Ludwigshafen „Solange es geht, unterstützen wir die Menschen“

Böhl-Iggelheim. Es ist wie so oft im Leben: Die Jahre vergehen und Dinge rücken in der Gesellschaft in den Hintergrund. Die nukleare Katastrophe von Tschernobyl ist so ein Beispiel. Erinnern, ja, erinnern werden sich die meisten noch. Aber aktiv einsetzen für die Geschädigten? Das Interesse geht zurück. Trotzdem arbeiten die Vereinsmitglieder von „Kinder von Shitkowitschi – Leben nach Tschernobyl“ unermüdlich für die Menschen in der weißrussischen Region. „Natürlich ist es Idealismus“, sagt Gaby Möller. Die Böhl-Iggelheimerin gehört zu den Gründungsmitgliedern und kümmert sich um die Ferienerholung. „Die Nachfrage nimmt stark ab“, bedauert sie. „Wir haben die Anmeldefrist für Gastfamilien bis Ende April verlängert. Wenn sich niemand mehr meldet, sind es nur 45 Kinder, die kommen werden.“ Absoluter Tiefstand. Vergangenes Jahr waren es laut Möller noch 63. Angefangen hat alles 1989, als eine Gruppe der evangelischen Männerarbeit nach Weißrussland fuhr und später unter der Federführung von Pfarrer Norbert Unkrich die erste Kinderbetreuung in Germersheim auf die Beine gestellt hat. Etwa 100 Kinder aus dem an die Ukraine grenzenden Bezirk Gomel, in dem auch die Region Shitkowitschi liegt, waren 1990 in der Pfalz zu Gast. „Es kam die Idee auf, es noch mal zu machen“, erinnert sich der stellvertretende Vereinsvorsitzende Werner Bossert aus Dannstadt-Schauernheim. „Maßgabe war aber, dass noch mal so viele Kinder hierher kommen müssen.“ Und so waren 1991 sogar rund 300 Kinder zwischen neun und 13 Jahren in der Vorder- und Südpfalz zu Gast. Der humanitäre Verein „Kinder von Shitkowitschi“, der derzeit rund 300 Mitglieder zählt, ist ein Resultat dieser Aktion. Von ihm haben sich weitere Gruppen im westpfälzischen Trippstadt und dem baden-württembergischem Wollbach abgespalten. Von den sieben Gründungsmitgliedern sind noch drei aktiv – Gaby Möller sowie Hans-Peter und Sigrun Zehfuß. So gut wie die „Kinder von Shitkowitschi“ steht noch längt nicht jeder Tschernobyl-Hilfe-Verein in Rheinland-Pfalz dar. Von einst 53 sind noch 20 übrig. „Die Kinder leiden unter anderem an Immunschwäche“, sagt Möller über die Mädchen und Jungen, die beim ersten Besuch zwischen neun und 13 Jahre alt sind. Waren sie einmal in Deutschland, können sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr wiederkommen. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit von Schilddrüsenerkrankungen, Krebs und Behinderungen erhöht. Die strahlenfreie Luft und Ernährung tue ihnen gut, sie würden geradezu aufgepäppelt. „Gerade die zweite Generation ist die Leidtragende“, sagt die Böhl-Iggelheimerin über die Bewohner der Region Shitkowitschi, zu der auch die gleichnamige Stadt gehört. Die Region liegt rund 125 Kilometer von Tschernobyl entfernt. „Die Gene sind geschädigt und die Verstrahlung ist noch da.“ Dass Weißrussland das Problem negiere, sei nicht zuträglich, sagt Bossert. „Die Region wird 2020 als strahlenfrei erklärt. Jegliche staatliche Unterstützung fällt dann weg.“ Umso wichtiger sei die Hilfe von außerhalb. „Viele haben leider den Bezug verloren“, sagt der Dannstadt-Schauernheimer. Aber die Vereinsmitlieder lassen sich davon nicht unterkriegen. „Solange es geht, unterstützen wir die Menschen dort und setzen uns für die Völkerverständigung ein“, sagt Bossert. Unterstützen, erklärt er, heiße nicht nur die Ferienerholung in der Pfalz organisieren. Nein, unterstützen heiße weitaus mehr. Denn vieles an Arbeit wird lediglich von Deutschland aus koordiniert und in Weißrussland umgesetzt. Die Kindererholung im Sanatorium Nadeshda beispielsweise, das etwa 80 Kilometer von Minsk entfernt ist. Seit 