Extremsport RHEINPFALZ Plus Artikel Warum ein Weltrekordhalter freiwillig leidet

Ein Bild, das für sich spricht.
Ein Bild, das für sich spricht.

Zu was ist der menschliche Körper fähig? Dirk Leonhardt aus Bruchköbel ist schon mehrfach an seine Grenzen gegangen – körperlich und geistig. In etwas mehr als einem Jahr hat er vier Weltrekorde aufgestellt, unter anderem absolvierte er die 30-fache Langdistanz im Triathlon in 45 Tagen. Warum geht ein Mensch so ans Limit? Wie übersteht er die Qualen?

„Vieles scheint unmöglich, bis du es schaffst“, lautet der Titel. „Willenskraft kann man lernen und ich möchte die Menschen inspirieren, an ihre Träume zu glauben“, sagt der 39 Jahre alte Dirk Leonhardt mit dem Spitznamen „Ultra-Dad“.

Warum tut man sich eine solche Tortur, wie einen 30-fachen Langdistanztriathlon an? Wie steht man die Qualen, die Schmerzen durch? Mit der Zeit entwickele jeder Ultra-Athlet seine Strategien, die mentale Stärke zu steigern. „Ich habe auch einige Muster entwickelt, damit ich selbst extrem anspruchsvollen Belastungen standhalten kann. Das muss aber immer zur eigenen Persönlichkeit passen. Ein Standard-Rezept gibt es dafür nicht“, betont Leonhardt.

Er ist ein nimmermüder Optimist, das Aufgeben ist für ihn keine Option. Herausforderungen müsse man lernen als Chance zu begreifen, betont er. Sein Glas ist immer halb voll. „Ich habe in etwas mehr als einem Jahr vier Weltrekorde aufgestellt und bin nur ein Hobbysportler. Ich würde mich als relativ durchschnittlich bezeichnen, aber eben mit sehr ehrgeizigen und etwas verrückten sportlichen Zielen“, sagt der zweifache Familienvater, der all seine sportlichen Rekorde neben einem Fulltime-Job als Banker aufstellt.

Fast 7000 Kilometer langen Triathlon absolviert

Leonhardt war nie der Top-Sportler, kein Kaderathlet. Ganz im Gegenteil. „In der Schule war ich ziemlich unsportlich. Ich habe mich von einem Halbmarathon Stück für Stück gesteigert und meine Grenzen immer wieder neu verschoben.“ Ihn fasziniere, was der menschliche Körper leisten könne. „Und am meisten motiviert es mich, wenn ich meine eigene Leistungsgrenze wieder mal ein Stück austesten kann und bis ans Limit gehe. Indem ich mit aller Kraft für ein bestimmtes Ziel eintrete und dafür kämpfe, fühle ich mich total glücklich, wenn ich dieses Ziel dann auch erreiche und zwar durch meine eigene Leistung.“ Bei seinem Weltrekord für den längsten Triathlon ist er 45 Tage lang an seine Grenzen gegangen. „Gleichzeitig kam extrem viel positive Energie zurück. Ich habe viel dabei gelernt. Rückblickend kann ich selbst kaum glauben, dass ich das wirklich gemacht habe und einen fast 7000 Kilometer langen Triathlon absolviert habe. Das ist surreal.“

Leonhardt ist ein Mentalmonster, wie es in der Sportlersprache so schön heißt. Aus Tiefschlägen zieht er immer wieder Positives, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken. In diesem Jahr hat er ein weiteres Großprojekt realisiert, nämlich den Weltrekord für die meisten innerhalb von sieben Tagen mit dem Rad bereisten Länder. 152 Stunden und 56 Minuten saß er im Sattel, fuhr von Holland über Belgien, quer durch Europa bis in den Kosovo. Über 2000 Kilometer mit 23.000 Höhenmetern hat er dabei zurückgelegt. Man könnte meinen, dass Leonhardt mittlerweile Rekorde sammelt wie andere Briefmarken, denn im März 2021 hatte er gemeinsam mit Judith Gebkea Strich den Team-Treppenlaufweltrekord unterboten. Allein beim Betrachten der Zahlen wird es einem schier schwindlig: 800 Mal liefen er und Gebkea Strich die 86 Treppenstufen der Himmelsleiter in Gelnhausen hoch und runter. Zusammen kamen dabei rund 10.000 Höhenmeter. Und last but not least sprintete er in 2:51 Minuten den schnellsten 100-Meter-Lauf unter Wasser. All seine Projekte macht Leonhardt nicht nur für sich selbst, sondern auch, um für soziale Projekte Spenden zu sammeln.

Gesundheitlichen Risiken reduzieren

Ein sportliches Erlebnis hat sich im Kopf des 39-Jährigen besonders fest gebrannt. 2015 radelte er mit einem Freund von Frankfurt nach Istanbul: drei Wochen lang, 3000 Kilometer. „Zeitgleich waren im September 2015 zigtausende Flüchtlinge genau in entgegengesetzter Richtung unterwegs“, berichtet er von dieser seinerzeit skurrilen Situation.

Wie bereitet sich Leonhardt auf solche Projekte vor? „Entscheidend ist, dass man alle wichtigen Aspekte berücksichtigt, also nicht nur das sportliche, sondern auch das Mentaltraining, die Organisation und den Support.“ Bei vielen seiner Projekte sei er auf Unterstützung von Freunden und Familie angewiesen – vor allem bei Rekordprojekten, bei denen eine umfangreiche Dokumentation durch unabhängige Zeugen notwendig sei, erläutert er.

Wer jetzt glaubt, dass Leonhardt den Tag über nichts anderes macht als zu trainieren, wird überrascht sein. „Bei mir ist es so, dass die Familie immer an erster Stelle steht und deshalb vernachlässige ich oft mein sportliches Training. Ich arbeite deshalb eher mit Willenskraft und gleiche dadurch auch mal einen Trainingsrückstand aus. Für mich ist es wichtig, dass ich meinen Körper immer soweit vorbereite, dass die gesundheitlichen Risiken soweit wie möglich reduziert werden. Bei einem Triathlon ist das natürlich schwieriger und zeitintensiver, als wenn ich zum Beispiel eine Radtour plane.“ Regelmäßig legt er Trainingspausen ein, um wieder aufzutanken, sich auf neue Abenteuer vorzubereiten.

Der RSC Ludwigshafen um Ultratriathletin Marion Dang freut sich sehr auf die Lesung von Dirk Leonhardt. „Marion und ich sind beide Ultra-Triathleten. Das ist eine relativ kleine Community und da kennt man sich meist – auch die Athleten aus Brasilien, Dänemark oder den USA“, sagt der 39-Jährige.

Noch Fragen?

  • Der Eintritt zur Lesung am 20. November von Dirk Leonhardt beim RSC Ludwigshafen in der Weiherstraße ist frei. Allerdings freut sich der Verein über Spenden für den Wildpark Rheingönheim. Einlass ist ab 18.45 Uhr, Beginn um 19 Uhr. Voranmeldungen unter dirk@ultradad.de. Es gilt die 3G-Regel.
Über 23.000 Höhenmeter überwand Dirk Leonhardt.
Über 23.000 Höhenmeter überwand Dirk Leonhardt.
x