Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Schwetzingerstadt: Vom Arbeiterviertel zum aufstrebenden Hipster-Quartier

Hip und schick: die Seckenheimer Straße entwickelt sich dank neuer Cafés und Restaurants zum Ausgehort.
Hip und schick: die Seckenheimer Straße entwickelt sich dank neuer Cafés und Restaurants zum Ausgehort.

Die Mannheimer Innenstadt und den Hauptbahnhof fußläufig in der Nähe, aber auch den Luisenpark vor der Haustür – die Schwetzingerstadt punktet mit einer ausgezeichneten Lage. Mittlerweile zieht der Stadtteil aber auch immer mehr Publikum von außerhalb an. Hippe Cafés und Restaurants, stylishe Läden, Zuzug junger Menschen keine Frage: das Viertel blüht auf. Doch fühlen sich auch die Einheimischen mitgenommen?

Vom Tattersall bis zum Planetarium, vom Hauptbahnhof bis zum Neckarauer Übergang erstreckt sich der früher Schwetzinger Vorstadt genannte Stadtteil, der sich mit der Oststadt den Bezirk teilt. Wie ein Äquator markiert die Seckenheimer Straße die Trennlinie zwischen den beiden Quartieren. Die 1,5 Kilometer lange Einkaufsmeile ist zugleich das Herz des Viertels. Hier pulsiert für gewöhnlich das Geschäfts- und Gastroleben. In der vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont gebliebenen Straße schmiegen sich Sand- an Backsteinbauten, gibt es traditionelle Bäcker, Metzger oder Schlosser neben plastikfreiem Supermarkt, Sushi- und Tapas-Bar oder schicken Cafés und Kneipen.

Selbst in den verkehrsberuhigten Einbahnstraßen des Wohnviertels tauchen hier und da mal eine Kneipe, ein Imbiss, aber auch eine Kfz-Werkstatt oder ein angestammter Handwerksbetrieb auf. Ein Relikt, eine Erinnerung, dass der Stadtteil einst als Industrie- und Arbeiterviertel geplant wurde. Nazan Kapan, SPD-Bezirksbeirätin und Leiterin des Frauenhauses, nennt die Schwetzingerstadt fast seit 25 Jahren ihr Zuhause. Sie schätzt die gute Nahversorgung, die an Quantität und Qualität in jüngerer Zeit nochmals deutlich zugelegt hat. „Auch die Schwetzinger Straße mausert sich gerade“, sagt sie über die zweite Hauptachse des Viertels, die mit ihren schlichten Nachkriegsbauten stets im Schatten der Seckenheimer Straße liegt.

Wenig Miteinander der Bewohner

Stark zugelegt haben aber auch die Mietpreise. „Man kennt solche Entwicklungen, es droht eine Gentrifizierung. Es gibt ein wenig die Sorge, dass bei dieser Aufwertung ein Ungleichgewicht entsteht, wenn nur an eine Zielgruppe gedacht wird“, erklärt Kapan. Manch traditionelle Geschäfte sind schon dem neuen Trend gewichen, in der Wohnstruktur könnte ein ähnlicher Prozess folgen, wenn sich die Schwetzingerstadt zu stark zu einem Szeneviertel entwickelt.

„Woran es mangelt, ist der Zusammenhalt. Es gibt keine Vereinsstruktur“, verrät Kapan. Dafür aber eine katholische wie evangelische Gemeinde, und mit der gotischen Heilig-Geist-Kirche eines der eindrucksvollsten Gotteshäuser in der Stadt. Das Quartiersbüro des DRK versucht die gelebte Nachbarschaft im Viertel durch offene Treffs zu stärken. Einmal im Jahr lädt das Stadtteilfest zum gegenseitigen Kennenlernen ein, um die durchaus vorhandene Anonymität (67 Prozent der Bewohner leben in einem Einpersonenhaushalt) zu durchbrechen.

Öffentliche Orte zum Aufhalten sind Mangelware

Und dennoch: Die Fluktuation in der bei Studenten beliebten Schwetzingerstadt ist unabhängig von der Preisentwicklung eine hohe, die Bindung und anhaltende Identifizierung nicht so ausgeprägt wie in anderen Quartieren. Der Vorteil, mit Straßenbahn, Zug oder zu Fuß in alle Richtungen ausschwärmen zu können, schlagen sich auf ein fehlendes Wir-Gefühl nieder. Wie auch die meist nur zwei bis drei Zimmer großen Wohnungen, die für angehende Familien auf Dauer zu klein sind. Für was steht der Stadtteil abseits seiner Gastro- und Geschäftsvielfalt? „Es gibt immer weniger alteingesessene Familien – und es fehlen öffentliche Aufenthalts- und Verweilplätze“, hat die Sozialdemokratin festgestellt.

Bei Betrachtung der durchaus vorhanden Grünanlagen verkauft sich der Stadtteil dabei unter Wert: Rund um den verwaisten Brunnen in der Traitteurstraße oder im Georg-Lechleiter-Platz schlummert trotz vieler schattenspendender Bäume noch grünes und identitätsstiftendes Potenzial. Auch die Grünstreifen rund um die B37 laden nicht gerade zum idyllischen Spaziergang ein. Um frische Luft zu tanken, müssen Bewohner dann doch eher Richtung Neckar oder Lindenhof ausweichen. Ähnlich sieht es bei sportlichen Freizeitbeschäftigungen aus. Dafür ist die Schwetzingerstadt kulturell mit gleich vier Musikschulen und kleinen Kunst-Galerien gut aufgestellt.

Nach vielen Seiten offene Entwicklung

Die größte Baustelle liegt derzeit in Bahnhofsnähe. Auf dem alten Postareal schießen die Bauprojekte Kepler-Quartier und Postquadrat in die Höhe: Mit Hotels, noblen Wohnanlagen und Büroräumen. Aber nicht unbedingt mit einer öffnenden Integration Richtung Schwetzingerstadt. So ist die Identitätsfrage zwischen bodenständigem Arbeiter- und Kneipenviertel und trendigem Hipster-Pflaster schwer zu beantworten. Doch gerade dieses Gemisch und die nach vielen Seiten offene Entwicklung machen vielleicht den Charme des Stadtteils aus.

„Aus der Perspektive einer alleinerziehenden und berufstätigen Mutter war und ist es für mich der beste Standort. Kitas und Schulen sind in der Nähe, man muss nicht durch die halbe Stadt fahren, sondern hat alles blitzschnell vor der Haustüre, ohne ins Auto steigen zu müssen“, sagt Kapan über das urbane Lebensgefühl in ihrem Viertel, das für viele Mitbewohner oft nur Durchgangsstation, für sie aber Heimat geworden ist.

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