Ludwigshafen Todestag von Helmut Kohl: Schwieriges Erbe

Maike Kohl-Richter.
Maike Kohl-Richter.

Heute vor einem Jahr ist Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine Heimatstadt tut sich schwer mit einer Würdigung des CDU-Politikers und hat das Thema auf 2019 vertagt. Kohls Witwe lebt weiterhin im Kanzlerbungalow in Oggersheim. Die 54-Jährige polarisiert.

Der Kanzlerbungalow in der Marbacher Straße in Oggersheim sieht eigentlich aus wie immer. Nur die Polizei fehlt. Die Beamten, die Altkanzler Helmut Kohl rund um die Uhr bewachten, sind einige Wochen nach seinem Tod abgezogen und auf andere Dienststellen im Land verteilt worden. Die Sonderwache im Vorgarten steht leer. Das Wachgebäude soll auch verschwinden. Es wird nicht mehr benötigt. Das Bundeskanzleramt ist für das Gebäude zuständig. „Die Abstimmungsprozesse dauern derzeit noch an“, sagt ein Sprecher des Sicherheitsreferats in Berlin. In der Sache tut sich seit Monaten nichts. Schon bei einer Nachfrage im Januar wurde vom Kanzleramt auf „Abstimmungsprozesse“ verwiesen, ohne diese näher zu erläutern. Der Bungalow des vor einem Jahr verstorbenen Altkanzlers ist nun das Haus seiner Witwe Maike Kohl-Richter. Die 54-jährige promovierte Volkswirtin lebt darin zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Sie war von 2008 bis zu seinem Tod 2017 mit Helmut Kohl verheiratet. Eine Journalistin des Magazins „Stern“ hat sie im Februar ins Haus gelassen. Sie berichtet davon, dass die Witwe die Räume mit vielen Fotos von Helmut Kohl dekoriert hat. Im Untergeschoss hat sie den Amtsschreibtisch ihres Mannes mit Medaillensammlung und Erinnerungsfotos so aufstellen lassen, wie er im Berliner Altkanzlerbüro in der Straße „Unter den Linden“ stand. Mittlerweile ist das Büro aufgelöst worden. Im Interview berichtet die Witwe davon, dass es ihr nicht gut gehe, sie immer noch den Tod ihres Mannes verarbeiten müsse. Weihnachten und Silvester habe sie allein zu Hause in der Marbacher Straße verbracht. Sie habe weder Freunde noch Familie sehen wollen. Sie kämpft in dem langen Gespräch um ihr Ansehen und das ihres Mannes. Dafür zieht sie auch vor Gericht: Ende Mai haben Richter entschieden, dass die Witwe keinen Anspruch auf eine von Helmut Kohl wegen eines Buchprojekts erstrittene Entschädigung von einer Million Euro hat. Kohl-Richter hat angekündigt, dagegen in Revision zu gehen. Sie ist die Alleinerbin des Nachlasses von Helmut Kohl – und dies ist für sie eine Lebensaufgabe. Im Kanzlerbungalow sollen sich noch viele Akten und Briefe befinden, die für Historiker interessant sind. Das Bundesarchiv hat Interesse daran angemeldet. Doch wer das Material bekommt, ist derzeit noch offen. Maike Kohl-Richter möchte dabei auch ein Wörtchen mitreden. Es gibt in Ludwigshafen nur wenige Menschen, die Zugang zu Kohls Witwe haben. Die neue Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) hat nach der Amtsübernahme mit ihr telefoniert. Der neue CDU-Chef und Bundestagsabgeordnete Torbjörn Kartes hat ebenfalls Kontakt. Es ging bei den Gesprächen um eine Würdigung Helmut Kohls durch seine Heimatstadt durch eine Benennung einer Straße oder eines Platzes. Kohl polarisiert auch nach seinem Tod. Im OB-Wahlkampf im vergangenen Herbst schlugen die Wogen hoch, als die Rheinallee in Helmut-Kohl-Allee umbenannt werden sollte. Über 1000 Unterschriften wurden dagegen gesammelt. Der Stadtrat nahm seinen Beschluss wieder zurück. Das Thema ist aufgrund seiner Brisanz von den Fraktionen vertagt worden – auf einen noch festzulegenden Termin nach der Kommunalwahl im Sommer 2019. Es gibt verschiedene Ideen: Die FDP hat vorgeschlagen, den Festsaal im Pfalzbau nach dem Altkanzler zu benennen. Die FWG würde den Ludwigsplatz umbenennen. Die Linke fände die Rheinpromenade einen passenden Ort. Und die LKR hat die nach dem Abriss der Hochstraße Nord geplante neue Stadtstraße ins Spiel gebraucht. Die große Koalition macht erst einmal keinen konkreten Vorschlag mehr. Die Bürger sollen miteinbezogen werden und im Internet über Vorschläge abstimmen. OB Steinruck will ein „geordnetes Verfahren“. Auch die Witwe soll dabei eingebunden werden. Die heutigen Gedenkveranstaltungen an Kohls Grab in Speyer (15 Uhr) und in „seiner“ Kirchengemeinde St. Josef in Friesenheim (16 Uhr) sind von der CDU mit der Witwe besprochen worden. In Speyer wird bei einer Gedenkminute ein Kranz niedergelegt. In Friesenheim findet eine Messe unter Leitung von Dekan Alban Meißner statt. „Wir würden uns freuen, wenn viele Bürger unser Einladung folgen, Helmut Kohl zu gedenken“, sagt Torbjörn Kartes. Neben örtlichen CDU-Politikern wird auch Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer dabei sein. Und auch Maike Kohl-Richter hat ihr Kommen zugesagt. Sie tritt nur selten öffentlich in Erscheinung. Dafür sorgt der Familienstreit mit den Kohl-Söhnen für Schlagzeilen. Meistens kommt Kohl-Richter dabei nicht gut weg. Auch in der Ludwigshafener CDU hat sie Kritiker, die nicht namentlich genannt werden wollen. Sie nehmen ihr übel, dass sie Kohl in den vergangenen Jahren abgeschottet hat. „Es gab nur noch Kontakt zu einigen wenigen Auserwählten“, sagt ein Christdemokrat. Er könnte sich vorstellen, dass Kohls Wohnhaus irgendwann einmal zu einer Gedenkstätte werden könnte – ganz wie bei Kohls Vorbild Konrad Adenauer. Falls Maike Kohl-Richter mitspielt.

Vor einem Jahr: Blumen und Kerzen vor dem Kanzlerbungalow.
Vor einem Jahr: Blumen und Kerzen vor dem Kanzlerbungalow.
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