Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Schifferstadter Autorin serviert ein Musikanten-„PickNick“

Gegeigt: Ist das Mozart, Beethoven, Schumann oder Brahms?  Foto: dpa
Gegeigt: Ist das Mozart, Beethoven, Schumann oder Brahms?

Sommergeschichten (4): Ein prosaisches Spiel mit Komponistennamen und Musikstilen ist diese Kurzgeschichte der Schifferstadter Journalistin und Autorin Gisela Atteln. Die muntere Erzählung ist erquicklich zu lesen, besonders für Opernkenner.

Es war mitten im Heißen Sommer. Sie verließen Stockhausen am frühen Morgen. Nach einer Weille ließen sie Dittersdorf rechts liegen und kamen Zumsteeg über den Offenbach. Sie waren unterwegs zu einem PickNick auf Einem Berg westlich von Speyer. Am Schönberg fanden sie ein lauschiges Plätzchen im Wald und auf der Haydn, dort wo Fux und Haas sich Gute Nacht sagen. Ein Vogel, ein Finck wahrscheinlich, sang im Berwald nahebei. Ein klarer Bach schlängelte sich in Serpentinen zu Tale. Darinnen tummelte sich lustig eine Schar Biber. Am Waldrand äste, nahe dem Wyssenbach, am Braunfels ein kapitaler Bock.

Es waren sieben Kerle: Mozart, Beethoven, Schumann, Schubert, Weber, Wagner und Brahms. Von Dessau aus mit der Kutschera gereist, hatten sie die letzten Meylen der Strecke auf Schusters Rappen zurückgelegt. Speis und Trank beförderten sie in einem Holzgefährt, das sie an einem Wagenseil führten. Es war sehr windig. Nur mit Liszt gelang es ihnen, das Tischtuch im Laub auszubreiten. Schumann und Brahms entluden den Wagen.

Nach dem Mahl im Rondeau entspannen

„Wo Hindemith?“ fragte der Hamburger. Sie verTheileten das Mitgebrachte auf dem Tuch: Appenzeller Käse, mehr als eine Scheibe Brot, elf Handl, fünf Ahle, einen Krebs in Majo-Soße, Pezel-Margarine, viele Schoppen Wein, Martini und einen Topf Suppé von Knorr, eine Schale Picander Meyerbeeren und für jeden einen Lolli zum Nachtisch. Danach ließen sie sich behaglich im Rondeau nieder.

Mozart schnallte den Degen ab, fiel ins Gras und starrte entzückt ins Grellblaue Firmament. Brahms tat desgleichen. „Ich ruhe still im hohen grünen Gras“, deklamierte er. Beethoven schnellte plötzlich hoch, bemüht, auf seinem Standfuß die Balance zu halten, breitete die Arme aus und jubelte: „Die Himmel rühmen die Ehre Gottes …!“ Dann hielt er inne. „Wo bleiben nur Puccini, Rossini, Ravel, Bizet und Boulez mit den Buletten?“ fragte er voll Grimm. Eine Locke seiner Loewenmähne hing ihm ungebärdig in die umwölkte Stirn.

Wagner, dem das Barett wie immer verwegen auf dem Schedel Klebete, zog eine Grimace. „Es ist stets dasselbe mit diesen welschen Typen. Alles Schall und Rauch! Sie haben keine teutsche Morales.“ „Sie bringen noch die Pferde Indy Koppel“, meldete sich Weber ruhig. Er hatte als FreiSchütz mit dem Foerster gesprochen und die Fete organisiert.

Streit bricht aus am „Busen der Natur“

„O Freunde!“ Ds war Bizets Stimme. Mit einem Satz sprang er in die Runde, verwegen das Lasso schwingend. „Ich gab meinem Zelter die Spohren, um flugs zu euch zu eilen. Ist es nicht herrlich am Busoni der Natur? Ist es nicht wie im Paradisi? Wagner, erbittert über das Warten, suchte jedoch Händel. „Lachner nit du Fränzl, du welscher Hüttenbrenner!“, rief er. Bizet blitzte ihn zornig an. Die Gall lief ihm über. „O Ritter von der traurigen Gestalt, der Ihr seid!“, polterte er los. „Ihr geht mir gewaltig auf den Geist. Ich Hasse Euch. Habt Ihr schon jemals eine vernünftige Note komponieret?“

Wagner sprang mit wutverzerrtem Gesicht auf, verhedderte sich im Strungk eines Pastorale und kam beinahe zu Fall. „Nie sollst du mich befragen!“, donnerte er. „Nono, lasst den Grieg, schließt Frieden“, ging Schumann beschwichtigend dazwischen. „Nein,“ entgegnete Bizet heftig. „Auf in den Kampf! Lasst uns den Strauß ausfechten. Wolferl, leih mir deinen Degen.“ Mozart, der sinnend ein Röslein auf der Haydn betrachtete, in das gerade eine Hummel ihren Rüssel steckte, Schrekerte hoch. „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, rief er begeistert. Er blickte die Kampfhähne tadelnd an. „In diesen heiligen Hallen Gottes soll man nicht streiten. Weiß Er das nicht, Gralshüter?“ „Freunde, nicht diese Töne!“ mahnte Beethoven.

