Die Meinung aus der Stadt RHEINPFALZ Plus Artikel Warum das Rheinufer Süd für das Aktionsbündnis Wohnen keine Erfolgsgeschichte ist

„Langweilige Glas-Betonfronten“: Neubauten in der Rheinallee.
»Langweilige Glas-Betonfronten«: Neubauten in der Rheinallee.

Die Städte Wien und Ulm könnten nach Ansicht von zwei Sprecherinnen des Aktionsbündnis Wohnen ein Vorbild für die Ludwigshafener Wohnbaupolitik sein. Was diese Kommunen besser machen und warum die Stadt am Rhein dringend mehr sozialen Wohnungsbau braucht, erklären Melanie Paff und Friederike Rüd im Interview.

In Ludwigshafen fehlen mehrere Tausend Wohnungen. Der Bereich Stadtentwicklung im Rathaus beziffert den Bedarf wegen des anhaltenden Bevölkerungswachstums auf 7200 Wohnungen bis zum Jahr 2035. Wie erleben Sie die Situation?
Melanie Paff: Es fehlt an bezahlbaren Wohnungen. Es gibt viele Wohnungen im hochpreisigen Niveau. Aber Sozialleistungsempfänger und Menschen mit geringem Einkommen haben auf dem freien Wohnungsmarkt in Ludwigshafen schlechte Chancen, eine Wohnung zu finden.

Friederike Rüd: Es wird gerade enorm viel gebaut in Ludwigshafen. Aber viel bauen nützt nichts, man muss auch richtig bauen. Jetzt kommen in Süd noch das Halberg-Gelände und bald das Areal der Pfalzwerke dazu. Aber die Bodenpreise sind sehr hoch. Denn die Stadt hat die Grundstücke am Rheinufer zu Höchstpreisen verkauft. Das halten wir im Rückblick für einen Fehler. Die Stadt hat für die Bebauung dieser Grundstücke keine Vorgaben gemacht. Und die Bauindustrie will jeden Zentimeter zu Geld machen. Es wird also massenhaft hochpreisig gebaut. Wir denken, man muss an der Wohnpolitik etwas ändern. Und die Stadt sollte künftig keinen Boden mehr verkaufen und Konzeptvorgaben machen, zum Beispiel bei dem Projekt City West rund um den geplanten Abriss der Hochstraße Nord.

Was gefällt Ihnen nicht am Rheinufer Süd?
Rüd: Die Rheinallee – nicht das Rheinufer – wird beidseitig beherrscht von glatten, langweiligen Glas-Betonfronten, wo sich die Hitze im Sommer staut. Klimagerechtes Bauen verlangt aufgelockerte, begrünte und versetzte Fassaden und andere Materialien wie zum Beispiel Holz, Lehm, Ziegel. Das kostet. Privatinvestoren aber wollen schnelles Geld machen. Daher brauchen wir künftig kommunale Vorgaben. Ich finde, dass sich Ludwigshafen gerade nicht als lebenswerte Stadt für alle entwickelt.

Für welche Menschen ist es gerade besonders schwierig, eine Wohnung in der Stadt zu finden?
Paff: Menschen mit geringen Einkommen, Sozialleistungsempfänger, größere Familien und sozial benachteiligte Menschen haben wenig Chancen, eine angemessene Wohnung zu finden. Die suchen oft jahrelang nach einer angemessenen, bezahlbaren Wohnung.

Aber im Vergleich zu Mannheim und Heidelberg sollen die Mieten in Ludwigshafen günstig sein. Lockt das Arme aus dem Umland in die Chemiestadt?
Rüd: Zunächst lockt es diejenigen, die Geld haben, wie man immer wieder hört. Das gilt besonders für das Rheinufer Süd.

Ist denn die Lage auf dem Wohnungsmarkt in den Nachbarstädten für Ärmere noch dramatischer als in Ludwigshafen?
Paff: Bedürftige sind darauf angewiesen, die Mietobergrenzen der Sozialleistungsträger einzuhalten. Diese sind in Ludwigshafen niedriger angesetzt als in Heidelberg, denn sie orientieren sich am jeweiligen Mietspiegel. In die Beratungsstelle der pro familia Ludwigshafen kommen in der Regel keine Menschen aus Mannheim oder Heidelberg. Die Menschen, die bei uns Hilfe suchen, wohnen und arbeiten oft schon sehr lange in Ludwigshafen, mit Ausnahme der Geflüchteten. Es handelt sich beispielsweise um Paare, die eine größere Wohnung suchen, weil sie ein Kind bekommen haben, oder um Alleinerziehende, die nach einer Trennung dringend eine Wohnung benötigen.

