Mannheim
Street-Art-Projekt „Stadt.Wand.Kunst“: Die Straßen werden bunter
Der Gast aus Köln hat sich aber nicht nur an die Arbeit für dieses neue Wandbild gemacht, das künftig das Urban-Art-Museum bereichern wird, sondern auch einen Transporter des regionalen Carsharing-Anbieters „stadtmobil Rhein Neckar“ gestaltet.
Eine Verkäuferin steht in einem Blumengeschäft und nippt an ihrem Kaffee. Offensichtlich legt sie gerade eine kleine Pause ein. Die Szene atmet eine gemütliche Atmosphäre in orangenen, blauen und violetten Farbtönen. Die werden gerade von Gizem Winter aufgetragen. Die junge Frau aus Köln befindet sich auf einer Hebebühne in luftiger Höhe, während sie den Pinsel an eine Leinwand legt. Dabei handelt es sich um eine Hausfassade im Quadrat F7. Ihre „Frau im Blumenladen“ reicht gut zehn Meter hinauf bis unter das Dach und ist das 37. Mural des Mannheimer Street-Art-Projekts „Stadt.Wand.Kunst“.
Von der Szene wärmstens empfohlen
Sören Gerhold, Leiter des Kulturzentrums Alte Feuerwache, hat es sich nicht nehmen lassen, einen Blick auf das jüngste Werk zu werfen. „Gizem Winter wurde uns von der Szene in Köln wärmstens empfohlen“, bemerkt er. Wie man sehen könne, habe es sich gelohnt, sich auf den Rat der Kollegen aus der Domstadt zu verlassen. Winter, die Grafikdesign studiert hat und als Illustratorin arbeitet, ist eine vielversprechende Newcomerin in der modernen Straßenkunst.
Der Schwerpunkt ihrer kreativen Tätigkeit liegt auf figurativen Illustrationen und Charakter-Design, das auf kräftigen und lebendigen Farben basiert. Dabei hat sich die junge Künstlerin bislang auf Musikcover, Poster-Art, Brandings und Illustrationen konzentriert.
Transportfahrzeug verschönert
Dali Tadic, die für das Marketing beim regionalen Carsharing-Anbieter „stadtmobil Rhein-Neckar“ zuständig ist, verweist auf einen weiteren Grund zur Freude, der ganz in der Nähe vor dem Mural steht. Gizem Winter hat ihre Zeit nämlich auch dafür genutzt, um eines der Transportfahrzeuge des Unternehmens mit einem der Charaktere aus ihren Zeichenserien zu verschönern.
Nachhaltige Mobilität und die Förderung von regionalen Künstlern, so Tadic, gingen bei der Kooperation zwischen Unternehmen und Kulturzentrum Hand in Hand. Und genau da berühren sich demnach die Ziele der Partner, wie auch Sören Gerhold unterstreicht: „Neben internationalen Größen der Street-Art-Szene haben wir als Betreiber des Open-Air-Museums immer schon ein besonders Augenmerk auf die Förderung von nationalen und regionalen Newcomern gelegt“.
Wandbild in guter Gesellschaft
Das Wandbild von Gizem Winter befindet sich übrigens in guter Gesellschaft. Im F-Quadrat kann man auf dem täglichen Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder Flanieren bis zu fünf großen Wandgemälden begegnen. Hier nimmt das Urban-Art-Museum unter Mannheimer Himmel wahrhaftig Gestalt an. „Diese Stadt wird tatsächlich immer bunter“, stellt Gizem Winter mit einem Lächeln fest. Sie kann das beurteilen, weil sie in den vergangenen Jahren immer wieder hier zu Besuch war.
Die Künstlerin kann bei der Gestaltung ihrer Ästhetik aus der Inspiration zweier Welten schöpfen. Ursprünglich aus der Türkei stammend, wohnt sie seit nun schon zehn Jahren in Köln. Die Figuren, die sie malt, wobei das Mural in Mannheim ihr bisher größtes Werk ist, bilden Menschen in diversen Szenarien, ganz oft aber bei der Arbeit ab. Meistens handelt es sich um Frauen. „Ich habe den Eindruck, dass Frauen in der Kunstgeschichte lange eher im Hintergrund standen“, spricht sie über ihre Betrachtungsweise. „Sie waren Models oder Musen ihrer männlichen Maler, aber viel zu selten in einer aktiven Rolle als Künstlerinnen“. Der feministische Aspekt kommt bei ihr aber nie mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern kleidet sich stattdessen in ein farbenprächtiges Gewand, das bei der Betrachtung gute Gefühle hervorruft. Es fühlt sich bei aller Tiefe wie ein ewiger Sommer an.
Für Produktivität sind Pausen wichtig
„Heute haben Frauen in der Kunstwelt deutlich mehr Aufmerksamkeit“, stellt sie mit einem fröhlichen Lachen dazu fest. Stilistische Feinheiten mögen bei ihr augenscheinlich sein, denn Künstlerinnen brächten unter anderem einen ganz anderen Blick auf den Körper einer anderen Frau in ihr Schaffen mit ein. Dass sich ihre Figur in F7 eine Pause gönnt, spiegelt auch eine Facette ihrer selbst: „Früher habe ich mir bei der Arbeit kaum eine Pause gegönnt, doch gerade in der Zeit der Pandemie habe ich verstanden, dass ich solche Momente brauche, um weiter produktiv sein zu können“. Ihre „Frau im Blumenladen“ ist ein Ausdruck all dieser Facetten und befindet sich übrigens in unmittelbarer Nähe eines Blumenhandels. Wenn das einmal kein Zeichen ist.