25 Jahre Stiftung Lebensblicke
Warum Darmkrebs auch jüngere Menschen treffen kann
34 Jahre alt ist der junge Mann aus dem Rhein-Neckar-Raum, als bei ihm Darmkrebs diagnostiziert wird. „Ein reiner Zufallsbefund“, sagt er. Für eine Reiseimpfung war er zu seiner Hausärztin gegangen, die ihm zusätzlich zu einen Gesundheits-Check-up riet. Nicht unbedingt nötig, dachte sich der 34-jährige Lehrer, stimmte aber dennoch zu. Sein Glück, wie sich später herausstellen sollte, wurden bei ihm doch erhöhte Leberwerte festgestellt. Bis dahin hatte sich der junge Mann pudelwohl gefühlt. Nur eines fiel zumindest seiner Frau auf, die ihn ermutigte, eine Darmspiegelung machen zu lassen. „Ich bin häufiger als andere auf Toilette gegangen.“
Die Koloskopie brachte es dann ans Licht: Der Vater zweier Kinder hatte einen Polypen, der sich bei der anschließenden Untersuchung als bösartig herausstellte. „Bei jungen Menschen ist das eher ungewöhnlich. Das Kolonkarzinom wird meist jenseits der 50 festgestellt“, sagt sein behandelnder Arzt, Professor Christoph Eisenbach, Chefarzt für Gastroenterologie und Diabetologie an der GRN-Klinik Weinheim. Er ist Mitglied im Vorstand der Stiftung Lebensblicke. Dennoch: Veränderte Stuhlgewohnheiten oder Blutarmut könnten einen Hinweis auf eine Erkrankung sein und sollten abgeklärt werden.
Regelmäßiger Check
„Lieber einmal mehr zum Arzt gehen“, betont Eisenbach. Er rät dringend zum regelmäßigen Gesundheits-Check-up. „Wir rechnen derzeit mit zirka fünf bis sechs Prozent Neuerkrankungen an Darmkrebs bei Menschen unter 50 Jahren. Das sind bei einer Neuerkrankungsrate von rund 65.000 Menschen pro Jahr etwa 3000 bis 4000. Es ist aber davon auszugehen, dass sich die Zahl weiter erhöht. In den Vereinigten Staaten sind es inzwischen zwischen zehn und 15 Prozent“, sagt Professor Jürgen F. Riemann, seit 1997 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verdauung und Stoffwechsel Krankheiten und 1998 Mitbegründer der Stiftung Lebensblicke, die ihren Sitz in Ludwigshafen hat.
Der 34-jährige Lehrer hatte Glück, denn der Polyp wurde abgetragen. Nach einem zweitägigen Krankenhausaufenthalt durfte er wieder nach Hause. „Ich musste nicht operiert werden“, sagt er erleichtert und ist froh, dass das so glimpflich ausging. Er ist dankbar dafür, dass er von allen Seiten so viel Unterstützung erfahren hat. In den nächsten fünf Jahren wird er sich den Leitlinien entsprechend engmaschigen Untersuchungen unterziehen müssen. „Damit kann ich gut leben“, meint er. Dass die Erkrankung Darmkrebs aber auch ganz anders ausgehen kann, das habe er selbst vor rund einem Jahr in seinem direkten Umfeld erlebt. Ein Bekannter starb daran.
Früh erkannt heilbar
Das große Plus des jungen Lehrers war die Tatsache, dass der bösartige Polyp bereits früh erkannt wurde. „Man sieht wie in diesem Fall, dass es auch junge Leute treffen kann. Wir wollen keine Angst schüren. Ganz im Gegenteil. Wenn man frühzeitig kommt, gibt es ein Happy End“, unterstreicht Eisenbach. Während bei den älteren Jahrgängen die Erkrankungszahl dank Aufklärung rückläufig ist, beobachten die Experten bei jüngeren Menschen einen gegenläufigen Trend in Sachen Darmkrebs: insbesondere bei den 20- bis 30-Jährigen.
„Neben einer gewissen genetischen Komponente spielen hier vor allem noch andere Faktoren eine Rolle“, erläutert der Weinheimer Professor. Er nennt die „Klassiker“, wie ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung, Übergewicht und Diabetes als Risikofaktoren. Rotes Fleisch oder kurzkettige Kohlenhydrate, vor allem Zucker, die in Fast Food, Fertiggerichten und stark verarbeiteten Lebensmitteln enthalten sind, schaden auf Dauer dem Darm.
U-50-Studie
Bei dem jungen Mann aus dem Rhein-Neckar-Raum gab es keine Darmkrebsfälle in der Familie. Auch gehört er keiner Risikogruppe an, ist sportlich, nicht übergewichtig, leidet an keiner Vorerkrankung und dennoch hat es ihn „erwischt“. Gerade weil immer mehr junge Menschen von Darmkrebs betroffen sind, beschäftigt sich auch die Wissenschaft in den vergangenen Jahren verstärkt mit dem Thema. Die derzeit deutschlandweit großangelegte Pearl-Studie untersucht gezielt die Risikofaktoren und Ursachen von Darmkrebs in der Altersgruppe unter 50 Jahren.
Das Pearl-Studienzentrum ist am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg angesiedelt. Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen arbeiten zusammen, um neuartige Strategien der Primär- und Sekundärprävention für Darmkrebs gerade auch für diese Altersgruppe zu entwickeln. Wie bedeutsam dies ist, zeigt der Fall des 34-Jährigen. Die Früherkennung des bösartigen Polyps hat ihm mutmaßlich das Leben gerettet. Auch seine zwei Kinder werden im Rahmen des Angehörigen-Screenings in den nächsten Jahren eine Einladung zur Früherkennung erhalten.
Aufklärungskampagne
Gerade für die Aspekte Früherkennung und Prävention wirbt die Stiftung Lebensblicke wie kaum eine andere Stiftung in Deutschland. In diesem Jahr feiert sie ihren 25. Geburtstag. Für Professor Jürgen F. Riemann sind Menschen unter 50 Jahren, vor allem mit den angesprochenen Risikofaktoren, daher eine Zielgruppe, die bisher noch nicht so im Fokus stand. Über die sozialen Medien, wie Facebook, Instagram oder den Videokanal Youtube möchte die Stiftung auch die Altersgruppe erreichen, die bis dato einen großen Bogen um das Thema gemacht hat. „Unser Motto in den sozialen Medien lautet: „Mach kein Scheiß! Geh zur Vorsorge! Man muss manchmal ein bisschen provozieren, um gehört zu werden“, meint Riemann. Recht hat er.
Im Netz
Die Serie
In dieser Serie beleuchten wir die Arbeit der Stiftung Lebensblicke in den vergangenen 25 Jahren. Teil 1 der Serie lesen Sie hier.