Nach dem Bericht der Schuldnerberatung, der vor der Sommerpause im Sozialausschuss vorgestellt wurde, sind 30 Prozent der Innenstadtbewohner überschuldet, 30 Prozent der Bewohner der Innenstadt sind Hartz 4-Empfänger. Ortsvorsteher Christoph Heller (CDU) hat Befürchtung geäußert, dass Ludwigshafen und speziell die Innenstadt zum Einweisungsgebiet der Metropolregion werden könnten, wenn noch mehr Sozialwohnungen geschaffen werden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Rüd: Nein. Denn in Mannheim ist die Situation in einigen Quartieren ja ganz ähnlich. Überall liegt der soziale Wohnungsbau seit Jahren brach, und es fallen Tausende von Wohnungen aus der Sozialbindung. Die Lohnentwicklung hinkt dramatisch hinter den Mietsteigerungen einher. Ich hoffe, dass die geplante Wohnbedarfsanalyse der Stadt in Zusammenarbeit mit der Hochschule mehr Licht in diese Sache bringt. Denn bisher gibt es noch keine statistische Grundlage für den tatsächlichen Wohnungsbedarf.

Es gibt bisher nur eine demografische Schätzung für die Annahme, dass in Ludwigshafen 7200 Wohnungen fehlen. Aber keine Untersuchung zum konkreten Bedarf?
Rüd: Ja genau, das hat mich überrascht.

Die teuren Wohnungen am Rheinufer sind aber offenbar auch sehr gefragt. Besonders die Eigentumswohnungen sind alle relativ schnell verkauft.
Paff: Das ist offenbar auch ein Ergebnis der Zinspolitik. Ich habe Klienten mit kleinem Geldbeutel, die schon jahrelang erfolglos nach einer Mietwohnung suchen und nun wegen der niedrigen Zinsen kalkulieren, ob und wie sie sich einen Kredit für eine Eigentumswohnung leisten können, den sie jedoch vermutlich künftig nur unter größten Schwierigkeiten tilgen können.

Rüd: Außerdem investieren viele Kapitalanleger derzeit in Wohnungen, weil Immobilien als sichere Anlage gelten. Es ist viel zu viel Kapital auf dem Markt.

Befürchten Sie für den Wohnungsmarkt in Ludwigshafen langfristig ähnliche Probleme wie in Berlin oder Frankfurt, wo ärmere Menschen aus den Innenstädten verdrängt werden?
Rüd: Ich kann mir vorstellen, dass Investoren in attraktiven Lagen auch in Ludwigshafen Wohnungen in größerem Umfang kaufen.

Wie definieren Sie bezahlbaren Wohnraum?
Paff: Bezahlbar ist ein Quadratmeterpreis, den auch das Jobcenter übernehmen würde, wenn die Bewohner ihre Miete nicht mehr selbst bezahlen können. Eine Faustregel besagt, dass die Miete nicht höher sein soll als 30 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens. Sehr viele Haushalte liegen mittlerweile darüber. So droht Überschuldung, schließlich Räumung und Obdachlosigkeit.

Rüd: Das sind Preise zwischen sechs und sieben Euro pro Quadratmeter. Das ist nur noch schwer zu finden.

Paff: Viele günstige Wohnungen sind außerdem in einem sehr desolaten Zustand. Baumängel, Schimmel oder Schädlinge sind an der Tagesordnung. In Ludwigshafen sind teilweise ganze Häuserblocks mit Bettwanzen verseucht.

In Ludwigshafen ist nur noch das kommunale Immobilienunternehmen GAG im sozialen Wohnungsbau aktiv. Wie sieht das in anderen Städten aus?
Rüd: Es gibt einige Städte, die eine höhere Sozialquote für Neubauten von 30 Prozent oder mehr festgelegt haben, zum Beispiel Mannheim und Frankfurt. In Wien hat die Kommune selbst sehr viele Wohnungen gebaut und nie ihren alten kommunalen Wohnungsbestand verkauft wie in Deutschland. In Wien liegen die Mieten zwischen fünf und sechs Euro pro Quadratmeter. Das ist traumhaft im Vergleich zu Berlin. Auch Ulm macht es besser. Ein Drittel des kommunalen Bodens gehört der Stadt.

Ist es nicht auch eine Chance für Ludwigshafen, dass wegen der luxuriösen Wohnungen am Rheinufer reichere Menschen in die Stadt ziehen? Können damit vielleicht auch die Innenstadtprobleme gelöst werden?
Paff: Durch hochpreisige Wohnungen steigt zunächst nur der Mietspiegel und die Mieten insgesamt steigen. In Ludwigshafen betrug diese Steigerung 20 Prozent in den vergangenen 20 Jahren.

Rüd: Ich glaube nicht, dass die Neubürger am Rheinufer ihre Kaufkraft in die Ludwigshafener Innenstadt tragen.

