Ludwigshafen Schuld, Sühne und Geschäft

Das Thema „Gnade“ ist eine etwas seltsame Vorgabe für einen Künstlerwettbewerb. Die Idee hatte eine aus Kuratoren, Kunsthistorikern und Theologen zusammengesetzte Kunstkommission der Erzdiözese Freiburg, die alle drei Jahre einen Wettbewerb auslobt. Beim vorangegangenen ging es um den Glauben. In den Reiss-Engelhorn-Museen ist nun zu besichtigen, was den 17 Finalisten des Wettbewerbs zu diesem Thema in den Sinn gekommen ist.
ist nach dem Freiburger E-Werk die zweite Station dieser Wanderausstellung. Wer am Ende die im September dieses Jahres in Radolfzell gezeigten drei ersten Preisträger sind, wird die Jury im Sommer entscheiden. Ist den Künstlern genug eingefallen, vor allem war es das richtige? Der Begriff Gnade berührt sowohl den religiösen als auch weltlichen Bereich. Gnade – also das Außerkraftsetzen des Zusammenhangs von Schuld und Sühne – ist kein einzuforderndes Recht; sie kann gewährt werden oder auch nicht. Gnadenerweise waren das Vorrecht von Fürsten, als eine moderne Variante überlebt hat das Recht von Staatspräsidenten, zu bestimmten Anlässen Amnestien zu verkünden. Gnade ist nicht begründbar, und sie kennt eine unverrückbare Hierarchie: Oben ist der, der Gnade spendet, unten der, der sie empfängt. Theologisch ist die Gnade ein hoch brisantes Gebilde, das nicht nur in inneren Zirkeln diskutiert wird; immerhin hat der Streit um die Rechtfertigung des Sünders allein durch Gnade 1517 mit zur Reformation geführt. Das klingt als Thema nicht gerade prickelnd, war aber 748 Kunstschaffenden interessant genug, um mal näher, mal ferner am Thema angesiedelte Arbeiten einzureichen. Eine wie zu erwarten bunte Gesellschaft: Gleich vorne spielt eine von Romana Menze-Kuhn aus Europaletten und Rettungsdecken gebastelte Unterkunft auf die Nöte von Obdachlosen an, die Folie – Gold die eine, Silber die andere Seite – verweist auf Gelb und Weiß, die heraldischen Farben der katholischen Kirche. Eine zweischneidige Arbeit, die einerseits für Verlust (von Heimat) steht und gleichzeitig Kirche als (neue?) Heimat definiert. Ebenfalls mit der Bedeutung von heraldischem Weiß und Gelb arbeitet Andrea Exners zwischen Bild, Objekt und Readymade schwebender „Gnadenrock“. Aber warum wirkt das nicht tragbare Kleidungsstück so obszön? Mit einem sportlichen Selbstversuch frappiert der Schweizer Simon Beer, der sich 2012 auf eine 25-tägige Fußwanderung von Zürich ins fast 1000 Kilometer entfernte französische Meymac aufmachte. Jeden Tag beschloss der Künstler mit einem Gespräch mit einem Pfarrer, einer Nonne oder einem Mönch. Dieses endete mit einem gemeinsamen Foto und Beers Bitte um ein Motto für den nächsten Wandertag. Die „Therapie“ scheint gelungen zu sein, Beer ging mit jedem Tag leichter seines Wegs. Mathias Marx protokollierte das Geschäft mit der göttlichen Gnade anhand von Fotos von Marien-Wallfahrtsorten. Der kommentarlos dokumentierte Devotionalienhandel macht deutlich, wie die kommerzielle Vermarktung von Pilgerorten zur „Gnade“ für verarmte Landstriche werden kann. Wunderbar dazu passt Matthias Glässers Installation „Gnadenlos“. Sie besteht aus Hunderten auf dem Fußboden verteilten Losbriefchen, bei denen die Nieten bei weitem überwiegen. Nikodemus Löffels zwischen Dornenkrone, Rettungsring und Heiligenschein changierendes Stacheldraht-Objekt weist in dieselbe Richtung: „Festung Europa“ trägt als weiteren Titel „Gnadenschein über Lampedusa“. Und wenn Hans Thomann „Gnade“ mit einer durch eine Herz-Jesu-Lampe gezierte Haushaltsleiter verbindet, deren einer Fuß auf einem Ei steht, das beim Besteigen zerbrechen würde, gibt das auch dem Dümmsten schwer zu denken. „Gnade“, so lernen wir, ist etwas, das (meist) auf wackligen Beinen steht.