Heidelberg
Wahre Liebe: Mit dem 1. FCK durch dick und dünn
„Habt ihr gewonnen?“ „Nein.“ „Habt ihr verloren?“ „Nein.“ „Unentschieden?“ „Nein.“ Dieses Gespräch mit seiner Oma hat sich in das Gedächtnis von Stefan Jung eingebrannt. Und das dazugehörige Spiel auch. Es war der 27. November 1976: Der 1. FC Kaiserslautern lag auf dem heimischen Betzenberg gegen Fortuna Düsseldorf mit 0:1 zurück. Nach 76 Minuten passierte etwas Historisches. Es flogen Flaschen aus der Fankurve, der Schiedsrichter brach die Partie ab. Nebel und ein gebrochener Torpfosten hatten Bundesligaspiele schon vorher mal beendet, aber so etwas hatte es noch nie gegeben.
„Als ich klein war, hat mich mein Opa immer mitgenommen auf den Betzenberg. Und wenn wir zurückkamen, hat die Oma immer von oben die Treppe runtergerufen und gefragt, wie das Spiel ausgegangen ist“, erzählt Stefan Jung. Genau genommen, hat der FCK dann doch verloren, am „grünen Tisch“, wie man im Sport gerne sagt, wenn die Entscheidung nicht auf dem grünen Rasen gefallen ist. Das Spiel wurde mit 2:0 für die Rheinländer gewertet.
Die großen Momente
Stefan Jung, der mittlerweile 57 Jahre alt ist, war bei vielen großen FCK-Momenten dabei. Einige Beispiele gefällig? 1982 das 5:0 im Uefa-Cup gegen Real Madrid, die Meisterparty 1991 beim 6:2 in Köln und im selben Jahr der wohl bitterste Sieg der Vereinsgeschichte, das 3:1 gegen den FC Barcelona, was wegen der 0:2-Hinspielniederlage das Aus im Europapokal der Landesmeister bedeutete.
Fußball hat für den gebürtigen Kaiserslauterer, der mittlerweile in Heidelberg lebt, aber unabhängig von den großen Gegnern seinen Wert. Auf dem Betzenberg und bei den Auswärtsspielen Woche für Woche viele bekannte Gesichter auf der Tribüne wiederzusehen, ist für Stefan Jung ebenso wichtig. Von der Ostkurve über die Westkurve ist er inzwischen auf der Südtribüne gelandet. „Ab einem gewissen Alter ist sitzen gar nicht so schlecht“, sagt der Edelfan und lacht. Viele Jahre hat er die Spieler von der Westkurve aus angefeuert. „Die Oma hat einmal extra eine Fahne genäht“, erzählt er.
Auf Entzug in der Winterpause?
Jetzt in der Winterpause hätte Stefan Jung eigentlich auch mal Zeit, sich aufs Sofa zu setzen und ein bisschen Vierschanzentournee oder Darts-WM im Fernsehen anzuschauen. Tut er aber nicht. Denn auch in dieser Zeit will er nah bei der Mannschaft sein. Und weil die am Dienstag ins achttägige Trainingslager in die Türkei aufbricht, ist er vorsichtshalber schon mal vorausgeflogen. „Ich werde mir das Training anschauen und das Wetter genießen“, sagt Jung. Er wohnt zwar im selben Hotel wie die Stars, gehört aber nach eigenen Worten nicht zu denjenigen, die schon beim Frühstück strategisch vorgehen, um in der Nähe ihrer Lieblinge zu sitzen.
Es ist nicht das erste Trainingslager, bei dem der 57-Jährige mit von der Partie ist. Eines seiner ersten ist ihm in besonderer Erinnerung geblieben. 2017 bereitete sich der FCK im Winter in der Nähe von Murcia in Spanien vor. Aus einer Bierlaune heraus unterschrieb er im Beisein der beiden damaligen Vorstände einen Antrag auf lebenslange Mitgliedschaft bei seinem Herzensverein. „Ich war mir damals erst gar nicht sicher, ob das offiziell war. Dann wurde aber der einmalig zu zahlende Beitrag von meinem Konto abgebucht“, sagt er mit einem Augenzwinkern. 1900 Euro, um genau zu sein. Die Urkunde bekam er im Frühjahr vor einem Heimspiel im Fritz-Walter-Stadion überreicht.
Ein Pfälzer in Baden
Etwas Besonderes sind für Stefan Jung, der Schornsteinfeger ist und in Ludwigshafen-Gartenstadt seinen Kehrbezirk hat, aber auch die Auswärtsspiele. „Die Atmosphäre in St. Pauli oder bei Union Berlin ist schon ebenfalls toll.“ Damit der 57-Jährige mal wieder einen Grund hätte, in die Hauptstadt zu fahren, müsste der 1. FCK eine ziemlich gute Rückrunde spielen. Union spielt nämlich in der Ersten Liga. Und es gibt sicher nicht wenige Fans, die vom Aufstieg der „Roten Teufel“ träumen. Gehört Jung auch dazu? „Einerseits wäre es natürlich klasse. Andererseits käme der Aufstieg vielleicht zu früh“, meint er. Seine Lieblingsgegner sind ohnehin über Erste und Zweite Bundesliga verteilt. „Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart oder der Karlsruher SC – gegen diese Gegner ist es immer etwas ganz Besonderes“, sagt Jung.
Und wie ist es eigentlich, als FCK-Fan in Heidelberg zu wohnen? „Vor ein paar Wochen habe ich einen richtigen Schrecken gekriegt, da kamen mir doch tatsächlich zwei Männer entgegen – der eine im Waldhof-, der andere im Sandhausen-Trikot“, erzählt Jung mit einem breiten Grinsen. Man habe sich freundlich gegrüßt.
