Ludwigshafen Von Menschen und Mäusen

Frederick ist eine Feldmaus, die verträumt auf eine Wiese starrt. Während seine Artgenossen Tag und Nacht schuften, um Körner, Nüsse, Weizen und Stroh für den Winter zu horten, gibt er den vermeintlich faulen Strolch. Als ihn die anderen fragen, warum er nichts tut, antwortet er: „Ich arbeite doch. Ich sammle Sonnenstrahlen für kalte, dunkle Tage. Ich sammle Farben, denn der Winter ist grau. Und ich sammle Wörter, denn Wintertage sind lang – und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen.“ Dann fällt der erste Schnee, und die Nager ziehen sich in ihr Versteck zurück. Zunächst gibt es noch viele Vorräte. Aber nach und nach gehen sie aus, die Stimmung wird zusehends frostiger. Die Stunde von Frederick schlägt. Er klettert auf einen Stein und fordert seine Freunde auf: „Macht die Augen zu.“ Dann erzählt er ihnen von goldenen Sonnenstrahlen, gelben Kornfeldern, grünen Blättern am Beerenbusch und dichtet über die vier Jahreszeiten. Da wird allen Mäusen ganz warm ums Herz – und der „faule“ Frederick ist plötzlich ihr famoser Held. Diese schöne Geschichte habe ich neulich meinem vierjährigen Sohn vorgelesen. Und als er mich danach fragte, „Papa, spielen wir jetzt noch Kitzelmonster?“, da wurde auch mir ganz warm ums Herz. Von den wahren Monstern unserer Zeit berichteten später die Nachrichtensender auf diversen TV-Kanälen: von Verbrechern, die Frauen missbrauchen, von Rattenfängern, die gegen Ausländer hetzen, von Terroristen, die Touristen in den Tod bomben. Da wurde mir ganz schnell wieder eisig kalt ums Herz. Vor fünf Wochen lautete der Titel dieser Kolumne voller Weltschmerz „(K)ein bisschen Frieden“ – seither hat sich nichts zum Guten verändert. Im Gegenteil. Dazwischen lagen – unter anderem – die abscheulichen Ereignisse von Köln, Todesurteile in Saudi-Arabien und das schreckliche Attentat von Istanbul. Zur „Lügenpresse“ gesellt sich mittlerweile die „Lügenpolizei“. Leider lassen sich die meisten Politiker (und einige Medien) davon in die falsche Richtung treiben, statt Haltung zu zeigen. Die Hardliner wittern Morgenluft. Man möchte ihnen zurufen: Setzt doch erst mal bestehende Gesetze konsequent um, bevor ihr sie verschärft. Härter gegen Täter durchgreifen, das muss doch heißen, sie schneller zu verurteilen, damit sie sofort die Konsequenzen spüren. Versetzt die Gerichte in die Lage dazu. Stattet die Polizei so aus, dass sie auch vor großen Banden nicht kapituliert. Und verpasst den Behördenleitern keinen sozialromantischen Maulkorb. Verängstigten oder unzufriedenen Bürgern möchte man zurufen: Überlegt euch gut, mit wem ihr da marschiert, wenn ihr euch Pegida anschließt. Schaut euch genau das Programm der AfD an, bevor ihr für diese Wölfe im Schafspelz stimmt. Und beobachtet genau, wie zahm diese Brandstifter öffentlich daherkommen und mit welcher Rhetorik sie hinter den Kulissen, im Internet und sozialen Netzwerken agieren. Oder wollen wir den Weg des einst so liberalen Dänemark einschlagen? Dessen von Rechtspopulisten angestachelte Regierung feiert sich in beschämender Weise als Bollwerk gegen Fremde und Flüchtlinge. Unser Nord-Nachbar tritt die Werte einer freien, offenen Gesellschaft mit Füßen – unter dem Beifall der Gesinnungsgenossen aus Ungarn, Polen, Österreich und Italien. Und die restliche EU schaut zu. Da möchte man sich am liebsten in ein Mäuseloch verkriechen – zu Frederick und seinen Freunden. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.