Ludwigshafen Trainerbank statt Bürosessel

NEUNKIRCHEN. Da rennt einer mit Verve an, zieht seine Mannschaft vehement mit, will die Kohlen zur Not alleine aus dem Feuer holen. Dabei ist er ja wahrlich kein junger Hüpfer mehr. Andreas Backmann steuert stramm auf die magische Vierer-Marke zu. In weniger als zwei Jahren wird er 40. Fußball-Opa? Den Eindruck erweckt der Neu-Neunkircher nicht. Auf Oberliga-Niveau kickt er noch leichtfüßig mit, der Ex-Kapitän des FSV Oggersheim.
Stadion Ellenfeld, vergangenen Samstag. Hausherr Borussia Neunkirchen steuert auf die erste Heimpleite zu. Ausgerechnet gegen die kriselnde Arminia aus Ludwigshafen droht dem ambitionierten Saar-Oberligisten eine neuerliche Niederlage, nachdem das Team zuvor bei Spitzenreiter SC Hauenstein mit leeren Händen abgereist war. So etwas wurmt Backmann gewaltig. Bei jedem Standard prescht er nach vorne, um seine Kopfball-Wucht in die Waagschale zu werfen. Am Ende verliert die Borussia 1:3. Schütze des Ehrentreffers: Andreas Backmann, der Einzige, der neben Stürmer Andreas Haas an diesem Nachmittag Torgefahr versprüht. Zwei Kopfballtreffer sehen die Zuschauer im Ellenfeld in dieser Partie. Den ersten markiert nach gut einer halben Stunde Pietro Berrafato, Kapitän und Innenverteidiger der Rheingönheimer. Da wäre ja eigentlich Backmann gefragt gewesen, das Unheil zu verhindern. Als Backmann in der 74. Minute auf der Gegenseite einnickt, ist der Armine nicht so ganz im Bilde. Backmann und Berrafato – herzliches Händeschütteln nach dem Abpfiff. Die beiden verbindet etwas. Teamkameradschaft für eine Weile; mit einem ganz üblen Ende. Von 2005 bis 2009 trug Backmann das Trikot des FSV Oggersheim. Jedoch nicht so oft, wie es der gebürtige Homburger gern getan hätte. Am 28. Juli 2007 führte er den Regionalligisten zum Saisonauftakt beim SV Sandhausen aufs Feld. Nach 18 Minuten die schlimme Szene, die wohl keiner aller damals unmittelbar Beteiligten je vergessen wird. Flanke vors Tor, Backmann kommt vor dem Stürmer an den Ball, geht zu Boden. Sein Torhüter fällt unglücklich auf sein rechtes Bein. Schien- und Wadenbein brechen, der Knochen ragt heraus. Offener Bruch – in solchen Momenten tritt der Fußball ganz weit in den Hintergrund. Backmann wird vom Platz getragen, die Partie fortgesetzt. Für den Kapitän kommt FSV-Ersatzmann Pietro Berrafato aufs Feld; der ist ebenso schockiert wie alle Spieler. Für Backmann folgte eine lange Leidensphase. Erst nach 578 Tagen sollte er sein Comeback feiern. Kaum ist er im Team zurück, verliert er seinen Platz, wird im März 2009 in die Reserve verbannt. In dieser Phase brennt’s schon lichterloh beim FSV, der so hochfliegende Pläne hegte. Kurz darauf gingen die Lichter aus. Insolvenz. „Ich war ja der einzige, der noch Vertrag hatte. Es gab Hickhack, damit ich wechseln konnte“, sagt Backmann rückblickend, ohne Groll. Sein Weg führte ihn nach Elversberg, erst in die Zweite, dann in die Erste Mannschaft. Es ging aufwärts. Zwei Spielzeiten blieb der hochgewachsene Defensiv-spezialist, dann folgte er dem Ruf von Peter Rubeck. Mit dem SVN Zweibrücken feierte er im ersten Jahr Meisterschaft und Aufstieg, spielte dann noch eine höchst erfolgreiche Saison in der Regionalliga. „Rubeck wollte mich ja mit nach Trier nehmen. Aber das wäre noch mal 100 Kilometer weiter gewesen“, winkte der Routinier ab, der in Östringen beheimatet ist, sich dort mit Lebensgefährtin und dem zweieinhalbjährigen Töchterchen Malia wohlfühlt. In Zweibrücken fühlte er sich nach dem Trainerwechsel indes nicht mehr willkommen. Und folgte seinem bisherigen Co-Trainer und Ex-Teamgefährten Daniel Paulus zur Borussia. Paulus heuerte im Ellenfeld als Chefcoach an, der Abwehrstratege übernahm die Co-Trainer-Funktion und eine Führungsrolle auf dem Feld. „Das funktioniert alles nur, weil ich Trainings-Mitverantwortung übernehme“, sagt Backmann. „Selbst trainieren geht ja praktisch nicht mehr.“ Das ist eine Folge jener schweren Verletzung vor mehr als fünf Jahren. Man mag es kaum glauben, aber seither hat Backmann nach eigenen Angaben nie mehr voll trainiert. Einmal die Woche, mehr Belastung sei nicht drin. Und doch hat Backmann bis Ende Mai, bis kurz vor seinem 38. Geburtstag, noch Regionalliga gespielt. Ein Leben ohne Fußball? Schwer vorstellbar, „auch wenn ich ja was Gescheites gelernt habe“, wie er lachend sagt – „erst Kaufmann, Abi nachgeholt, Vordiplom in BWL. Aber für acht Stunden Büro bin ich nicht geeignet“. Mit Kicken aufzuhören, damit kann er sich noch nicht anfreunden. „Mal sehen, wie sich das in Neunkirchen entwickelt“, will Backmann abwarten – noch eine Runde als Co-Trainer weiterspielen oder einen Trainerjob annehmen. Dann aber ein paar Etagen höher als bei Baden-Kreisligist TuS Mingolsheim, den er „nebenbei“ noch coacht. „Immerhin habe ich ja meine Verletzungszeit genutzt, um alle Trainerscheine zu machen. Mir fehlt nur noch die Fußballlehrer-Lizenz.“