Ludwigshafen
Warum die Kreativszene boomt
Klack, klack, klack. Mit der Glasschneidezange verkleinert Lana Schmitt ein Stück Glas in kleine Mosaiksteine, die sie anschließend zu einem Bild zusammensetzen möchte. „Das gibt ein Osterei“, sagt die Zehnjährige aus Bensheim, die zum ersten Mal mit ihrer Mama die Messe Rhein-Neckar Creativ besucht. Mit ihren zarten Fingern greift sie sich einen Mosaikstein nach dem anderen, klebt mit einem Spezialkleber im Wechsel die grün- und roséschimmernden Steinchen auf einen eiförmigen Träger, den Untergrund. Mosaik, sagt José Gomez, Inhaber des gleichnamigen Glascenters aus Kirchheim in der Nähe von Stuttgart, sei ein guter Einstieg in die Glaskunst.
Die Workshop-Tische von Gomez sind schon am Samstagvormittag gut besucht. Herzen und Schutzengel in Tiffany-Technik erfreuen sich dabei besonderer Beliebtheit. Schneiden, schleifen, einfassen mit Kupferfolie und verlöten – einige Arbeitsschritte sind nötig, ehe man das selbst gefertigte Teil in Händen halten kann. Da ist jede Menge Geduld gefragt. „Das Arbeiten mit Glas hat eine beruhigende Wirkung und wird daher auch gerne therapeutisch eingesetzt“, weiß Gomez aus jahrzehntelanger Erfahrung zu berichten.
Malen kann ebenfalls entspannend wirken. Bei den Samtbildern von Silvia Jäger ist der Erfolg garantiert. Bei dieser Art von Ausmalbildern sind die Konturen aus Samt auf einem Aquarellmalkarton aufgebracht, haben eine ganz besondere Oberflächenstruktur und führen auch bei Ungeübten schon zu beeindruckenden Bildern. Die Motive reichen dabei von ganz einfachen Tier- und Auto- bis hin zu komplexen Drachenbildern, Mandalas oder Werken alter Meister. Die Idee stammt aus Spanien. „Ursprünglich wurden die Bilder für Kinder entwickelt, aber dann haben auch immer mehr Jugendliche und Erwachsene ihre Leidenschaft fürs Ausmalen der Samtbilder entdeckt“, erzählt die Düsseldorferin.
Der Kreativmarkt floriert, das bestätigen die Aussteller und auch Organisator Marvin Okken. „Corona hat den Boom verstärkt“, sagt er. Nach der pandemiebedingten Zwangspause ist er froh ist, dass Messen nun wieder stattfinden dürfen.
„Upcycling“ ein Trend
Unter den rund 100 Ausstellern sind viele „Wiederholungstäter“, aber auch einige Neulinge. Zu denen gehört beispielsweise die Firma Gonis, die ein breites Spektrum an Bastelmaterialien anbietet – von der Spitzencreme, mit der man mithilfe einer Decormatte filigrane Spitzenbordüren produzieren kann, die flexibel und witterungsbeständig sind, bis hin zu Stempeln und Stanzern in jedweder Optik. „Ein ganz großes Thema ist derzeit das Upcycling“, berichtet Gonis-Beraterin Michaela Bieber. Alte Joghurtbecher oder Milch-Tetrapacks – mit ein bisschen Fantasie, Können und dem richtigen Material sind sie als solche nicht wiederzuerkennen und finden eine neue Verwendung, anstatt in der Tonne zu landen.
Das Berliner Unternehmen Gonis hat in den 1960er-Jahren die berühmte Malotafel, besser bekannt unter dem Namen Zaubertafel, erfunden. Erst malen und dann ruckzuck wieder löschen, wer erinnert sich nicht daran? Über den Neustart nach Corona ist Bieber glücklich. „Die Menschen möchten die Sachen, die sie kaufen, anschauen, anfassen und ausprobieren“, weiß sie. Die zweijährige Messepause habe man mit Zoom-Veranstaltungen oder sogenannten Whatsapp-Partys überbrückt. „Aber das ist eben nicht das Gleiche“, meint Bieber.
Mit dem guten, alten Kartoffeldruck haben die Stempel von „New Stamps – die Stempelmacher“ nicht mehr viel zu tun. Zeilenlange Texte, filigranste Motive – Hunderte verschiedener Stempel, alle „made in Germany“, werden auf der Messe feilgeboten.
Es sieht aus wie ein Drucker, ist es aber nicht. Das Gerät, dass Andrea Dahmen aus Sonsbeck mit auf die Messe gebracht hat, ist ein Plotter. Der neueste Schrei in der Kreativszene. „Die Plotter sind momentan heiß begehrt“, berichtet sie. Ein Plotter macht vor allem eins: Er schneidet Folien unterschiedlichster Art – zum Aufbügeln, an die Wand oder auf Tassen pressen –, Papiere, mal dick, mal dünn. Leistungsstärkere Hobbyplotter können sogar bis zu acht Millimeter dicke Materialien schneiden. Für knapp 200 Euro sind die kleineren Modelle zu haben, für größere Hobbyplotter legt man gut und gerne 400, 500 Euro hin. Am Stand von Dahmen herrscht reger Betrieb. „Die meisten Leute, die hierher kommen, kaufen Nachschub, zum Beispiel verschiedene Folien“, sagt sie.
Ideen einer Schülerfirma
„I love you“ prangt auf einem hölzernen Herz. Wer an den Stand der Blies-Factory, der Schülerfirma der Schule an der Blies, kommt, darf seiner Fantasie bei der Brandmalerei oder beim Nadelfilzen freien Lauf lassen. Die hölzernen Motive – vom Herz, über das Pferd bin hin zu Katze, Schnecke und Krone – haben die Schüler und Förderschullehrerin Christine Pohl mit einer elektrischen Laubsäge gefertigt. Sie dürfen nun mit einem Brandmalkolben beschriftet werden. Zeynep (16), Zumrut (15) und ihre Schulkameradinnen, allesamt im quietschorangenen Shirt der Blies-Factory, leiten die Workshop-Besucher an.
Die fünf Schülerinnen sind größtenteils schon „alte Hasen“ und nicht das erste Mal auf einer Messe dabei. Für Lehrerin Pohl ist es mittlerweile der zehnte Einsatz auf der Messe Rhein-Neckar Creativ. So lange nämlich gibt es die Messe schon.