2010 können dort Kinder mit unterschiedlicher Behinderung, Angehörige sowie Kinder aus Problemfamilien in einer Inklusionsgruppe Urlaub machen – finanziert durch Spenden aus der Pfalz. In der Einrichtung, die seit diesem Jahr energetisch völlig unabhängig arbeitet, wird aber auch die Landwirtschaft unterstützt und der Saatkartoffelanbau gefördert. Die Knollen werden säckeweise an die Menschen vor Ort verteilt. Als Hilfe zur Selbstversorgung. Nadeshda, das zu deutsch Hoffnung bedeutet, ist aber nicht das einzige Projekt. Deutsche Familien können zum Beispiel über die Vereinszeitung Lebensmittelpakete bestellen – mit oder ohne bestimmten Empfänger. Je nach Wunsch. Gekauft wird der Inhalt mittlerweile in Shitkowitschi. „Früher haben wir es rübergefahren“, erinnert sich Bossert. In Konvois, in denen auch Kleidung und Medikamente transportiert wurden. „Aber heute sind die Zollbestimmungen strenger. Deshalb kaufen wir direkt drüben“, sagt Bossert, der gerade für einen solchen Einsatz in Weißrussland war. Wie das Leben dort ist, können Menschen seit Jahren in Studienfahrten erleben. „Anfangs war das wie eine Zeitreise um 50 Jahre zurück“, sagt Bossert. „Beim ersten Mal drüben ist man schockiert“, fügt Möller an. „Es ist aber gut, wenn die Menschen sehen, wie das Leben dort ist.“ Problematisch sei es in den Dörfern. „Sie bluten aus“, weiß Bossert. „Ein Viertel der Bevölkerung lebt in Minsk.“ Eine dieser Studienfahrten war der Beginn besonderer Aktionen. Eine Gruppe Handwerker war dabei und hat sich gedacht, dass sie vor Ort helfen müssen. Gefolgt sind ab 1996 Einsätze, bei denen der Innenausbau eines Krankenhauses in Lenin gemacht wurde. „Das Material haben wir mitgebracht. Es waren Spenden“, erinnert sich der stellvertretende Vorsitzende, der später auch mit Schüler in Weißrussland war und Projekte unterstützt hat. Weitere Arbeitsaktionen vom Neubau bis zur Renovierung in Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten folgten. „Wir haben die Menschen drüben immer mit einbezogen“, sagt Bossert. Da sei ihm immer extrem wichtig gewesen. Einige Aktionen der vergangenen 25 Jahre gibt es nicht mehr. Die bereits erwähnten Konvois zum Beispiel oder auch die Konzertreisen der weißrussischen Chöre nach Deutschland. Die Mitglieder glauben dennoch an den Fortbestand ihrer Gruppe. Nicht nur wegen der vielen Freundschaften, die über die Jahrzehnte hinweg entstanden sind. Sondern auch, weil sie so viel umsetzen und anstoßen konnten. „Wir spenden jedes Jahr rund 60.000 Euro“, erzählt Bossert. Dass sie einmal 25 Jahre aktiv sein und zahlreiche Projekte umsetzen werden, hätten die Mitglieder nicht für möglich gehalten. Und sollte es wirklich so weit kommen, dass die Ferienerholungen nicht mehr umsetzbar sind, so sollen doch wenigstens weitere Projekte vor Ort unterstützt werden. Und damit dazu beigetragen werden, dass die Katastrophe von Tschernobyl nicht vergessen wird. Noch Fragen? —Die Feierstunde zum 25-jährigen Bestehens des Vereins „Kinder von Shitkowitschi“ findet am Samstag, 29. April, 15 Uhr, im Foyer der Wahagnieshalle Böhl-Iggelheim statt. —Wer vom 30. Juni bis 22. Juli ein weißrussisches Kind bei sich aufnehmen möchte, kann sich noch bis Ende des Monats bei Gaby Möller, Telefon 06324/6821, E-Mail info@kinder-von-shitkowitschi.de, melden. Zudem können sich Interessierte bei ihr bis Ende April für eine Studienfahrt anmelden. Vom 9. bis 18. Juni geht es mit dem Bus nach Weißrussland, um Land und Gastfreundschaft kennenlernen. —Im Netz: www.kinder-von-shitkowitschi.de Die Serie In der Serie „Verein(t) in der Region“ stellen wir Gruppen und Vereine aus dem Kreis vor. Melden Sie sich per E-Mail an marktlud@rheinpfalz.de.