Mannheim
TanzSüd: Neue Möglichkeiten im Tanz
Freischaffende erhielten, so seit Jahren die Vision von TanzSüd, auf diese Weise mehr künstlerische Arbeits- und Auftrittsmöglichkeiten. Tanzhäuser und Veranstalter können unter dem Dach von TanzSüd im Gegenzug auf neue, da an anderen Orten gewachsene und entwickelte Ästhetiken zurückgreifen. Das zeitgenössische Tanzschaffen in Süddeutschland insgesamt erhalte mehr Sichtbarkeit, auch gegenüber dem sehr viel stärker in der deutschen Szene vertretenen Norden, so die einstige Hoffnung.
Nachdem Akteure in Bayern, unter anderem der erfahrene Tanzproduzent und Tanzveranstalter Walter Heun, die Tanztenzdenz München, die Tanzzentrale in Nürnberg, aber auch und vor allem das Schleudertraum-Festival in Regensburg, das von 2008 bis 2017 existierte, vor rund 15 Jahren begonnen haben, zunächst in der Vernetzung innerhalb Bayerns, dann mit baden-württembergischen Tanzszenen neue Chancen zu sehen, schwappte das Thema wenige Jahre später tatsächlich über die Landesgrenze, wo 2016 das UnterwegsTheater Heidelberg anlässlich seiner Tanzbiennale mit dem Theater und Orchester Heidelberg zum ersten großen „Symposium TanzSüd“ eingeladen hatte – Bernhard Fauser vom UnterwegsTheater ist dabei die Wortschöpfung von TanzSüd originär zuzuschreiben.
Aus den Samen werden Keimlinge
Weitere sieben langsame Jahre später scheinen sich einige der Samen, die vor allem in Bayern vorausschauend gesät worden waren, endlich in Keimlinge verwandelt zu haben. „Ja, wir waren etwas schneller dabei“, scherzte Susanna Curtis von der Tanzzentrale, die für einen weiteren Austausch über TanzSüd vergangene Woche nach Mannheim gereist war.
Mehrere Monate zuvor haben Simone Eliott und Pablo Sansalvador am ROXY Theater in Ulm mit dem ChoreoLab-TanzSüd eine Plattform geschaffen, die Künstlerinnen und Künstler aus Bayern und Baden-Württemberg im Rahmen einer gemeinsamen Produktion durch Süddeutschland tourend zusammenbringt. Die Tanzzentrale Nürnberg, die Tanztendenz München und das Mannheimer EinTanzhaus haben parallel in Kooperation mit Dirk Förster, Kurator des Festivals Schwindelfrei, der der Zusammenarbeit einen neuen Push gegeben hat, das Programm „sehen und gesehen werden“ aufgelegt, bei dem jede Institution Residenzen für Tanzkünstlerinnen und Tanzkünstler aus dem jeweils anderen Bundesland anbietet. Dabei war im Herbst die Mannheimer Tänzerin und Choreographin Miriam Markl in München zu Gast.
