Serie Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel Von Tieffliegern gejagt

Hildegard Springer 1950 mit ihren Geschwistern Walter, Susanne und Peter (von rechts).
Hildegard Springer 1950 mit ihren Geschwistern Walter, Susanne und Peter (von rechts).

„Nicht nur die Kriegsjahre selbst waren sehr hart, sondern auch die Jahre danach!“, erinnert sich Hildegard Springer aus Ludwigshafen an den Zweiten Weltkrieg. Sie verlor früh ihren Vater, hat keine Erinnerungen an ihn. Heute denkt sie mit Bewunderung daran, wie umsichtig ihre Mutter sie und ihre drei Geschwister durch die Wirren des Kriegs und die Nachkriegszeit geführt hat.

Im August 1938 kam Hildegard Springer, die seit 1970 in Ludwigshafen lebt, im fränkischen Lichtenberg auf die Welt. Als der Krieg begann, war sie ein Jahr alt. An ihren Vater, Heinrich Wolfrum, hat sie keine Erinnerung. „Er war Pilot bei der Luftwaffe und kam im Januar 1939 bei einem Testflug ums Leben. Bei dichtem Schneesturm flog ihm ein Jagdflieger auf die Kanzel. Er flog so niedrig, hatte keine Chance, auszusteigen!“ schildert Springer, was ihre Mutter Käthe ihr sagte. Die Mutter heiratete etwa drei Jahre später Helmut Hagen, der damals im Messerschmitt-Flugzeugwerk in Regensburg arbeitete.

An die Bombardierung des Werks 1944 kann sich die Tochter erinnern. „Ich war damals so viereinhalb Jahre. Wir hatten ein Pflichtjahrmädchen, und die ist total durchgedreht!“ Und sie erinnert sich an vor Angst verzerrten Gesichter der Menschen in den Luftschutzkellern. „Dann sind alle Familien mit mehreren Kindern aufs Land evakuiert worden. Wir kamen im mittelfränkischen Uttenhofen bei Uffenheim, dem Geburtsort meiner Mutter, unter. Dort bin ich 1944 auch eingeschult worden.“

In Deckung geworfen

Drei Kilometer habe sie täglich gemeinsam mit einer Schulkameradin zur Schule in Uffenheim laufen müssen. Deutlich erinnert sie sich an ihren hellen Schulranzen aus mit Leinen bezogener Pappe. „Den trug ich immer auf der Brust! Es gab damals viele Fliegerangriffe, und so konnten mich die Flieger, wenn ich flach in Deckung lag, nicht sehen! Das war eine ganz schreckliche Zeit!“ Sehr oft kam den Kindern auf dem Heimweg die Mutter entgegen, wenn die Sirenen heulten. Bis in den Winter sei das so gegangen, dann habe ihre Mutter sie nicht mehr zur Schule gehen lassen. „Viel gelernt haben wir in der Zeit ohnehin nicht!“, meint Springer, die später eine Lehre zur Elektrotechnikerin absolvierte.

Sie erinnert auch die Not trotz Lebensmittelkarten. „Man bekam nichts dafür, denn es gab ja nichts!“ Der Stiefvater war im Krieg. Die Mutter musste drei kleine Kinder versorgen. „Gern erinnere ich mich an das Brot, das meine Mutter statt mit Mehl mit Grieß und Hefe gebacken hat. Das hat gut geschmeckt!“ Dafür habe sie Hefe erbetteln müssen.

Patronenhülsen prasseln aufs Dach

Kurz vor Kriegsende waren wieder Tiefflieger unterwegs. Die Kinder waren alleine zu Hause, weil die schwangere Mutter, ausgebildete Krankenschwester, zum Arzt musste. Die sechsjährige Hildegard musste auf ihre ein- und zweijährigen Brüder Walter und Peter aufpassen. Derweil jagten sich ein deutscher und ein englischer Flieger am Himmel, die Patronenhülsen prasselten aufs Dach. „Wir schrien! Es war furchtbar! Ich habe noch nie solche Angst gehabt!“

Kurz darauf zogen die Amerikaner in den Ort ein. „Währenddessen wurde meine letzte Schwester Susanne geboren. Bei Kerzenlicht und abgedunkelten Fenstern.“ Das Kriegsende hat die heute 81-jährige Zeitzeugin noch vor Augen: „Wir saßen in einem Erdkeller, wo die Bauern Most und Kartoffeln lagerten. Der Ort hatte unter Beschuss gelegen. Ein mutiger alter Mann kletterte auf den Kirchturm und hängte ein weißes Bettlaken raus. So sahen die Amis vor einer Zerstörung der Gebäude ab.“ Alle jungen Mägde und Mädchen versteckten sich vor den einrückenden Truppen. Diejenigen, die gefunden wurden, seien von den Soldaten in einer Scheune vergewaltigt worden. „Ich kann mich an die Schreie erinnern, wusste aber damals noch nicht, was da passierte!“

