Ludwigshafen Verwandlungen und die Kraft der Liebe

„Nature Theatre“ mit dem Performance-Ensemble Oblivia.
»Nature Theatre« mit dem Performance-Ensemble Oblivia.

Wälder nehmen 86 Prozent der Fläche Finnlands ein. Wen wundert es da, dass sich finnische Künstler intensiv mit dem Thema Natur auseinandersetzen. In der letzten Woche des Festivals „Kultur aus Finnland“ konnten die Zuschauer bei den Auftritten der Performance-Gruppe Oblivia und des Zeitgenössischer-Zirkus-Duos Nuua zwei künstlerische Standpunkte aus dem skandinavischen Land erleben.

Künstlicher Nebel erzeugt eine mystische Atmosphäre. Im dunklen Raum stehen drei Frauen und zwei Männer. Vier Scheinwerfer erhellen den Raum eher spärlich. Es ist still, absolut still. Und es bleibt auch längere Zeit still. Dann heben die fünf Performer ihre Arme, der Zuschauer erkennt schnell, dass sie Bäume darstellen, Bäume, deren Äste sich im Wind bewegen, manchmal auch zittern. „Nature Theatre“ heißt das Stück, das die finnische Performance-Gruppe Oblivia im Studio Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters zeigt. Eine Stunde lang sorgen die fünf Künstler für ein eindringliches Naturerlebnis, manchmal meditativ, manchmal grotesk, manchmal schreiend komisch, stets aber intensiv. Das finnische Performance-Ensemble Oblivia besteht seit dem Jahr 2000. Die Literaturwissenschaftlerin, Tänzerin und Tanzkritikerin Annika Tudeer, die britische Tänzerin Anna Kryzstek und deren Ehemann, der klassische ausgebildete Pianist Timo Frederiksson, sind die Gründer. Tudeer, die künstlerische Leiterin von Oblivia, hatte damals Fördermittel für ein Projekt erhalten. Anlass war der Status Helsinkis als europäische Kulturhauptstadt. Anna Kryzsteks Tod bei einem Unfall am 24. November in Brüssel war ein schmerzlicher Verlust für die Truppe, deren Kreativität und Spielfreude aber ungebrochen sind. Der Schauspieler Mikko Bredenberg, die Tänzerin Anna-Maija Terävä und die Klangkünstlerin Alice Ferl stehen mit Annika Tudeer und Timo Frederiksson im schwarzen Raum des Studio Werkhauses. Terävä mümmelt wie ein Hase, hoppelt über die Bühne, immer wieder innehaltend, den Kopf drehend, dann wieder weiterhoppelnd. Dann steigen die anderen vier auf das Rollenangebot ein, und es macht Spaß zu sehen, wie das Rudel die Bühne für sich einnimmt, wie die Darsteller miteinander agieren, aufeinander reagieren. Die Geräuschkulisse ist dezent und minimalistisch. Sanftes Rauschen der Blätter im Wind, zartes Vogelgezwitscher, das Geräusch eines unglaublich weit entfernten Flugzeugs – alles ist auf das Wesentliche, Essenzielle reduziert. Das machte es einfacher, sich einzulassen und sich zu konzentrieren auf das Spiel mit der Imitation nicht nur von im Wald lebenden Tieren. Auch eine irrwitzig komische Joggergruppe huscht durch den Oblivia-Wald, den die Künstler in einen ganz und gar fesselnden Raum verwandeln. Auf andere Weise fesselnd und nicht minder intensiv war der Auftritt von Katri Salmenoja und Olli Vuorinen im Mannheimer Eintanzhaus. Das Programm „Hede“ ist eines von drei Stücken der Zeitgenössischer-Zirkus-Company Nuua. Hede bezeichnet den die Pollen produzierenden Teil der Blüte. Blühen, Säen, Pflanzen, Wachsen, aber auch Zerfall sind die Themen des Stücks, in dem die Welten der Poesie, der Pflanzen und des Zirkus` einander begegnen. In Katri Salmenojas Lyrik, die in deutscher Übersetzung als Übertitel auf eine Leinwand projiziert wird, geht es um die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehung, um Interaktionen und Reaktionen, um Verwandlungen. In ihren Texten klingt aber auch das Wissen um das Unvermögen der Sprache an, denn manches lässt sich eben nicht sagen, sondern muss gezeigt, muss getanzt werden. Katri Salmenojas Worte und Gedanken in Bewegung umzusetzen, das ist die Aufgabe für Olli Vuorinen, dessen Körperbeherrschung und Beweglichkeit beeindruckend sind, gerade deshalb, weil er das Schwere so leicht erscheinen lässt. Als frisch Verliebter balanciert er einen Blumentopf mitsamt Pflanze auf der Stirn. Liebestoll versucht er die kühl und abweisend reagierende Katri mit seinen Jonglierkünsten zu beeindrucken. Die Kraft der Liebe zeigen die beiden, als sie auf anrührende Weise versuchen, einen abgestorbenen Zweig wiederzubeleben. Am Ende findet das Paar in einer bewegenden Choreographie zueinander, wenn Olii Vuorinen die grünen Samenkörner aus seinem Blumentopf in den seiner Partnerin fallen lässt. Feinsinniger und poetischer lässt sich der Geschlechtsakt kaum darstellen.

Katri Salmenoja und Olli Vuorinen sind der Zirkus Nuua.
Katri Salmenoja und Olli Vuorinen sind der Zirkus Nuua.
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