Serie „Für Flaneure“
Regenmännlein aus Mannheim: Kurt Lehmanns Skulptur am Ludwigsplatz
Da sowohl das Männchen als auch das Druckwerk aus Bronze sind, haben beide Wind und Wetter gut überstanden. Das Regenmännlein ist ein Geschenk der Nachbarstadt Mannheim zum hundertsten Geburtstag der Stadt Ludwigshafen. Am 27. Dezember 1852 verlieh König Maximilian II. Ludwigshafen die Rechte einer Gemeinde. Seit 1953, dem Jahr der Aufstellung, hat sich auf dem Ludwigsplatz viel getan. Läden eröffneten und schlossen wieder. Viele Skulpturen sind dazugekommen. Nicht weit vom Regenmännlein steht jetzt, vor Regen gut geschützt, ein Bücherschrank, aus dem man Bücher ohne Bezahlung entnehmen kann.
„Ich würde ja lieber einen Regenschirm nehmen“, meint Peter Schumacher aus Mitte, der gerade das Buch-Angebot bewundert. „Jetzt hat man im zweiten Lockdown ohne Kino und Theater wieder viel Zeit zum Lesen“ sagt er. „Das Männchen habe ich mir noch nie so richtig angeguckt. Das ist ja auch so klein“, sagt er. Einen Krimi von Ruth Rendell und ein Geschichtswerk über den Zweiten Weltkrieg nimmt er mit.
Stadtbild Hannovers stark geprägt
Zwei Weltkriege hat der Künstler Kurt Lehmann miterlebt. Während des Ersten war der 1905 geborene Künstler in Koblenz noch ein Kind. Den Zweiten überlebte er als Soldat. Mit 95 Jahren starb er 2000 in Hannover. Dessen Stadtbild hat er beim Wiederaufbau stark geprägt. Seine Werke findet man aber in ganz Deutschland an Schulen, Kirchen und auf Plätzen. Wie viele von Lehmanns Figuren hat das Männlein einen kugeligen Kopf mit kindlichen Gesichtszügen, eine kleine Nase und Mund, Pausbacken und runde Knopfaugen. Der restliche Körper ist recht abstrakt. Lehmanns Werke, die von naturalistisch bis abstrakt reichen, sind durch vereinfachte Formen und klare Linien charakterisiert. Biblische oder mythische Figuren, Hirten Sitzende, Hockende und Mütter sind dabei, aber auch oft Kinder. Er hatte drei, die ihm oft als Modelle dienten.
„Nasse Bücher brennen nicht so gut“
Anfang der 30er-Jahre lebte er im quirligen Berlin. Die Bildhauer Gerhard Marcks – von den Nazis als entartet eingestuft – und Gustav Seitz, der nach dem Krieg freiwillig in die DDR übersiedelte, waren seine Freunde. Er reiste gern und hatte 1930 ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom. Ein Jahr nach der Machtergreifung, 1934, verließ er die Hauptstadt und zog zurück nach Kassel, wo er auch studiert hatte. Ob der Umzug mit der Politik der Nazis oder mit der Familiengründung zusammenhing, ist nicht mehr herauszufinden. Zur Zeit der Nazi-Bücherverbrennung lebte er noch in der Metropole.
„Nasse Bücher brennen nicht so gut“, meint Susanne Schramm, Pfarrerin der Citykirche zu dem Kunstwerk. Durch Bücher-Bildung Schutz finden vor Nazi-Politik, sich klein machen und abtauchen. Ist das eine Haltung, die Lehmann befürwortet oder ablehnt? Es ist nicht mehr herauszufinden. Doch die Wahl seiner Freunde wie Martin Buber, österreichisch-israelisch-jüdischer Religionsphilosoph, Alexander Calder, ein US-amerikanischer Bildhauer der Moderne und Erfinder des Mobiles, oder Werner Gilles – auch er galt bei den Nazis als entarteter Künstler – sprechen dagegen. Während seiner Zeit als Professor an der Technischen Hochschule in Hannover, wo er nach 49 Modellieren in der Architektur-Abteilung lehrte, lud er sie in sein Atelier im Hardenberg’schen Palais am Großen Garten von Herrenhausen ein.
Aus der Deckung heraustreten?
Nasse Bücher brennen nicht gut, aber wenn es lange regnet, kann man mit dem Inhalt auch nichts mehr anfangen. Er geht verloren, egal ob das Buch verschmurgelt oder absäuft. Ist das Regenmännlein vielleicht sogar eine politische Aussage? Es reicht nicht zu lesen, man muss auch handeln. Aus der Deckung heraustreten und sich stark machen gegen Ungerechtigkeit und Willkür gegen Demagogen und Populisten? Beim Betrachten des Kunstwerks kann man darüber auf alle Fälle nachdenken.