Ludwigshafen / Mannheim
Schweizer Performance-Gruppe „Cie Moost“ bei Schillertagen
„Natures Mortes“, das Stillleben, ist als Kunstgenre mit toten Objekten wie Blumen oder Obstschalen bis hin zu opulenten Festbanketten bekannt. Das gleichnamige Stück der Schweizer Performance-Gruppe „Cie Moost“ entpuppt sich bei den Schillertagen des Nationaltheaters Mannheim als absurd-komische Dinner-Show voller skurril-akrobatischer Slapstick- und Zirkuseinlagen – und einem Hund.Wer aufgrund des Titels ein düsteres Schwarze-Romantik-Stück über den Tod und den Verfall erwartet hätte, wird zumindest auf den ersten Blick enttäuscht. Bei der Deutschlandpremiere im Tennis-Clubhaus der BASF in Ludwigshafen wirkt alles wie bei einer schrillen Geburtstagsparty.
Bunte Luftballons, Bierbänke und Pappbecher dienen als Kulisse. Eine Dame mit leerem Blick balanciert eine Rosé-Prosecco-Flasche auf dem Kopf, eine andere Frau krabbelt auf einem Tisch herum und schnuppert an der Blumenvase, während ein Mann in gelbem Pullunder und großer Brille die Wand anstarrt und ein Hund brav auf einem Rollstuhl Platz nimmt.
Gnocchi mit Auberginen-Zucchini-Tomatensoße
Dem Publikum wird zum bizarren Vorspiel Gnocchi mit einer Auberginen-Zucchini-Tomatensoße gereicht. Tatsächlich aber wirken die Zuschauer erst einmal selbst wie ein starres Stillleben, trauen sich kaum, zu essen, aus Angst, etwas zu verpassen. Dabei bewegt sich zu Beginn nicht viel. Statt Prosecco führt die erste Dame (Latifeh Hadji) einen Heliumballon in Mopsform spazieren, der Mann (Marc Oosterhoff) streichelt den echten Vierbeiner und nickt dabei ein, die andere Dame (Nanda Suc) hebt im Zeitlupentempo zuvor umgestoßene Becher auf, und baut sie – akkurat nach Farbe sortiert – zu kunstvollen Türmen auf.
Spätestens da fällt es auf. Ob Kleidung oder Kulisse: Pastellfarbene Töne dominieren, die ganze Situationskomik wirkt wie einem Wes-Anderson-Film entsprungen. „Feliz Navidad“ trällert es mitten im Sommer aus dem Radio, gefolgt von einer poppigen Christmas-Playlist á la Mariah Carey. In eine schräge Silvesterparty im Seniorenheim, die nicht so recht in Schwung kommen mag, die nicht enden will und doch nie wirklich begonnen hat, ist man da geraten. Die drei Charaktere scheinen in ihr eigenen Welt gefangen zu sein, üben sich im Karaokesingen oder Dartspiel, bis plötzlich Ballons platzen, und sie unfreiwillig in Interaktion geraten.
Erdnüsse und Dartpfeile fliegen
Erst als das Tellergeklapper der Gäste verstummt, nimmt der dialogfreie Plot an Fahrt auf. Da wird akrobatisch mit Erdnüssen und Dartpfeilen geworfen, Bierbänke übereinandergestapelt und für artistische, den Atem stockende Hebefiguren und Balanceakte zweckentfremdet. Eine bizarre Situation nach der anderen verwandelt sich von einer absurden Slapstick- zur akrobatischen Zirkusnummer. Humorvoll hält Hadji den Pullunder-Mann zunächst vom Weitertrinken ab, in dem sie mit Händen und Füßen sämtliche Sektverschlüsse zudeckt. Ein Raunen geht durchs Publikum, als sie plötzlich wie bei „Wetten dass?“ nur noch auf den Flaschenhälsen stehend balanciert und sie jeder neu herbeigeschaffte Prosecco zum Laufen animiert.
Wer da noch Gnocchi auf dem Teller hat, verwandelt sein kleines Festmahl tatsächlich in ein totes Objekt. Denn in der Saalmitte überschlagen sich buchstäblich die Ereignisse. Da wird zum französischen Dalida-Schlager „Mourir sur scène“ wild getanzt und schief gesungen, Sektgläser durch die Luft geschleudert, ohne einen Schluck zu verschütten, und plötzlich ein Schrotgewehr entdecket. Selbst auf dem Kopf stehend und mit verbundenen Augen scheint Nanda Suc noch jeden Ballon zu treffen. Schießt sie wirklich mit kleinen Kügelchen, knapp an den Köpfen der Zuschauer vorbei? Oder bringen Special Effects die Luftbälle zum Platzen? Das bleibt ein Rätsel, der unaufgeklärte Teil der Zauberei.
Fenchel auf dem Kopf als Zielscheibe
Die Absurdität gipfelt darin, als ein Fenchel auf dem Kopf zur Zielscheibe wird. Die perfekte Schweizer Tell-Steilvorlage zu den Schillertagen. Auch schwereres Geschütz soll später noch durch die Lüfte fliegen und fast vergessene Tricks wie der rasende Messer-Tanz zwischen gespreizten Fingern eine Renaissance erfahren. Einzig der Hund bleibt stummer und braver Zeuge des nicht ganz so stillen Stilllebens. Er betritt und verlässt die Show, wie es ihm beliebt.
Als Midi-Théâtre, als eine einstündige Show plus Mahlzeit ist die „Natures Mortes“-Kreation erdacht. Und das surreale Bild am Ende, die leere After-Party-Kulisse mit verschütteten Gläsern, im Tisch steckenden Messern, umgeworfenen Pappbechern, zerplatzen Ballons und Erdnusskrümeln gleicht tatsächlich einem modernen Stillleben - und fast schon einem wirren Tatort, der kaum mehr entschlüsselt werden kann.