Ludwigshafen
Sufi und Sampling: Die Sängerin Simin Tander und der E-Musiker Jan Bang im BASF-Gesellschaftshaus
Funktioniert das? Eine Sängerin, die Sufi-Gedichte vertont und Leonard-Cohen-Songs covert, und ein Musiker und Produzent, der mit programmierten Sounds und Live-Samplings arbeitet? Das Ganze spontan und ohne viel Vorbereitung? Bei der Konzertreihe „Face to Face“ ist dies die Vorgabe: Zwei Musiker begegnen sich erstmals auf einer Konzertbühne, kommunizieren mit Musik und mit Worten. Das Publikum weiß dabei genauso wenig, was passieren wird wie die Veranstalter vom BASF-Kulturprogramm und die Kuratorinnen Alexandra Lehmler und Carine Zuber, die sich das ausgedacht haben.
Weil es hier um Jazz geht, um improvisierte Musik, ist das Risiko wiederum überschaubar. Auch beim letzten Konzert der Reihe am Freitag klappte es ganz gut. Die deutsch-afghanische Sängerin Simin Tander hatte ihre poetisch-eindringlichen Songs und ihre wandlungsfähige Stimme mitgebracht, der Norweger Jan Bang sein elektronisches Equipment. Ganz unbekannt waren sich die beiden auch nicht, nach der Einladung nach Ludwigshafen hatten sie sich schon mal in Oslo getroffen und „ein bisschen ausprobiert“, wie Bang zugab. Und weil das offenbar gut klappte, überredete er die Sängerin auch gleich noch zum kurzfristigen Mitwirken auf seinem neuen Album.
Gänzlich unvorbereitet auf die Bühne zu gehen und loszulegen, ist bei diesen beiden auch kaum möglich. Simin Tander hat für ihr aktuelles Album „Unfading“ Texte afghanischer Dichterinnen vertont, dabei arabische Musik mit europäischem Kunstlied und Jazzimprovisation zu etwas sehr Eigenständigem verschmolzen. Die emotionale Bandbreite der Songs ist enorm, reicht von poetisch-sanfter Schönheit bis zu schmerzvoll-archaischer Intensität. Tanders Stimme bewältigt all diese Abstufungen mühelos, sie singt eingängig wie eine Popsängerin, klangvoll wie eine Operndiva, improvisiert in Fantasielauten, säuselt, pfeift, flüstert, schreit. Auch wenn man die auf Paschtu gesungenen Texte nicht versteht, ahnt man, dass es hier um Grundfragen des Lebens geht.
Manchmal hat Jan Bang diese großartige Sängerin einfach am Flügel begleitet, einfühlsam, sparsam, die Schönheit der Melodien in wenigen Tönen verdichtend. Auch wenn er zum Tisch mit den elektronischen Gerätschaften wechselte, blieb diese höfliche Zurückhaltung, schlich er sich mit seinen Sounds ganz vorsichtig in Tanders Musik, unterlegte eine Basslinie, ließ es perkussiv klackern und knistern, fügte geräuschhafte Klänge oder Streicherpassagen hinzu. Später wurde er mutiger, sampelte live Stimme und Klavierspiel von Tander, rhythmisierte die Klangpartikel, veränderte und verfremdete sie. Es entstand ein eigenständiger elektronischer Klangkosmos, auf den wiederum Tander mit ihren Vokalimprovisationen reagierte. Hier wurde es richtig spannend.
Um ein komplettes Konzert in dieser Weise zu gestalten, hätte es aber wohl mehr Vorarbeit bedurft. Hier sollte ja etwas Gemeinsames entstehen und nicht, wie dies bei dem von Bang und seinem langjährigen Partner Erik Honore entwickelten Punkt-Festival in Norwegen geschieht, ein Konzert in einem anschließenden Remix eine zweite Auflage erfahren. Tander und Bang, beide bereits beim Festival Enjoy Jazz zu erleben, hatten für ihren Duoauftritt eine Auswahl eigener Songs mitgebracht, die gemeinsam interpretiert wurden. Tander steuerte neben den afghanischen Vertonungen auch ein Gedicht des persischen Sufi-Dichters Rumi bei und Leonard Cohens „Sisters of Mercy“. Cohens Ballade schunkelte erst poesietrunken im Dreivierteltakt, bis Bang der Sache eine entschlossene Wendung ins Atonale gab. Am Ende sangen sie auch den gemeinsamen Song von Bangs demnächst erscheinendem Album: „Food for the Journey“, geschrieben von Erik Honore. Auch dies eine schöne Popballade, die es nicht gegeben hätte ohne die experimentierfreudige Konzertreihe in Ludwigshafen. In der kommenden Saison soll es eine Fortsetzung geben.