache, was mich bewegt, und nicht das, von dem ich glaube, dass es jemand sehen will. Seitdem kommen mehr Leute denn je. Und ich entdecke immer wieder neue Felder, neue Haltungen, neue Spielideen.
Was wünschen Sie sich für 2024?
Ich wünsche mir weiter viel Material, aber, dass das Material für die, die es unmittelbar betrifft, weniger brutal ist, als es 2023 war. Ich bin zwar als Komiker zweifellos Nutznießer des Schlechten. Aber ich kann auch aus Dingen, die nicht ganz so schlimm sind, viel schöpfen. Für unsere Gesellschaft wünsche ich mir, dass wir weniger extremistisch an die anderen und die Weltlage herangehen. Ich wünsche mir weniger Enge und mehr Weite. Es ist so eine Remilitarisierung des Gesprächs in Gange, die ich als sehr unangenehm empfinde. Ich wünsche mir tatsächlich, so langweilig das klingt, mehr Grau. „Mehr Grau wagen“ könnte das Motto für 2024 sein.
Termin
Florian Schroeder gastiert am Samstag, 27. Januar, 20 Uhr, im Capitol in Mannheim.
Zur Person: Florian Schroeder
Geboren 1979 in Lörrach, wuchs Florian Schroeder, wie er kürzlich offenbarte, in schwierigen Verhältnissen auf. Nach dem Abitur studierte er Germanistik und Philosophie, brach aber kurz vor dem Abschluss zugunsten der Kabarett-Karriere ab. Seit 2004 ist er mit eigenen Programmen unterwegs. Er wurde vielfach ausgezeichnet und veröffentlichte mehrere Bücher und CDs. Er tritt regelmäßig im Fernsehen und im Radio auf und präsentiert mit Serdan Somuncu den Podcast „Schroeder & Somuncu“. Florian Schroeder lebt in Berlin.