MANNHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Serie: Wie hart die Corona-Krise die kleinen Theater trifft

Bisher hat er 20 Vorstellungen abgesagt: Sascha Koal im Theater Felina-Areal.
Bisher hat er 20 Vorstellungen abgesagt: Sascha Koal im Theater Felina-Areal.

Der Stillstand des gesellschaftlichen Lebens trifft Kulturschaffende hart, vor allem Freiberufler. Wie kommen die kleinen Theater in Mannheim und Ludwigshafen und die bei ihnen auftretenden Künstler durch die Krise? Teil 1 widmet sich dem Theater Felina-Areal und der benachbarten Theaterakademie.

Sascha Koal, der Leiter des Theaters Felina-Areal, befindet sich noch in einer vergleichsweise glücklichen Lage. Existenzsorgen muss er sich um sein kleines Theater in der Mannheimer Neckarstadt-Ost mit seinen 60 Plätzen vorerst nicht machen. Bis zum 20. April fallen zwar 20 Vorstellungen aus. Aber wenigstens ist die Mietzahlung durch die Unterstützung der Stadt Mannheim gesichert.

Ohnehin versteht Sascha Koal sich nicht als Geschäftsmann. Er sieht sich vielmehr als Theaterleiter, der Schauspielern, Regisseuren und Tänzern der freien Szene eine Auftrittsmöglichkeit bietet. An die Darsteller gehen denn auch die Einnahmen eines Abends. Nur 30 Prozent behält das Theater, um die Nebenkosten zu decken. Die Künstler der freien Szene treffe die Krise daher härter, sagt er. Er wisse von einer amerikanischen Tänzerin, der alle Engagements hier in der Rhein-Neckar-Region weggebrochen seien und obendrein eine Tournee durch Italien geplatzt sei. „Sie ist in die Staaten zurückgeflogen, und keiner weiß, ob sie je wiederkommt“, sagt er.

Schauspieler in Existenznöten

Die freien Künstler, wie der Theaterleiter weiß, leben ohnehin schon am Rande des Existenzminimums. Nach der letzten Erhebung der Künstlersozialkasse haben sie einen durchschnittlichen Jahresverdienst von 18.000 Euro, 22.000 die Männer und 14.000 die Frauen.

Da liege er mit etwa 1200 Euro im Monat weit unter dem Schnitt, sagt der Schauspieler Mathias Wendel: „Ich bin immer prekär und lebe von der Hand in den Mund.“ Rücklagen für Notzeiten könne er bei einem solchen Lohn unmöglich bilden. Er habe im Jahr ein bis zwei feste Gastverträge am Mannheimer Nationaltheater und am Staatstheater Darmstadt, außerdem trete er in kleinen Theatergruppen und mit Lesungen auf. Die Miete für die Wohnung und ein Gemeinschaftsatelier aufzubringen, das er neben seiner Tätigkeit als Schauspieler mit anderen Malern unterhalte, bereite ihm im Augenblick die größten Sorgen. Eine staatliche Unterstützung fände Wendel „toll“, hat aber noch nicht von entsprechenden Antragsformularen gehört. „Für ein temporäres Grundeinkommen wäre jetzt der allerbeste Zeitpunkt“, meint er. „Ich rechne nicht damit, aber vernünftig wär’s.“

Fehlende Planungssicherheit als Problem

Seine Kollegin, die Schauspielerin Monika-Margret Steger, würde ebenfalls ein bedingungsloses Grundeinkommen begrüßen und hat deshalb eine entsprechende Petition unterschrieben. Die 50-Jährige braucht zwar keine Miete zu zahlen („Ein Riesenglück“), muss aber zwei Töchter im Alter von zwölf und 17 Jahren ernähren. Sie rechnet aber mit staatlicher Unterstützung, denn: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles niedergeht.“ Doch Monika-Margret Steger widerstrebt es, jetzt Klagegesänge anzustimmen. Wenn sie Angst davor gehabt hätte unterzugehen, sagt sie, dann hätte sie nicht den Beruf einer Schauspielerin ergreifen dürfen. Außerdem wisse sie, dass es anderen in der derzeitigen Krise noch schlechter gehe, etwa kleinen Selbstständigen, die eben erst zum Beispiel ein Kosmetikstudio eröffnet haben.

Steger würde es gefallen, wenn die Leistung von Krankenschwestern, Altenpflegerinnen und Kassiererinnen in Supermärkten sich nach der Krise auf deren Bezahlung auswirken würde. Abgesehen davon, findet sie grundsätzlich, dass die Leistung der Kultur für die Gesellschaft zu wenig Anerkennung findet. Am meisten macht Steger in der Krise zu schaffen, dass es keinerlei Planungssicherheit gibt. So weiß sie nicht, ob ein Schulprojekt, für das sie gerade in den Proben gesteckt hat, nach Pfingsten stattfinden wird und wann die Kontakteinschränkungen aufgehoben werden.

Unter Planungsunsicherheit leidet auch Silvana Kraka, die Leiterin der mit dem Theater Felina-Areal eng verbundenen Theaterakademie. Die Prüfungen an der dem Land Baden-Württemberg unterstellten, staatlich anerkannten Berufsfachschule für Schauspiel und Regie sind auf Ende Mai verschoben – mit der Folge, dass sich die Termine jetzt drängen. Die nächsten Prüfungen im Herbst stehen schon vor der Tür. Die 28 Schauspielschüler und die 20 auf Honorarbasis arbeitenden Dozenten wären aber bereit, die Sommerferien zu verkürzen und den Stoff in dieser Zeit nachzuholen, haben ihre Erkundigungen ergeben.

Schauspielschule zahlt 4500 Euro Miete

Silvana Kraka hält dieses Angebot für ein Gebot der Fairness, denn die Schüler zahlen vorerst trotz Unterrichtsausfall weiterhin Schulgeld. „Ich möchte kein Geld für eine nicht erbrachte Leistung“, sagt die Leiterin. Sollte der verordnete Stillstand aber noch Monate dauern, sieht sie schwarz, denn die Monatsmiete in der erklecklichen Höhe von 4500 Euro laufe weiter. „Wir können keine Miete zahlen, wenn wir kein Geld einnehmen“, sagt sie. Im schlimmsten Fall müsse die Theaterakademie schließen. Das wäre sehr bedauerlich, denn die Schauspielschule hat sich einen guten Ruf erarbeitet. Doch: „In der ersten Woche des Kontaktverbots war ich noch sehr panisch“, sagt Kraka. „Inzwischen habe ich mich zur Ruhe gezwungen.“

Sollte die Krise weiter anhalten, kommt allerdings auch Sascha Koal mit dem Theater Felina-Areal ins Schlingern. Neben mehreren Premieren und etwa 50 Vorstellungen bis zur Sommerpause würde dann nämlich auch sein alljährliches Festival „Freier Tanz im Delta“ ausfallen – mit einem Verlust von allein 40.000 Euro.

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