Ludwigshafen Rekordmeister in der Krise
«Kiel.» Es gibt in Deutschland keinen größeren Handballklub. Der THW Kiel ist Rekordmeister, zieht die meisten Zuschauer an und hat das größte Budget zur Verfügung. Dennoch befindet sich der Verein in einer Sinnkrise, denn in den vergangenen beiden Jahren gewann der siegverwöhnte THW nur einen Titel. Morgen, 12.30 Uhr, spielen die Kieler bei den Eulen Ludwigshafen.
Es gibt sie immer noch, diese magischen Abende, in denen der THW tut, was er jahrelang gewohnt war, zu tun. Gegen die Rhein-Neckar Löwen wurde die Ostseehalle in Kiel zu einer Festung, die nicht einnehmbar war – gegen den Deutschen Meister und Tabellenführer taten die Kieler Ende März etwas für ihr Selbstverständnis, als sie die Löwen 27:22 schlugen. Das reicht nicht, um die Meisterschale noch zu gewinnen. Vermutlich reicht es nicht einmal, um sich für die Teilnahme an der Champions League zu qualifizieren. Aber der Erfolg war wichtig für den THW, der nach der Normalität sucht. Beinahe 15 Jahre lang waren die Kieler das dominierende Team in der Bundesliga und gewannen in dieser Zeit dreimal die Champions League. Doch im Moment haben sie den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Wenige Wochen vor dem Erfolg über die Löwen verlor der THW in der eigenen Halle gegen die HSG Wetzlar. Es ist die fehlende Konstanz, die aus dem Serienmeister eine Mannschaft gemacht hat, die zu dritten Mal hintereinander die Meisterschaft verfehlt. Das gab es schon 20 Jahre lang nicht mehr. Dabei ist der Kader des Rekordmeisters hervorragend besetzt. Alleine für das Tor stehen mit dem Dänen Niklas Landin und Andreas Wolff zwei herausragende Torhüter zur Verfügung. Die Liste der Feldspieler liest sich wie eine Weltauswahl. Marko Vujin, Nikolaj Bilyk, Miha Zarabec, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek, Niclas Ekberg, Lukas Nilsson und Rune Dahmke verkörpern internationales Topniveau. Dazu zählt auch Christian Dissinger, der bei den Eulen ausgebildet wurde und seit 2015 beim THW unter Vertrag steht. Der gebürtige Ludwigshafener wird mit besonderen Emotionen in das Duell gehen, schließlich verbrachte er seine Jugend bei den Eulen. Inzwischen ist er aber darauf fokussiert, mit den THW erfolgreich zu sein – und die Schwankungen der jüngeren Vergangenheit zu überwinden. Bei den Eulen sind die Kieler morgen trotz der Schwierigkeiten in den zurückliegenden Monaten der klare Favorit, was auch daran liegt, dass mit Domagoj Duvnjak der Anführer des THW nach vielen Verletzungen auf das Feld zurückgekehrt ist. Der Kroate ist noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte, sorgt aber alleine durch seine Anwesenheit für Stabilität. „Domagoj ist unser Anführer, mit ihm steigern sich alle Spieler ganz automatisch“, sagt Trainer Alfred Gislason. Und deshalb blickt der Coach der Kieler wieder zuversichtlich in die Zukunft. Am kommenden Wochenende besteht die Möglichkeit, die aktuelle Spielzeit doch noch zu einer erfolgreichen zu machen. Im Viertelfinale der Champions League treffen die „Zebras“ auf Vardar Skopje. Wenn die Kieler die Mazedonier aus dem Wettbewerb werfen und das Final Four der Königsklasse in Köln erreichen, würde der Klub wieder auf die große Bühne zurückkehren – für das eigene Selbstverständnis des erfolg-reichsten Handballklubs in Deutschland wäre das elementar wichtig.