Adventskalender
Von den Anfängen des Rathaus-Centers
14 Kilometer Akten befinden sich im Keller des Ludwigshafener Rathauses. Was davon würdig ist, ins Archiv der Stadt zu gelangen, bestimmt Stefan Mörz, Leiter des Ludwigshafener Stadtarchivs, mit seinen Mitarbeitern. Im Laufe dieses Jahres waren es von sechs Kilometern etwa 300 Meter. Die Ordner enthalten Informationen über die Geschichte und Entwicklung der Stadt oder ihrer Behörden. Mit dem Bau des Rathauses und seiner Bedeutung für die Stadt kennt Mörz sich bestens aus. Pläne, Fotos und Broschüren hat er aus den Regalen des Archivs in der Rottstraße geholt und auf dem großen Tisch im Erdgeschoss ausgebreitet.
Zunächst waren Luxuswohnungen geplant
Auf einem gewaltigen Schiffsrumpf, von Wasser umgeben, sollten drei Segel stehen. Drei noble Appartementblocks mit Luxuswohnungen wollte ein Investor zunächst dort bauen, wo heute das Rathaus auf den Abriss wartet. Mörz zeigt Fotos von den Modellen aus den 1970er-Jahren. Doch der Investor ging pleite. Der Sockel, viel breiter als das Rathaus, war zu dem Zeitpunkt schon fertig. Es entstand die Idee, darauf ein zentrales Rathaus zu bauen. „Wie bei der Hanse sollte Handel und Verwaltung in einem Gebäude sein“, erklärt er. Drei Jahre lang, von 1976 bis 1979, dauerte der Bau. Zahlreiche Bilder mit Kränen und Baufahrzeugen zeigt er aus dieser Zeit.
Eigene Center-Zeitung
„Der Verwaltungstempel und der Kunsttempel, das Rathaus und das Wilhelm-Hack-Museum, öffneten im gleichen Jahr ihre Pforten“, berichtet der 62-Jährige, der in Kaiserslautern aufwuchs. 1979 war der Höhepunkt der Stadtentwicklung nach dem Krieg, sagt Mörz, der seit 1998 das Archiv leitet. „Zur Kulisse der Stadt gehörte im Süden die ,Tortenschachtel’, im Norden das Rathaus, zwei spektakuläre Gebäude“, berichtet er aus dem Jahr 1991, als er in Ludwigshafen anfing. Der Handel im Rathaus-Zentrum blühte. Es gab sogar eine eigene Center-Zeitung. „Bilder und Berichte aus Ihrem Einkaufscentrum“ – so hieß das Blättchen, das Mörz ebenfalls aus dem Archiv herausgesucht hat. Das Lichttor, ein Kunstwerk von Wolf Spitzer, verband – bis vor einigen Jahren effektvoll beleuchtet – am Anfang der Fußgängerzone Verwaltung und Stadt. Hier begannen zahlreiche Demonstrationen und Gedenkaktionen, die im Archiv dokumentiert sind.
Keine Rutschflächen mehr
Die großen Wasserflächen, die Fontäne und hängende Gärten schmückten zu diesem Zeitpunkt noch das Rathaus. Mörz erinnert an den Architekten. Ernst van Dorp (1920 bis 2003), Schüler von Walter Gropius, kannte sich mit repräsentativen Bauten aus. Nach dem Studium in Amerika ließ er sich in seiner Heimatstadt Bonn als freier Architekt nieder. Zwischen 1950 und 2000 prägte van Dorp mit seinen Bauten unter anderem das Regierungsviertel von Bonn, als die Stadt am Rhein noch deutsche Hauptstadt war.
Unkraut statt hängende Gärten
Die frühere Pracht des Rathaus-Centers ist in diesen Tagen allenfalls zu erahnen. An die hängenden Gärten erinnert höchstens etwas Unkraut. Es wird keine zugefrorenen Wasserflächen mehr geben, auf denen die Kinder im Winter rutschen können. Nach und nach erlöschen die Lichter. Auch dieser Verfall ist im Archiv dokumentiert. Das Rathaus-Center dämmert seinem Abriss entgegen. Doch so schnell können die Bagger noch nicht kommen. Im Keller warten noch ein paar Kilometer Akten. Im Archiv in der Rottstraße, wo Wind und Regen durch die alten Fenster pfeifen, ist für sie kein Platz.
Das Haus der Stadtgeschichte am Luitpoldhafen, in das auch das Stadtmuseum umziehen wird, soll den Akten und der Historie von Rathaus und Stadt eine neue Heimat bieten.