Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Vorschau: Rainer-Werner-Fassbinder-Abend am Mannheimer Nationaltheater

Blicken mit ihren ersten großen Inszenierungen auf eine Bundesrepublik, die sie selbst nicht erlebt haben: die Regisseurinnen Le
Blicken mit ihren ersten großen Inszenierungen auf eine Bundesrepublik, die sie selbst nicht erlebt haben: die Regisseurinnen Leonie Thies (links) und Jennifer Peterson. Foto: Kunz

Nach Bunuels „Würgeengel“ gibt es am Mannheimer Schauspiel erneut zwei Filmadaptionen. Diese stammen von Rainer Werner Fassbinder, die Inszenierungen von zwei jungen Regisseurinnen. Jennifer Peterson beschäftigt sich mit „Warum läuft Herr R. Amok?“, Leonie Thies mit „Die Sehnsucht der Veronika Voss“. Zweimal geht es dabei um eine Zeitenwende. Premiere ist am 28. November im Werkhaus des Nationaltheaters.

In München, wo er sein „Antitheater“ gegründet und seine ersten Filme gedreht hat, gehört Fassbinder natürlich zum Pflichtprogramm, wenn man Theaterwissenschaften studiert. Leonie Thies kannte den 1982 verstorbenen Regisseur also schon recht gut, als dessen Name bei der Suche nach einer Filmvorlage für einen Theaterabend fiel. Für die im Nach-Wende-Leipzig aufgewachsene Jennifer Peterson dagegen war Fassbinder „Ausland“. Im deutschen Osten waren dessen Filme, die den mühsamen Prozess der Demokratisierung in der BRD der 1970er-Jahre begleiteten, wenig bekannt. Aus mehreren von der Dramaturgie für ein gemeinsames Theaterprojekt vorgeschlagenen Filmemachern entschieden die beiden sich dann für Fassbinder, weil sie dessen „dokumentarischen Blick in die Welt“ schätzen (Thies) und die Art und Weise spannend finden, wie hier „Zeitgefühl eingefangen“ wird (Peterson).

Ein früher und ein später Fassbinder-Film

Die Filme sind allerdings sehr unterschiedlich. „Warum läuft Herr R. Amok?“ stammt aus Fassbinders Frühwerk. Der Film beruht fast ganz auf improvisierten Dialogen, wie sie von Michael Fengler, Fassbinders Regiepartner bei diesem Projekt, vorgeschlagen worden waren. Fassbinder selbst war nur wenige Tage bei dem Dreh dabei und äußerte sich später über den Film sehr kritisch. Kurt Raab spielt den titelgebenden Herrn R., der als unauffälliger Nobody mit Frau, Kind und einem langweiligen Job lebt. In dokumentarisch wirkenden Szenen wird das Leben dieses 30-Jährigen geschildert, Gespräche mit Frau, Freunden, Nachbarn, Kollegen. Es ist die Geschichte eines Übersehenen, Gedemütigten. Eine nervige Nachbarin lässt ihn urplötzlich zu einem Kerzenhalter greifen und drei Menschen erschlagen. Als er verhaftet werden soll, nimmt er sich das Leben.

„Die Sehnsucht der Veronika Voss“ ist der vorletzte Film Fassbinders, entstanden in seinem Todesjahr als Teil der „BRD-Trilogie“ mit „Die Ehe der Maria Braun“ und „Lola“. In allen drei Filmen geht es um die Anfänge der Bundesrepublik mit unbewältigtem Nationalsozialismus und beginnendem Wirtschaftswunder. Veronika Voss ist ein ausrangierter Ufa-Star, den ein begeisterter Sportjournalist zu retten versucht. Die Geschichte ist wie ein Film Noir angelegt. Eine fiese Ärztin, die ihre drogenabhängigen Patienten mit Morphium versorgt, versucht an das Vermögen der Schauspielerin zu kommen. Auch dieser Film endet im Selbstmord der von Rosel Zech gespielten Hauptdarstellerin.

Einzel- und Doppelvorstellungen

Die beiden Filmvorlagen werden zu keinem gemeinsamen Bühnenplot verschmolzen, sondern jede für sich inszeniert und nach der Premiere auch einzeln aufgeführt. Lediglich beim Bühnenbild gibt es verbindende Elemente. „Es wird zwei völlig unterschiedliche Stücke und Erzählweisen geben“, kündigt Peterson an. Bewegliche Bühnenteile stehen bei „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ für den Wiederaufbau der Bundesrepublik. Die fünf Schauspieler übernehmen weitgehend feste Rollen. Bei Leonie Thies werden die 23 Rollen von „Warum läuft Herr R. Amok?“ auf vier Darsteller verteilt. Die Bühne ist nun eine Rasenfläche mit Gartenzwergen, auf denen sich auch Szenen wie aus einem Loriot-Sketch abspielen sollen. Eine „absurde Welt“ hat die Regisseurin in diesem Film entdeckt, die Tragik der Figuren soll trotzdem herausgearbeitet werden.

Peterson sieht in Fassbinders Filmen die Darstellung „eines repressiven Systems“, immer gehe es bei ihm um „Prinzipien von Macht“. Veronika Voss müsse mit einem „Systemwechsel“ klarkommen, einem Wechsel der Ideologie, und suche nun nach neuem Handlungsspielraum. Angesichts der Wahlerfolge der AfD sieht die Regisseurin erneut die Gefahr eines Systemwechsels. Es gehe damit um ganz aktuelle Fragen. Leonie Thies interessiert sich für den Umgang des Einzelnen mit gesellschaftlichen Vorgaben und Rollenmustern. „Wie bewegt man sich in einem solchen System, wie lebt man hier?“ Das stark von den 1950er-Jahren geprägte Frauenbild findet die Regisseurin problematisch, sieht allerdings durchaus Tendenzen für eine Rückkehr zu solchen Rollenmustern bei jüngeren Paaren.

Erste große Inszenierungen

Leonie Thies, 1989 in Meerbusch in Nordrhein-Westfalen geboren, hat in München studiert, danach für die Pina-Bausch-Foundation und als Regieassistentin in Augsburg gearbeitet. In gleicher Funktion kam sie vor zwei Jahren ans Nationaltheater. Genauso lange ist auch Jennifer Peterson hier als Regieassistentin tätig. 1991 in Leipzig geboren, arbeitete sie als Produktionsleiterin, Dramaturgin und Regieassistentin in der freien Szene. Eine Regieassistenz führte sie an die Berliner Volksbühne zum Choreografen Johann Kresnik. Wie bei Leonie Thiess ist der Fassbinder-Abend ihre erste Stückinszenierung in Mannheim.

Termine

Die Premiere ist am Donnerstag, 28. November, 19 Uhr, im Studio Werkhaus des Nationaltheaters. Weitere Doppelvorstellung am 13. Dezember, 19 Uhr. Kartentelefon: 0621/1680-150.

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