Ludwigshafen / Berlin
„Vorsicht, Scheiß niedrige Decke!!!“: Wie Zettel den Charakter der Großstadt offenbaren
„Piss mich nicht an!“ verlangt ein Karton, der am Vorderrad eines lässig geparkten Motorrollers lehnt. In einem Topf dümpeln die Reste einer mickrigen Pflanze; daneben steckt ein Fähnchen mit einer Notiz in der blanken Erde: „Bist Du jetzt glücklicher mit den geklauten Blumen?? Brauchst Du sonst noch Beratung für ein harmonisches Zuhause …?“ Und ein Mülleimer in Neukölln ist mit dem Bild eines Teddys aufgehübscht, für den in sieben Sprachen ein Finderlohn von 5000 Euro ausgelobt wird. Die gestohlenen Wertsachen seien kein Problem, aber mit dem Teddy sei etwas Unersetzliches verloren gegangen. Ein anderes Mal sucht eine Illustratorin nach einem abhanden gekommenen „Schwein auf Inlines“, ihr erstes Kinderbuch! Oh je!
Die verpasste Gelegenheit
Regelrechtes Kopfkino geht jedoch los, wenn Menschen vermisst werden. „braunhaariges Mädchen mit grauen Kopfhörern. ICH HABE DICH IN DER M10 letzten Sonntag gesehen, gegen 3 Uhr. Du hast mich angesehen, ich wurde verlegen und starrte EINEN KLEINEN HUND AN, DER ZWISCHEN UNS STAND. Als ich an der Husemannstr. ausstieg, habe ich es so bedauert, dass ich dich nicht gefragt habe, ob du mit mir ausgehen willst. WILLST DU MAL MIT MIR ETWAS TRINKEN GEHEN?“ Es sind tragisch verpasste Gelegenheiten von Unbekannten, deren Wege sich kurz kreuzten, und Geschichten, die endeten, bevor sie beginnen konnten.
Eine ähnlich romantische Botschaft von einem Typen, der zu schüchtern war, ein Mädchen anzusprechen, hatte Joab Nist dazu veranlasst, solche Nachrichten im Stadtbild zu dokumentieren und die Fotos auf dem Blog „Notes of Berlin“ zu versammeln, als er 2010 aus München nach Berlin gezogen ist. „Das wahre Berlin kann keiner treffender be-schreiben, als die Berliner selbst“, meint der Kulturwissenschaftler, denn diese Zettel vermittelten „Alltagskultur in ihrer reinsten Form“, „direkt, laut, kreativ, tolerant, freiheitsliebend, skurril, einsam, romantisch und definitiv nicht auf den Mund gefallen“. Der Blog hat sich zu einem Gemeinschaftsprojekt mit über 55.000 Fundstücken entwickelt. Auch seine Masterarbeit hat Joab Nist, Jahrgang 1983, über die Aushänge geschrieben, die den Charakter der Großstadt offenbaren.
Wenn der Schrank Selbstmord begeht
Sie zeugen davon, wie man im nachbarschaftlichen Zusammenleben miteinander ringt: Wie entzückend, wenn jemand einen Heiratsantrag ankündigt, alle dazu einlädt und um ein „10-minütiges Lärm-Verständnis“ bittet. Oder wenn die Geräusche um sieben Uhr morgens entschuldigt werden mit „Mein Hängeschrank hat Selbstmord begangen und mein gesamtes Geschirr mit in den Tod gerissen.“ Mit Kuli hat jemand darunter angemerkt: „Gibt es eine Trauerfeier?“ Eine andere Handschrift ergänzt tröstend: „Scherben bringen Glück.“ Andere Nachbarn wünschen sich wiederum, die Fenster zu schließen, wenn beim nächsten Mal wieder „RICHTIG laut gebumst“ wird – mit einem PS „Atemtechnik war solide!“
Die sichtliche Spur des Seins
Es ist dieser Wille zur Kommunikation, ob aus Ärger, Wut, Trauer, Sehnsucht oder Verzweiflung, der die Leute dazu treibt, sich ein Papier zu nehmen, es zu beschriften und vielleicht sogar in Folie wasserfest zu verpacken, in der Hoffnung jemanden zu erreichen. Allein die Form der Präsentation, die sorgfältigen Schwünge oder das wilde Gekritzel, verrät einiges über die Verfasstheit der Menschen. Sie hinterlassen eine sichtliche Spur ihres Seins. Äußerst ungehalten wirkt etwa das abgerissene Pappschild mit schrägen schmerzverzerrten Buchstaben: „Vorsicht! Scheiß niedrige Decke!!!“
Inzwischen sind Verlage auf die unterhaltsame Zettelwirtschaft aufmerksam geworden, und Joab Nist hat Bücher und Abreißkalender veröffentlicht. Neuestes Spin-off des Projekts, das sich vom Hobby zum Beruf gewandelt hat, ist der Bühnenauftritt, bei dem der Neuberliner laut Ankündigung „staubtrocken und urkomisch“ am Samstag, 14. März, 20 Uhr, im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus die bizarrsten Notizen servieren wird.
Ein perfektes Verbrechen?
Vielleicht ja auch dieses vermeintlich perfekte Verbrechen: „Hello Nachbar. Heute Abend werde ich Stimmen und Schreie für eine Kunst Installation aufnehmen. Wenn ihr solche Kläng horen, keine Sorge, es ist keine Ermordung :) Francesco 4te Stock links.“ Und die ironischen Kommentare im Blog zu diesem Aushang sind mindestens ebenso originell: „Wenn ich morgen eine oder mehrere große Mülltüten wegbringe, ist das auch nur der Verpackungsmüll von den Ketchup-Tüten …“ Manche Anliegen wurden allerdings sicher nicht erhört. Wenn etwa unter dem goldenen Rahmen eines Gemäldes ein Zettel prangt: „bitte hier im Restaurant das Essen nicht instagrammen! (Diesen Zettel bitte auch nicht)“ Frommer Wunsch, natürlich wurde er abfotografiert und ist in den „Notes of Berlin“ gelandet.
Termin und Kontakt
- „Notes of Berlin“ Joab Nist mit den schrägsten Zetteln Deutschlands am Samstag, 14. März, 20 Uhr, im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus, Bahnhofstraße. Karten von 19 bis 28 Euro.
- Die „Notes of Berlin“ kann man hier https://www.notesofberlin.com/ nicht nur durchstöbern, sondern auch einen „Notesletter“ abonnieren.