Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Spannende Einblicke in das Leben des Liedermachers Bernd Köhler

„Eine andere Musik und eine andere Welt sind möglich“: Mit dieser Haltung steht Bernd Köhler seit über 50 Jahren auf der Bühne.
»Eine andere Musik und eine andere Welt sind möglich«: Mit dieser Haltung steht Bernd Köhler seit über 50 Jahren auf der Bühne.

Der Mannheimer Liedermacher Bernd Köhler ist dabei, sein Werk zu sichten und zu sortieren. Für seine Familie. Aber auch Fans und Weggefährten des 70-Jährigen profitieren. Nun ist ein zweiter Band voller Fotos, Liedtexte und Anekdoten erschienen.

Bernd Köhler konnte im gerade zu Ende gegangenen Jahr einen runden Geburtstag feiern. Er wurde 70 Jahre alt. Kein Alter, wirklich nicht. Und doch sind schon einige Freunde von ihm gegangen, denen es nicht vergönnt gewesen ist, so alt zu werden. Den ersten Teil seiner Autobiografie, das 2019 erschienene Buch „Nachrichten vom Untergrund – Lieder und Texte 1967-1989“ hat Köhler seinem langjährigen engen Freund, dem wie er aus Ludwigshafen stammenden Musiker, Maler und Zeichner Hans Reffert gewidmet. Er starb 2016 im Alter von nur 69 Jahren. Nun ist „Halt-Los – Texte, Lieder und Geschichten 1990-2020“ erschienen, gewidmet Willi Hölzel, dem 2012 verstorbenen Fotokünstler. Köhler macht in beiden Bänden deutlich, wie wichtig das Zusammentreffen mit diesen Weggefährten war, für seine Kunst und für ihn als Menschen.

Ein kurzweiliges Sammelsurium

„Autobiografie“ trifft es indes nicht wirklich. „Halt-Los“, das deutlich dickere der beiden Bücher, das ja aber auch eine Dekade mehr abbildet, ist ein kurzweiliges, buntes Sammelsurium. Es enthält Texte, in denen Köhler sein Leben reflektiert, zum Beispiel die prägenden 15 Jahre, in denen er den Alstom-Chor leitete – und er erzählt auch, wie er beim Kehren des Gehwegs angesprochen wurde, ob er dazu nicht Lust habe. Und eigentlich zuerst gar keine hatte. Später habe ihm die Arbeit mit dem Chor „die Zuversicht und den Sinn“ zurückgegeben, „mit der Gitarre vor die Leute hinstehn zu wollen, ohne dieses Gefühl, mein eigenes singendes Museum zu sein“. Es sind viele Fotos abgebildet, Liedtexte, Noten, Zeitungsartikel, Interviews, Plattencover, Plakate. Es fühlt sich ein bisschen an, als würde man mit Bernd Köhler zusammen in seinem Archiv stöbern und immer wieder sagen: „Ach, guck mal da. “

Erschienen ist das Buch im Llux-Verlag – in Ludwigshafen, der Stadt, in der Bernd Köhler 1951 geboren worden ist, vor deren Toren er in Limburgerhof aufwuchs und in der im Grunde seine musikalische Laufbahn begann: 1968 und 1969 gewann er den Folkwettbewerb „Harlekinade“ im damaligen Haus der Jugend, Sparte „Einzelkünstler“. Seit dieser Zeit hatte er sich als Liedermacher „Schlauch“ einen Namen gemacht, zuerst in der Region und dann weit darüber hinaus. „Bernd Köhler singt Schlauch“ hieß eine 1989 erschienene Schallplatte. Später versuchte er den Künstlernamen, dessen Ursprung er nicht mehr nachvollziehen kann, wieder loszuwerden – was so mittelgut gelang.

Bollerofen gegen Sandsteinkälte

In den 30 Jahren, von denen „Halt-Los“ erzählt, war Köhler zunächst kaum als klassischer linker Liedermacher unterwegs. In den 1990er-Jahren widmeten sich Hans Reffert und er dem Schweizer Künstler Adolf Wölfli, der 35 Jahre lang in einer Nervenheilanstalt gelebt hatte und als schizophren galt; Werke von ihm befinden sich unter anderem in der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung. Das Konzeptalbum von Reffert und Köhler enthielt zehn fiktive Begegnungen zwischen Wölfli und Künstlern der Zeitgeschichte. Ort der Premiere war die Galerie HartmannStraße 45 von Eleonore Wilhelm im Ludwigshafener Hemshof, „wo der riesige Lüftungspropeller an der Decke den Takt angab und der Bollerofen die Sandsteinkälte erträglich werden ließ“, wie Köhler schreibt. Um Fotos und Layout hatte sich übrigens der Freund Willi Hölzel gekümmert. Sein Leben und Werk würdigt Köhler im Buch auf zehn Seiten.Später bildete Köhler parallel zur Arbeit mit dem Alstom-Chor zusammen mit wechselnden Musikern das „kleine elektronische Weltorchester“, das „die Bewegungen und künstlerischen Randbereiche dieser Republik unterstützt und mit-gestaltet“, so Köhler. Sein Prinzip sei die Veränderung, hieß es 2009 im Vorwort zur CD „avantipopolo“, und daran habe sich nichts geändert: „Eine andere Musik und eine andere Welt sind möglich“, schreibt Köhler 2020.

„Halt-Los“ gibt einen Einblick in ein Künstlerleben, das übrigens immer ein nebenberufliches gewesen ist: Ihre sprichwörtlichen Brötchen haben Bernd Köhler und seine Frau Barbara Straube mit ihrem Grafikbüro verdient – was sicher dazu beigetragen hat, dass er nur die Dinge machte, auf die er wirklich Lust hatte. Sie haben sich zur Ruhe gesetzt. Auf der Bühne steht Bernd Köhler aber immer noch und immer wieder. Er ist ja schließlich auch gerade erst 70 Jahre alt.

Lesezeichen

Bernd Köhler: „Halt-Los. Der zweite Anlauf. Texte, Lieder und Geschichten 1990-2020“; 272 Seiten; 18 Euro.

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