Ein Gönner am Kaiserhof zahlt die Zeche

„Ihr seid heute völlig von der Rolle“, mischte sich Schumann erneut ein. „Das ist keine Art und Weyse für Frohliche Gesellen. Esst die Suppé, sie ist noch Heiß. Trinkt einen Chopin Muskatellerwein mit uns. Es ist alles auf Heller und Kreutzer von einem Gönner am Hofe des Keisers bezahlt.“ Versöhnlich ging Puccini auf Wagner zu und reichte ihm die Lincke. „Wie eiskalt ist dies Händchen!“, rief er erschrocken. Liebermann, Ihr solltet Euch gelegentlich auf Herz und Nieren untersuchen lassen.“ Er ließ sich, die Beine überKreuz, im Gras nieder. „Vehe! Vehe!“, klagte Wagner, verstummte und schlug die Zähne in das saftige Handl. Bizet, unschlüssig noch, begrub seinen Stolz und setzte sich im Schneidersitz zu den anderen.

Rossini, der MeisterKoch, hatte inzwischen mit Boulez die Berliner Buletten angerichtet. In den Gläsern leuchtete der Rheingoldene Muskateller. Sie stießen an. „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein!“, prostete Schumann ihnen Kraftvoll zu. „Gluck, Gluck, weg damit. Auf Freunde, Fortner mit dem Humperdinck voll süßen Weins“, schrie Rossini. Selbst der stille Schubert verließ sein Egk und spielte gutgelaunt ein paar Akkorde auf der Gitarre. „Also schweben wir durchs Leben“, ertönte Franck und frei seine sonore Baritonstimme.

Jetzt war Mozart nicht mehr zu halten: „Danzi oder Danzi net“, lachte er, stand auf und imitierte einen deutschen Ländler. Schubert hakte ihn ausgelassen unter. Auch Ravel hatte sich erhoben und gab sich einem Bolero hin. „Alla turca“, riefen alle. „Alla turca!“ Wild hopsend und immer Reger drehte sich die ganze Sarabande im Ringelreihen. Dabei stolperte Rossini über eine Steinfuge und riss das Tischtuch mit sich. Glücklicherweise ging dabei nur ein Glass zu Bruch.

Der Förster ruft die gesellige Runde zur Räson

„Verdi, wer da?“, wie aus dem Nichts war der Foerster aufgetaucht, die Flinte über der Schulter, das Horn um den Hals, einen Filzhut auf dem Kopfe. Unbemerkt hatte er sich mit seinem Hund herangepirscht. Toch, Vivaldi auch bellte – niemand achtete seiner. Sie stampften mit den Füßen und Purcellten über die Wiese. „Benehmet Euch, Ihr Herren“, schimpfte der Bullige Hüter von Feld, Wald und Flury. „Alles mit Maß und Ziel! Auf diese Weyse werdet ihr noch in der Gossec landen.“ Sie erstarrten mit einem Mahler. Wagner fiel prustend ins Laub. „Wir brauchen keine ungebetenen Rathgeber“, japste er.

Der Foerster schob Kriegerisch das Kinn vor und pflanzte sich breitbeinig vor ihnen auf. Weber rannte auf ihn zu. „Wie? Was? Entsetzen!“, keuchte er. „Lasst gut sein, Leo. Ich Heise Weber, wie Ihr wisst. Wir feiern mit Eurer gütigen Erlaubnis an dem GeStade Eures Reviers. Meine Freunde sind Redliche Burschen.“ „In Ordnung“, brummte der Foerster, schon wieder besänftigt, mit Rhauer Stimme und trollte sich Vivaldi von dannen. Rossini fand als erster die Sprache wieder. „Amigi! Carissimi! Auf! Trübsal blasen gilt nicht.“

Sie alle saßen noch lange beisammen in vergnüglicher Runde. Nur Schubert war zunehmend stiller geworden. Er dachte an die Kälte der Nächte, die ihm bevorstanden, die Winterreise, die wie eine trübe Wolke ihn erwartete. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, flüsterte er bang.

Gisela Atteln  Foto: Gaier/frei
Gisela Atteln
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