Ludwigshafen „Viele Täter haben ein Suchtproblem“

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Das Haus des Jugendrechts bearbeitet alle Straftaten, die Jugendliche unter 21 Jahren im Stadtgebiet Ludwigshafen begangen haben, mit Ausnahme von Delikten der Schwerstkriminalität, also Mord, Totschlag und Sexualdelikte. Die Besonderheit des Jurelu: Gleichberechtigt arbeiten hier Polizei, Jugendamt und Staatsanwaltschaft sowie der Pfälzische Verein für Straffälligenhilfe Hand in Hand unter einem Dach, damit junge Straftäter möglichst schnell ihre staatlichen Sanktionen erhalten. Bei Bagatelldelikten, wie etwa Schwarzfahren, erklärt Jörg Haßler, Erster Polizeihauptkommissar im Jurelu, gehe die Akte nach den Ermittlungen der Polizei, also nach Vernehmungen und Zeugenbefragungen, direkt an das Jugendamt, ohne den früher üblichen Weg über die Staatsanwaltschaft zu nehmen. Dadurch werde Zeit gespart. Anschließend bestimme die Staatsanwaltschaft, wie das Verfahren weitergehe. 34.500 unter 21-Jährige leben in Ludwigshafen. 2983 Straftaten wurden im vergangenen Jahr von ihnen begangen. Die Zahl sei seit Jahren auf konstantem Niveau. Bei 90 Prozent der jungen Menschen bleibe es bei einer Straftat, Mehrfachtäter seien selten, weiß Haßler. Jugendsünden nennt er deren Vergehen, etwa Schwarzfahren: „Die Jugendlichen testen Grenzen aus, überschreiten diese auch mal, aber wenn sie dann auf die Finger geklopft bekommen, sehen sie ihren Fehler auch ein.“ Bei vielen Vergehen von Ersttätern entscheide sich die Staatsanwaltschaft für ein sogenanntes Diversionsverfahren: Das Strafverfahren wird häufig eingestellt oder zieht keine Strafe nach sich, stattdessen werden dem Jugendlichen erzieherische Maßnahmen auferlegt, beispielsweise Sozialstunden. Demgegenüber stehen jedoch die Mehrfach- und Intensivtäter. Etwa 70 Jugendliche zählen in Ludwigshafen zu dieser Gruppe. „Quantitativ stellen die kein Problem dar. Aber qualitativ: Denn diese Jugendlichen begehen in einer hohen Frequenz Straftaten“, berichtet Haßler. Aktuell haben sich die Intensivtäter Einbrüchen in Schulen, Kindergärten und auch Gaststätten zugewandt. Dort lassen sie Bargeld, Laptops und Tablets mitgehen, aber auch Süßigkeiten und Getränke. Der Sachschaden, den sie anrichten, ist oft höher als der Wert der Beute. „Viele der Intensivtäter haben ein massives Suchtproblem“, weiß Haßler. Die Sucht verschlinge leicht 300 Euro im Monat. Rund 70 Prozent der Intensivtäter haben laut Haßler einen Migrationshintergrund. Die wenigsten besuchten eine Schule. „Die Familie ignoriert viel, Bildung hat einen geringeren Stellenwert“, sagt er. Das sei ein Problem, warum diesen Jugendlichen nicht beizukommen sei. Die verschiedenen Einrichtungen im Jurelu erarbeiten für Intensivtäter früh einen Fahrplan, erklärt Haßler. Das Jugendamt erstelle einen Fallplan, biete pädagogische Maßnahmen an, es gebe ein Gespräch mit dem Intensivtäter und seinen Eltern. Zudem würden diese Fälle von der Polizei priorisiert bearbeitet, sodass die Staatsanwaltschaft zeitnah nach dem Vergehen Anklage erheben könne und die Jugendlichen schnell merkten, dass ihr Handeln Konsequenzen habe. „Doch dann kommt das eigentliche Problem: Die Gerichte sind überlastet, vor allem die Jugendschöffenrichter“, sagt Haßler. Dass Jugendstraftäter monatelang auf einen Gerichtstermin warten müssten, sei keine Seltenheit. „Das begünstigt die Entwicklung von Intensivtätern. Die denken, sie haben etwas getan, und es passiert nichts, denn die Konsequenz ist erst mal nicht zu spüren. Und irgendwann ist es zu spät“, erläutert der 45-Jährige. Im Gegensatz zur durchschnittlichen Jugendkriminalität, die bundesweit eher rückläufig ist, steigt die Anzahl von Intensivtätern, auch in Ludwigshafen. Waren es nach Haßlers Angaben vor fünf Jahren etwa 40 bis 50 Jugendliche, seien es nun um die 70. Eine Studie der Hochschule der Polizei nennt eine mögliche Ursache: Da die Schere in der Gesellschaft zwischen Arm und Reich weiter aufklaffe, steige die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen. Und damit die Anzahl an Intensivtätern in dieser Generation. Was müsste sich ändern? „Die Polizei kann im Grunde ja nur die Symptome klären“, meint er. Für die Beamten sei es schwer, an die Wurzel des Problems zu kommen. Deshalb müssten die Ausgangsvoraussetzungen dieser Jugendlichen geändert werden, nach dem Prinzip „fördern und fordern“. Aber, so Haßler: „Das dauert lange, und das kostet Geld.“

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