Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Suppenküche: Mehr als den Hunger im Magen stillen

Erstmals seit Ausbruch der Corona-Pandemie kann heute im Hemshof wieder gemeinsam Heiligabend gefeiert werden.
Erstmals seit Ausbruch der Corona-Pandemie kann heute im Hemshof wieder gemeinsam Heiligabend gefeiert werden.

Erstmals seit zwei Jahren kann in der Suppenküche an Heiligabend wieder gemeinsam Weihnachten gefeiert werden. Doch Armut und Einsamkeit sind immer ein Thema. Wegen der Energiekrise sind die Öffnungszeiten ausgedehnt worden. Die Not ist größer geworden. Eine Rentnerin erzählt, warum sie dankbar ist für das Angebot.

Alle Jahre wieder gerät zur Weihnachtszeit das Leben von Obdachlosen und Bedürftigen in den Fokus. Auf Facebook und Co. werden Telefonnummern von Kältebussen geteilt und zu Spenden aufgerufen. „Aber eigentlich hat die Obdachlosigkeit immer Saison, da gibt es kaum jahreszeitliche Schwankungen“, sagt Vera Klaunzer. In der Suppenküche in Ludwigshafen bieten die Sozialdiakonin und ihr Team bedürftigen Menschen von montags bis freitags eine warme Mahlzeit an. Nun ist die Vorfreude groß, dass zum ersten Mal seit 2019 wieder Heiligabend gemeinsam gefeiert werden kann.

Auf den Tischen im Berta-Steinbrenner-Saal im oberen Stock des Gemeindehauses neben der Apostelkirche im Hemshof wird Adventsschmuck dekoriert. Schon um 10.30 Uhr sind die ersten Gäste da, obwohl es noch mindestens eine Stunde bis zum Essen dauert. Ältere Männer, die relativ wenig Deutsch sprechen, spielen Karten und Würfeln um die Wette. Ein „Wärmewinter“ soll es in dieser kalten Jahreszeit für die Gäste sein. Unter diesem Stichwort hat man die Öffnungszeiten der Suppenküche (sonst 11.30 bis 13 Uhr) im Hemshof erstmalig auf 10 bis 15 Uhr ausgedehnt. „Damit Menschen, die es zu Hause nicht so warm haben oder die gar kein Dach über dem Kopf haben, sich länger im Warmen aufhalten können“, erklärt Klaunzer.

Rentner, Sozialhilfeempfänger und wohnungslose Menschen finden in der Suppenküche im Hemshof tägliche eine warme Mahlzeit vor.
Rentner, Sozialhilfeempfänger und wohnungslose Menschen finden in der Suppenküche im Hemshof tägliche eine warme Mahlzeit vor.

Bis zu 80 Menschen werden versorgt

Die Energiekrise macht sich eben vor allem im Geldbeutel der Ärmsten bemerkbar. Eine andere „Krise“ hat die Einrichtung gerade erst hinter sich. Fast zwei Jahre lang konnte die seit 1994 existierende Suppenküche aufgrund der Corona-Pandemie nur ein Mitnahme-Essen anbieten. „Der soziale Aspekt, das gemeinschaftsstiftende Gefühl war während Corona weggefallen“, bedauert Klaunzer. In dieser Zeit sei aber auch die Not gestiegen, und gleichzeitig die Hemmschwelle gesunken. Mit Maske vorm Gesicht und einem sehr kurzen Aufenthalt, trauten sich spürbar mehr Bedürftige, das Angebot mit kostenloser Suppe oder Eintopf zu nutzen.

Viele sind geblieben. Bis zu 80 Menschen suchen mittlerweile fast täglich die Suppenküche auf. Darunter viele Senioren, darunter frühere Gastarbeiter, die von einer kleinen Rente leben. Aber auch Menschen mit körperlicher oder psychischer Erkrankung, die nicht mehr arbeitsfähig sind, Menschen in bedrückenden Wohn- und Lebensverhältnissen und Menschen ohne feste Bleibe. 16 Kirchengemeinden decken in verschiedenen Team-Gruppen die Dienste an allen 52 Wochen im Jahr ab. Hinzu kommen Kooperationen mit Schulen oder der BASF.

Reste gibt es nicht

Heute teilt der große Chemie-Konzern das Essen aus. Eine kräftige Kartoffelsuppe steht auf dem Speiseplan. Schnell bildet sich um 11.30 Uhr eine lange Schlange. Dann ist es an den Tischen im mittlerweile voll besetzten Saal mucksmäuschenstill, hört man nur noch die Löffel klappern. Reste gibt es hier keine. Auch nicht bei den Kaffeestückchen, die von einer Bäckerei gespendet werden. Mit Brotstücken in der Tüte sowie einer Suppenbox für das Abendessen ziehen viele Gäste gleich wieder weiter.

Helga Meinecke besucht seit fast 20 Jahren die Suppenküche.
Helga Meinecke besucht seit fast 20 Jahren die Suppenküche.

Helga Meinecke aber bleibt gerne noch ein Weilchen. Die 83-Jährige besucht schon seit fast 20 Jahren die Suppenküche. Was sie neben dem Gratis-Essen schätzt? „Die Freundschaft und Kameradschaft, den Zusammenhalt und vor allem das gegenseitige Verständnis“, sagt sie. Einen festen Sitzplatz habe sie nicht. Der wechsele, wie das Leben. „Ich habe schöne und schlechte Phasen erlebt, das Schicksal kann man nicht aufhalten“, sagt sie.

Kleine Geschenke

Bei der BASF, in Viernheim in einer US-Kaserne habe sie früher gearbeitet und einmal sogar auf einem Schiff. In Frankreich und in den USA lebte sie zeitweilig mit ihren Mann, der früh verstarb. Als Alleinstehende lebe sie nur von einer kleinen Rente. Und obwohl sie nur wenig hat, gibt sie gerne. Holzfiguren für eine Weihnachtskrippe hat sie für den Hausmeister dabei. Mit der Sitznachbarin tauscht sie Kleider für den Winter aus. Das Zusammensein habe sie während der Pandemie besonders vermisst. Vor allem das gemeinsame Weihnachtsfest.

2020 und 2021 gab es im Freien eine kleine Feier mit Feuerschalen und Drehorgelspieler, diesmal aber kehrt man wieder zur bewährten Tradition zurück. Mit einem Festessen und einer Bescherung, mit kleinen Geschenken für alle Gäste. Helga Meinecke wird auf jeden Fall da sein. „Heiligabend in der Suppenküche ist etwas ganz Besonderes und richtig feierlich. Das lasse ich mir nicht nehmen“, erklärt sie. Erst am nächsten Tag werde sie ihre Tochter besuchen. In den letzten zwei Jahren habe sie alleine gefeiert. „Aber auch das ist rumgegangen“, sagt sie.

Sozialer Austausch

Die Arbeit in der Suppenküche betrachtet Vera Klaunzer als zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite stehen die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. „Das kann immer überraschend sein, man weiß nie, in welcher speziellen Lage sie sich befinden“, betont sie. Auf der anderen Seite ist da die utopische Frage, wie eine Welt aussähe, die gar keine Einrichtungen für Menschen in Notlagen bräuchte. „Viele sind auf sich alleine gestellt. Wir Nicht-Betroffenen unterschätzen oft die Bedeutung eines geschützten Raumes“, so Klaunzer. Ein Ort, wo nicht verurteilt, wo die Menschen nicht nach ihrer Hygiene oder dem Kleidungsstil beurteilt werden. Wo nicht nur der Hunger im Magen, sondern auch die Sehnsucht nach sozialem Austausch gestillt wird.

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