Ludwigshafen Vom Silberklang der Sektgläser

International: der European Chamber Choir.
International: der European Chamber Choir.

Pünktlich zur Weihnachtszeit, genauer Nachweihnachtszeit, ist im Mannheimer Karl-Friedrich-Gymnasium ein ebenso reizvolles wie perspektivenreiches Programm vorgestellt worden. Unter Leitung von Bernhard Sieberer führte der Chamber Choir of Europe (Europäischer Kammerchor) eine Auswahl aus Orlando di Lassos (1532-94) Vertonung der vorchristlichen Weissagung der Sibyllen („Prophetiae Sibyllarum“) von der Geburt des Messias, das heißt, der Geburt Jesu, auf.

Die Konzeption der Vortragsfolge war ausgesprochen anregend, indem der Komposition des Renaissance-Großmeisters Lasso, einer der absolut überragenden Gestalten der Musikgeschichte, Arbeiten zeitgenössischer Tonsetzer zum selben Thema oder verwandten Themen gegenübergestellt wurden. Es handelte sich um Stücke von Morten Lauridsen, Eric Whitacre, Ola Gjeilo, Eriks Esenvalds, Komponisten aus Amerika oder Europas hohem Norden, in deren Oeuvre Chormusik und geistliche Werke eine zentrale Stellung einnehmen. Hinzu kam ein Agnus Dei von geradezu bestrickender harmonischer und melodischer Schönheit des englischen Spätromantikers Edward Elgar (1857-1934). Zuerst eine möglicherweise respektlose Feststellung: In mehreren Fällen mutete Lassos Musik wesentlich moderner an als jene der zeitgenössischen Komponisten. Abgesehen von den Arbeiten rigoroser Avantgardisten gibt sich die geistliche Chorkomposition offenbar deutlich traditionsgebundener als die weltliche. Ein avantgardistischer Ansatz war immerhin bei „Stars“ (Sterne ), einem auch melodisch ansprechenden Stück des lettischen Komponisten Eriks Esenvalds, zu erkennen, in dem hohe Töne durch Finger am Rand voll gefüllter Sektgläser erzeugt wurden. Zurück zu Lasso. Mit ihrer kühnen Harmonik, ihren überraschenden Rückungen, scharfen Intervallreibungen und aufregenden Chromatismen ist die im Auftrag seines Dienstherrn Albrecht V., Herzog von Bayern, entstandene „Prophezeiung“ des franko-flämischen Komponisten ihrer Zeit um einige Jahrhunderte voraus. Die Begegnung mit diesem Stück wirkte höchst faszinierend. Dies zumal in so kompetenter, stilvoller, inspiriert inspirierender Aufführung, wie sie ihr jetzt in Mannheim zuteil wurde. Der Chamber Choir of Europe, mit Sängern aus um die fünfzehn Ländern besetzt, begeisterte durch unbestechliche Klarheit der Intonation und perfekt ausgewogenen, ja zum Niederknien schönen Klang von sonorer Fülle. Für den künstlerischen Anspruch des Chors sprach überdies – nicht nur bei Lasso – beredt seine gestalterische Präsenz und der Facettenreichtum des Vortrags unter der stets auf Differenzierung und Ausdruck bedachten Leitung seines österreichischen Dirigenten Bernhard Sieberer. Anerkennung gebührt schließlich den beiden Solosängerinnen Silvia Sabater Martinez und Estelle Solem. Zwischen den Musikstücken las Waltraud Brunst, langjährige Mitarbeiterin des Kulturresorts beim „Mannheimer Morgen“, Gedichte klassischer, romantischer und moderner Autoren, von Goethe und Heine über Hermann Hesse bis Mascha Kaleko. Sie tat es einfühlsam, mit klarer Diktion. Zum Schluss präsentierte die Journalistin noch eigene unterhaltsame Glossen.

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