Austausch auf unterschiedlichen Ebenen
Bis vor wenigen Tagen arbeitete Stephan Herwig, einer der profiliertesten Choreographen in der freien Szene in der Landeshauptstadt, gemeinsam mit seinem Team in den Quadraten. Daria Holme ist ein Fan des länderübergreifenden Residenz-Projekts. „Mit anderen Institutionen und Städten gemeinsam neue Möglichkeiten für Tanzschaffende zu entwickeln und umzusetzen ist uns ein großes Anliegen“, so die künstlerische Leiterin des EinTanzHauses. „Alle profitieren von so einem Netzwerk. Freischaffende können ungestört in einer anderen Umgebung arbeiten, neue Strukturen, Kolleginnen und Kollegen kennenlernen, sich einem anderen Publikum vorstellen und Kontakte knüpfen. Wir Institutionen unterstützen die Künstlerinnen und Künstler der eigenen Stadt und treffen gleichzeitig auf neue Stimmen aus anderen Städten. So lernen wir miteinander und voneinander innerhalb des Netzwerks. Der Austausch erweitert das Blickfeld und auch die Möglichkeiten auf ganz unterschiedlichen Ebenen.“ Die aktuelle TanzSüd-Residenz ist der jüngste Neuzugang in der langen Reihe von Residenzen am EinTanzHaus. Insgesamt waren 2023 neun Künstlerinnen und Künstler in unterschiedlichen Teams am Haus, drei präsentierten anschließend in Mannheim die Premiere ihres Stücks. Residenzen sind Holme innerhalb des Spielplans am EinTanzHaus wichtig. „Residenzen sind Freiräume, in denen Künstlerinnen und Künstler ohne Produktionsdruck Zeit bekommen, sich ganz auf ihre momentane Arbeit zu konzentrieren. Darin liegt ein wichtiger Baustein künstlerischen Entwicklung“, erklärt Holme weiter. „Ob ein Prozess während der Residenz gezeigt wird oder nicht, wird gemeinsam entschieden. Auch das gehört zum Freiraum. Für manche ist das eine wichtige Momentaufnahme des eigenen Standpunktes. Für das Publikum ist es eine Möglichkeit, Einblick in die Entwicklung einer Arbeit zu erhalten und mit den Künstlerinnen und Künstlern über ihre Arbeitsmethoden ins Gespräch zu kommen“.
Stephan Herwig hatte sich vergangene Woche für einen offenen Abend entschieden. Die Stadt kennt ihn noch nicht. Dass Herwig viele Jahre lang zunächst als Tänzer in Stücken des eine eigene Ästhetik prägenden Micha Purucker in München zu erleben gewesen ist und danach eigenständig und mit einem völlig anderen thematischen Ansatz als Choreograph einen individuellen und starken Weg entwickelt hat, ist hier noch nicht verbreitet, Herwigs Stil ist, das weiß jeder, der ihn schon mal gesehen hat, immer nach Reduktion strebend. „Ich hoffe so, zu einer umso größeren Vielfalt und Komplexität der Bilder zu kommen,“ sagt er. Man sucht diesen Stil noch in Mannheim. Ähnlich, und doch völlig anders als Eric Trottier, Mannheims Ausnahme-Choreograph in der freien Tanzszene, bringt Herwig die Stille und die in ihr stattfindenden Sensationen, Eruptionen und Explosionen hervor. Das Menschenbild, das er in seiner Kunst verhandelt, liegt fern jeder derzeit das Menschenbild, Leben und Gesellschaft komplett verändernden Digitalisierung und KI.
Arbeit mit Atem und Bewegung
Inhaltlich geht es ihm in seinem Arbeitsprozess derzeit um Intimität, sagt er. Ausgangspunkt sei das Atmen. Gemeinsam mit Gaetano Badalamenti, seinem Bewegungscoach, zeigte er dann dem Publikum, wie die künstlerische Arbeit mit Atem und Bewegung aussehen kann. Das Ergebnis dieser Improvisation war verblüffend und wunderschön. Da sich beide mit unendlicher Langsamkeit bewegten, fokussierte das Auge rasch Details und entdeckte neue Bilder. Der Arm des einen Körpers schien dem anderen anzugehören. Der Oberkörper des anderen zu den Beinen und Füßen des einen. Das Spiel der Körper ließ auch über die Grundkomponenten von Skulptur nachdenken. Statt Körper sah man Masse, Volumen und Form, leeren Raum und Durchgänge. Dann kippte das Sehen wieder, als ob man durch ein Kaleidoskop sieht. Man ertappte sich bei der Frage, wie viele Menschen wohl auf der Welt in den unterschiedlichsten Städten und Ländern in ihren Wohnungen im intimen Raum ihrer Zweiheit diese oder jene soeben gesehene Minibewegung, die Gesichter in nächster Nähe zueinander, die Augen geöffnet, vollzogen haben.
Voller Anteilnahme entfaltete sich danach ein Gespräch zwischen Publikum und Künstler. Anwesend waren viele aus TanzSüd, und auch die Mannheimer Kulturamtschefin Ewa Wojciechowska hatte es sich nicht nehmen lassen, sich den offenen Prozess persönlich anzusehen. Daria Holme sollte Herwig für 2024 einladen. Herwigs Stil passt zu Mannheim.