Mannheim
Ungeahnt aktuell: Annette Dorothea Webers Film zum Braunkohleabbau in der Lausitz
Der Film ist schon seit einer Weile fertig. Dass die Premiere mit anschließender Filmtour durch Ostdeutschland erst jetzt stattfindet – es ist ein gutes Timing. Denn durch die Ereignisse um das abgerissene Dorf Lützerath in Nordrhein-Westfalen hat „Es kommt darauf an das Hoffen zu lernen“ ungeahnte Aktualität bekommen. Und vielleicht sorgt die Aufregung um „Lützi“ vor wenigen Wochen dafür, dass genauer hingeschaut wird, was in der Lausitz passiert, im Osten Sachsens und Süden Brandenburgs, unweit der polnischen Grenze. „Ich habe festgestellt“, sagt Annette Dorothea Weber beim Gespräch in einem Mannheimer Café, „dass viele Menschen ganz wenig oder gar nichts darüber wissen.“
Unterschiede zu Lützerath
Ihr selbst erging es kaum anders. Bis sie 2019 einen Zeitungsartikel über Mühlrose las, der sie elektrisierte. Mühlrose ist ein in die Gemeinde Trebendorf im Landkreis Görlitz eingemeindetes Dorf, unter dem „braunes Gold“ liegt – Braunkohle. Und es ist das letzte von 130 Dörfern, die dem Braunkohleabbau weichen müssen. Seine Einwohnerinnen und Einwohner sollen umgesiedelt werden, in der Nähe entsteht ein am Reißbrett geplantes neues Zuhause für sie. Allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen als in Lützerath. Womöglich wird unter Mühlrose gar keine Kohle mehr abgebaut werden. Weil es dafür noch gar keine Genehmigung gibt, weil es sich wirtschaftlich nicht lohnt, weil der Kohleausstieg beschlossen ist. Und weil das braune Gold hier gar nicht so glänzt, sondern von überschaubarer Qualität ist.
All das stand für Annette Dorothea Weber, die mit ihrem Team vor allem 2021 drehte und in der Zeit um die Bundestagswahl viele Politiker in der Lausitz erlebte, gar nicht so sehr im Mittelpunkt des Interesses. Sondern die Frage, wie es den Menschen in einer Region geht, die seit Jahrzehnten von Umsiedlung geprägt ist. Ganze Generationen haben sie erlebt (und weitergetragen): die Hoffnungen und Enttäuschungen, die sich damit verbunden haben. Das Hin und Her, das eher ein Auf und Ab war. Jahrelang waren Familien im Ungewissen, ob sie würden bleiben dürfen oder ob ihr Dorf dem Abriss, der Zerstörung geweiht war – der „Devastierung“, wie es im Fachjargon heißt und was gleich viel hübscher klingt.
Immer wieder hingefahren
Anders als Journalistenteams, die (gezwungenermaßen) für ihren Beitrag anreisen und schnell wieder weg sind, hat sich Annette Dorothea Weber viel Zeit genommen, um die Menschen kennenzulernen. Drei Jahre lang kamen sie und ihr Team drei oder vier Mal pro Jahr. Sie führten, auch ohne Kamera, viele Gespräche, hörten Geschichten aus der Vergangenheit, besuchten Volksfeste und lernten die Kultur des sorbischen Volkes kennen. Die Sorben, die vor allem in der Lausitz ihre Heimat haben, sprechen eine eigene Sprache und pflegen ihre Bräuche. Der 66 Minuten lange (oder kurze) Film gibt ihnen Raum.
Es ist keine klassische Doku mit Erklärstimme aus dem Off, die Annette Dorothea Weber gedreht hat. Sie nennt ihr Genre „künstlerischer Dokumentarfilm“. Zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern schuf sie Gesprächsanlässe durch künstlerische Interventionen: Audio-Installationen, Performances, Dialog-Formate. Der sorbische Grundriss ist im Wald als Lichtinstallation zu sehen, Annette Dorothea Weber selbst sitzt in der von betörender Musik begleiteten Eröffnungsszene auf einem Feld und befreit Gold von Schmutz. „Wir wollten den Menschen zeigten, dass wir zuhören, dass wir nicht bewerten“, sagt die Regisseurin. „Und wir waren offen für alle Seiten.“ Ein Interview mit Menschen, die im Bergbau arbeiten, habe das Energieunternehmen allerdings abgelehnt.
Seit 1998 in Mannheim
Die Themen Strukturwandel und Energiewirtschaft möchten Annette Dorothea Weber und ihr Team weiter im Blick behalten. Ein neues Projekt soll sich dem Thema Elektrifizierung in verschiedenen europäischen Ländern widmen – und auch die Lausitz wird wieder ein Ziel der Dreharbeiten sein. Zeit, sich solchen aufwendigen Projekten zu widmen, hat Weber, seit sie Ende 2022 nach zehn Jahren die Leitung des von ihr aufgebauten Community Art Center in der Neckarstadt-West abgegeben hat. In Mannheim möchte sie aber bleiben. Hier lebt sie, seit sie nach ihrem Studium der Darstellenden Kunst an der Universität der Künste Berlin 1998 eine Anstellung als Regieassistentin am Nationaltheater bekam. Es ist ihre Homebase – um in die ganze Welt zu reisen, immer auf der Suche nach spannenden Geschichten.
Termin
Die Premiere von „Es kommt darauf an das Hoffen zu lernen“ ist am Sonntag, 19. Februar, 19.30 Uhr, im Cinema Quadrat in Mannheim.