Ludwigshafen Von der Chemiestadt zu den Elwetritschen

Zu einem literarisch-musikalischen Abend mit Rainer Kröhn hat die Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz eingeladen. Kröhn, der auch dem Ensemble Windflüchter angehört, wollte einen Bogen über die Pfalz vom Dubbeglas bis zur BASF spannen. Da blieb viel Luft nach oben.
Er lebe gerne in der Pfalz, könne aber die Mundart nicht sprechen, sagte der in Neustadt geborene und in Mannheim-Niederfeld lebende Künstler. Frühere Versuche mit Mundart-Musik habe er deshalb eingestellt. Das Publikum im Johannes-Ronge-Haus war ihm trotzdem wohlgesonnen. Die Veranstaltung der Freireligiösen Gemeinde gehörte zum Kultursommer der Stadt und des Landes Rheinland-Pfalz. Auf Landesebene ist das Motto „Industriekultur“. Für die Freireligiöse Gemeinde ist das ein wichtiges Thema, denn sie hat historische Verbindungen zur Arbeiterbewegung. Rainer Kröhn möchte gerne kritisch sein und zum Nachdenken anregen. Ein Punkt seiner Kritik setzte an der BASF an. Nun ist es wirklich nicht schwer, Kritikpunkte an einem Chemiekonzern zu finden. Diskussionswürdig sind sie aber erst, wenn sie fundiert und nicht bloß gefühlt sind. Kröhn machte nicht den Eindruck, als habe er sich die Mühe der Recherche gemacht. Sein Einstieg waren Gedanken zum Unglück vom 17. Oktober 2016, bei dem infolge einer irrtümlich angeschnittenen Rohrleitung eine Explosion ausgelöst wurde, bei der fünf Menschen starben und 28 teils schwer verletzt wurden. Laut Kröhn sind die Opfer schon fast vergessen. In einem weiteren Gedicht reimte er: „Man denkt an sie auf Tafeln, so kann man über Unglück schwafeln“. Kurz zuvor fragte er noch, wem Denkmale nützen. Eine durchdachte Auseinandersetzung ist das nicht. Das waren nicht die einzigen steilen Thesen, die Kröhn von sich gab. In einer Sequenz mit Warum-Fragen, die er selbst beantwortete, hörte man dies: „Warum lernst Du Türkisch? Weil mich sonst in 20 Jahren keiner mehr versteht.“ Eine weitere Frage lautete: „Warum lassen wir Parallelgesellschaften und No-go–Areas zu?“ Ob er damit Stimmungen aufgreift oder die eigene Meinung wiedergibt, wurde aus seinem Vortrag nicht deutlich. Inhalt und Form sind nicht einander angemessen. Eine künstlerische Reflexion ist schwer zu erkennen. Seine erstbesten Gedanken von sich zu geben, ist noch keine Kunst. Mit poetischen Formen geht Kröhn sehr großzügig um. Das Versmaß handhabt er sehr locker. Bei den „schweren“ Themen bleibt der Eindruck, dass der Künstler sich verhoben hat. Die leichte Muse liegt Rainer Kröhn mehr. Seine „Ode ans Dubbeglas“ ist nett, den Refrain des Liedchens „Schon wieder ist der Schobbe leer“ hat das Publikum mitgesungen. Die Pfälzer Beschimpfung, bei der alles auf „D“ anfängt und die immer länger wird, ließ schmunzeln. Auch den Elwetritschen hat Kröhn ein Lied gewidmet. Bleibt man bei Sonnenuntergang stehn, kann es geschehn, man bekommt eine zu sehn. Als Zugabe gab es noch einmal das Lied an den Schoppen, den man sich da auch wirklich verdient hatte.