Aber das ist die Hoffnung konservativer Politiker.
Rüd: Wenn man am Rheinufer Süd lebt, ist man genauso schnell in Mannheim wie in der Ludwigshafener City.

Paff: Die City ist einfach nicht attraktiv, auch hier müsste viel verändert werden.

Wie sollte die Wohnbaupolitik in Ludwigshafen künftig gestaltet werden?
Rüd: Wir wünschen uns eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung. Die Verwaltung sollte bei allen Neubauprojekten versuchen, eine gute Mischung herzustellen. Mit wenigen Studentenwohnungen auf dem Halberg-Areal ändert man noch nichts an dem Reichenghetto, das am Rheinufer geschaffen worden ist.

Paff: Durchmischung schafft man nur, wenn man bei allen Bauvorhaben eine Sozialquote von mindestens 25 Prozent schaffen würde.

Wo sehen Sie in Ludwigshafen Grenzen des Wachstums?
Rüd: Wir wollen auch noch Luft zum Atmen. Dazu braucht man Grünflächen. Das ist ein schwieriges Thema. Es wird immer mehr verdichtet, und insgesamt wird in Deutschland immer mehr versiegelt. Daher steht ja nun auch die heiße Diskussion um den Bau von Einfamilienhäusern im Raum. Ist es noch zeitgemäß, kleine Häuser mit Garten zu bauen? Das ist eine spannende Frage. Man muss wahrscheinlich künftig Wohnen anders denken. Ich glaube, wir müssen anders wohnen und bauen. Man müsste die Räume variabel gestalten, über gemeinschaftliches Wohnen diskutieren.

Sie setzen dabei auch auf eine Koordinierungsstelle, die dafür die Weichen stellen soll. Was soll diese Stelle leisten?
Paff: Eine Koordinierungsstelle könnte den Kontakt zwischen Mietern und Vermietern herstellen und Vorbehalte gegenüber potenziellen Mietern ausräumen, Mietausfälle beziehungsweise Mietschäden absichern. Auch die Organisation von Wohnungstausch wäre denkbar. Viele alte Menschen leben in viel zu großen Häusern und Wohnungen, junge Familien dagegen wollen raus aus ihren zu klein gewordenen Wohnungen. Da wäre eine Börse denkbar. Dafür müsste es eine hauptamtliche Einrichtung geben, eine Wohnraumagentur, die sich darum kümmert.

Rüd: Problem ist dabei natürlich die Finanzierung. Wir hoffen, mit Unterstützung der Hochschule Finanzierungsmöglichkeiten zu finden, um die Stadt für eine solche Stelle zu erwärmen.

Zur Sache: Aktionsbündnis Wohnen Ludwigshafen

Das Aktionsbündnis ist nach eigenen Angaben ein offener Zusammenschluss von Organisationen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und interessierten Bürgern, welche sich zum Thema Wohnungsnot engagieren. Gemeinsames Anliegen ist es, auf die Schaffung und Sicherstellung bezahlbaren und, gemessen an den Lebensstandards in der Bundesrepublik Deutschland, würdigen Wohnraums für alle Ludwigshafener Bürger aktiv hinzuwirken. Das Aktionsbündnis versteht sich als eine Lobby für alle Menschen in Ludwigshafen, die auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind, insbesondere jene, für die der Zugang zum Wohnen besonders schwierig ist. Ziel des Bündnisses ist Aufmerksamkeit für das Thema Wohnen in der Ludwigshafener Stadtgesellschaft zu schaffen, Wohnungsnot in all ihren Facetten sichtbar werden zu lassen und möglichst viele für das Thema zu sensibilisieren. Folgende Organisationen und Initiativen gehören aktuell dem Bündnis an: AK Asyl Oggersheim, Arbeitskreis kritische Soziale Arbeit Ludwigshafen, Attac Ludwigshafen, DGB Region Vorder- und Südpfalz, Café Asyl Mundenheim, Caritas-Zentrum Ludwigshafen, Caritas Förderzentrum St. Martin, Evangelische Kirche Ludwigshafen, Haus der Diakonie Ludwigshafen, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, Krankenhaus „Zum Guten Hirten“, Mieterverein Ludwigshafen, Frankenthal und Speyer, pro familia Beratungsstelle Ludwigshafen, Ökumenische Fördergemeinschaft, Initiative Respekt: Menschen!, Treff Global, Treff International.

Zur Person: Friederike Rüd und Melanie Paff

Friederike Rüd (69) engagiert sich für das Netzwerk Attac im Aktionsbündnis Wohnen Ludwigshafen. Melanie Paff (50) arbeitet seit 18 Jahren für die Beratungsstelle pro familia in Ludwigshafen, die ebenfalls im Aktionsbündnis vertreten ist. Die Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin ist in der Schwangerenberatung tätig.

Friederike Rüd
Friederike Rüd
Melanie Paff
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