Hunger erlebt

Auch die Zeit nach Kriegsende war geprägt von Hunger. Die spätere Tontechnikerin erinnert sich an den trockenen Sommer 1947. „Da gab’s kaum etwas zu essen. Wir hatten Glück, dass wir uns auf einem Trümmergrundstück Kartoffeln und Gemüse anbauen und ernten konnten. Damit haben wir überlebt!“ Die Bauern seien mit ihrer Hilfe sehr zurückhaltend gewesen, selbst der Verwandtschaft gegenüber. Natürlich habe man „gestoppelt“, es wurde Fallobst gesammelt. „Und ich hab schon mal nen Krautkopf mitgenommen!“, schmunzelt sie. Die Mutter habe zwar gescholten, das dürfe man nicht, aber verarbeitet habe sie ihn dann doch.

Als etwa Neunjährige arbeitete Hildegard mit der Mutter bei einem Bauern auf dem Feld mit. Sie habe sich nicht gefürchtet, im Heuschober ganz oben Heu und Stroh zu stampfen, damit es mehr Platz gab. „Das war sehr garstig, denn von den Grannen waren meine Beine ganz offen! Aber abends haben wir dann Most gekriegt, einen Riesenkanten Brot und ein großes Stück Schinken!“ Nach der Währungsreform 1948 habe sie 50 Pfennige für einen harten Arbeitstag bekommen. Ihr erster Lohn.

Panzer als Spielplatz

Die Kinder auf dem Land erlebten in der Nachkriegszeit auch viel Freiheit. Sie konnten miteinander spielen, wo sie wollten. „Die Deutschen hatten auf der Dorfstraße einen Panzer stehen lassen, das war unser Spielplatz.“ Mit etwa zehn Jahren bekam Hildegard von einer Tante kunstvoll selbstgefertigte Handpuppen eines Kasperltheaters geschenkt. Mit denen hat sie gern gespielt und die hat sie aufgehoben. „Noch heute spielen die Enkelchen gern mit meinen Nachkriegsspielsachen!“, sagt sie.

Bis sie 14 Jahre alt war, lebte sie auf dem Land. Wegen einer Arbeitstelle zog ihr Stiefvater um nach Mannheim, wo ein Bruder ihrer Mutter eine Metzgerei mit Gastwirtschaft betrieb. Bis der Rest der Familie nachzog, kam Springer zunächst bei Verwandtschaft in Lichtenberg unter und besuchte das Gymnasium im 24 Kilometer entfernten Hof. Nach etwa einem dreiviertel Jahr folgte der Umzug in die Kurpfalz. Dort wohnte die Familie in einer kleinen Zweizimmer-Baracke mit gestampftem Lehmboden. Neben dem Besuch des Elisabeth-Gymnasiums war Hausarbeit angesagt. Über ihre Jugend sagt sie: „Es war manchmal hart, aber es gab auch Momente, an die ich mich gern erinnere!“

Lange Jahre im Stadtrat

Hildegard Springer engagierte sich später politisch in der SPD und war über 25 Jahre lang Mitglied des Ludwigshafener Stadtrats. Beruflich war sie unter anderem mit der Einführung des Kabelfernsehen in Ludwigshafen betraut. Ihre Erfahrungen beim Aufbau des Privaten Hörfunks und der Neuen Medien hat sie in einem Buch „RADIO-aktiv“ veröffentlicht und auch ihre Familiengeschichte hat sie aufgeschrieben. Für ihre Verdienste erhielt Springer den Ehrenring der Stadt und das Bundesverdienstkreuz.

Geschichten gesucht

Der Zweite Weltkrieg hat ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben weltweit. So etwas darf sich nicht wiederholen. Darum wollen wir in unserer Serie Ihre ganz persönlichen „Kriegsgeschichten“ erzählen. Wenn Sie Ihre Erinnerungen teilen wollen, schreiben Sie uns eine E-Mail an redlud@rheinpfalz.de oder postalisch an Die RHEINPFALZ, Lokalredaktion Ludwigshafen, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.

Die 81-Jährige blättert in der selbstverfassten Familiengeschichte.
Die 81-Jährige blättert in der selbstverfassten Familiengeschichte.
Hildegard Hildegard mit ihrem Foxterrier „Dina“ (1950) .
Hildegard Hildegard mit ihrem Foxterrier »Dina« (1950) .
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