Ludwigshafen Stimmen Europas

Seit 15 Jahren besteht die Lesereihe „Europa/Morgen/Land“ in Mannheim, Ludwigshafen und neuerdings auch in Frankenthal. Bereits 2002, gerade war ihr Debütroman „Eigentlich ein Heiratsantrag“ erschienen, war die Autorin Jagoda Marinic das erste Mal hier zu Gast. Nun kam sie zurück und las im gut besuchten Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus aus ihrem neuen Roman „Restaurant Dalmatia“.
Es war wirklich an der Zeit. Die 37-jährige Heidelberger Autorin hat seit ihrem Debüt einen weiteren Erzählband, zwei Romane, verschiedene Theaterstücke und eine „Gebrauchsanweisung für Kroatien“ veröffentlicht. Zur Zeit arbeitet sie an einem Bühnenstück (Projekttitel: „Mehrsprache“) für das Mannheimer Kinder- und Jugendtheater Schnawwl. „So wie die Reihe reift, reift auch die Autorin. So wie die Themen reifen, reift auch die Literatur“, meinte einführend die Moderatorin Semira Soraya-Kandan. Über ihr literarisches Werk hinaus hat sich Jagoda Marinic längst auch als Journalistin einen Namen gemacht und ist inzwischen ebenfalls auf diesem Gebiet bekannt als eine Frau, die sich einmischt, einbringt und, besonders was Migrationsfragen angeht, die öffentliche Diskussion mitprägt. Mit den Themen, die sie seit jeher, auch in „Restaurant Dalmatia“, verhandelt, passte Jagoda Marinic bestens in diese Lesereihe, die die Dynamik der Globalisierung besonders in europäischen Perspektiven präsentiert und nachzeichnet, wie nationale Grenzen immer mehr an Bedeutung verlieren. Das Restaurant Dalmatia, das dem Roman den Titel gibt, findet sich im Berliner Wedding. Mia Markovich, die Hauptfigur des Romans, kehrt nach beruflich erfolgreichen Jahren in Toronto hierhin zurück. Die jugoslawische Gastwirtschaft, geführt von ihrer Tante Zora, wird der Dreh- und Angelpunkt ihrer Rückschau auf die eigene Kindheit und Jugend. Mia ist im Wedding aufgewachsen, im Schatten der Mauer, von der sie damals immer wieder Polaroids geschossen hat. Im Restaurant hat sie ausgeholfen. Das „Dalmatia“ war ihr eine Heimat, eine von mehreren, zu denen sie sich zurückbegibt durch verschiedene Schichten der Erinnerung. Ihre Rückkehr nach Deutschland ist eine Reise ins Gestern, ins Westberlin der Wendezeit und nach Kroatien, das Land ihrer Eltern. Als sie erstmals wieder vor dem Restaurant steht, spielt ihr Gedächtnis sofort die alten Bilder wieder ein, die alten Farben und Gerüche der praktischen weißen Plastikgartenstühle und der pflegeleichten blauen Plastiktischdecken. Mia, die nach Kanada gegangen ist, um ohne Vergangenheit zu leben, trifft in Berlin Menschen wie Zora und deren Sohn Ivo wieder, den Spanier Jesus, und hört von ihren Eltern und Großeltern. Nebenbei erzählt sich die Geschichte der Nationen Europas, mit denen ihre Leben verbunden sind oder waren. Jagoda Marinic sah sich bei ihrer Lesung vor die Frage gestellt, welche der zahlreichen Figuren ihres Romans sie ihren Zuhörern vorstellen wollte. Sie entschied sich für die oben genannten, was nur eine kleine Auswahl aus einer Vielzahl charakterstarker, bisweilen schweigsamer, bisweilen beredt philosophierender Menschen ist. „Restaurant Dalmatia“ ist ein vielstimmiger, multikultureller Roman und war damit wie geschaffen für den Abschluss der aktuellen Staffel von „Europa/Morgen/Land“.