Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Rathausabriss: Bald knabbern Bagger die Spitze ab

Das Beton-Skelett ist weithin sichtbar.
Das Beton-Skelett ist weithin sichtbar.

Ein Drittel der 1750 Fassadenelemente ist demontiert. Das Gebäude ist entkernt, die Schadstoffsanierung weit fortgeschritten, das Betonskelett weithin sichtbar. Im Frühjahr soll der Abriss starten, Ende 2025 das Rathaus und damit ein Wahrzeichen der Stadt verschwunden sein. Ein Rundgang auf der Baustelle.

Überall wird geschraubt und gebohrt. Presslufthammer sorgen für ohrenbetäubenden Lärm. Kabelstränge, Rohre, Berge von Schutt und Hunderte mit allerlei Material prall gefüllte weiße Säcke liegen herum. Die Etagen sind mit orangefarbenen Absperrungen gesichert. Im 15. Stock, dort, wo einst das Büro der Oberbürgermeisterin war, erinnert nichts, aber auch gar nichts mehr an dessen repräsentativen Charakter – bis auf die atemberaubende Aussicht auf die Ludwigshafener City. Blanke Betonwände umgeben auch den ehemaligen Stadtratssaal. In der Mitte stapelt sich ein kleiner Haufen Holzbretter. Das 70 Meter hohe Rathaus, respektive das, was von ihm übriggeblieben ist, gibt in diesen Tagen ein trostloses Bild ab – drinnen wie draußen.

Die drei Experten, die am Mittwoch eine Gruppe von Journalisten durch das Gebäude führen – vom 15. Stock hinunter in den dritten, dann in den Keller sowie über den Warenhof West – ficht das nicht an. Sie halten sich an Fakten und Zahlen. Und die klingen vielversprechend. „Wir liegen voll im Zeitplan“, sagt Klaus Möller (57), zuständiger Abteilungsleiter in der Bauprojektgesellschaft der Stadt. Zu den 80 Millionen Euro, die der im Sommer 2023 gestartete Rückbau kosten soll, meint der Maxdorfer: „Wir werden sie nicht überschreiten.“

„30 Elemente am Tag“

Die Demontage der bis zu 400 Kilo schweren Fassadenelemente, die via Hebebühnen entfernt werden, sei zwar zeitraubend, laufe aber reibungslos, falls kein starker Wind aufkomme, berichtet Peter Oehm, 52, Gesamtprojektleiter. „30 schaffen wir am Tag“, schätzt der Bauingenieur aus Nieder-Olm mit Blick auf die noch verbliebenen Teile. Auch mit der Schadstoffentsorgung gehe es zügig voran, informiert der darauf spezialisierte Gutachter Bastian Herrmann, 36. Etwa 2500 der insgesamt 115.000 Tonnen Schutt, die letztlich auf der von 1,4 Kilometern Zaun umgebenen Baustelle anfallen, seien belastet, müssten separiert und in Deponien entsorgt werden, so der Neuhofener.

Bauleiter Klaus Möller im 15. Stockwerk, das bereits entkernt ist.
Bauleiter Klaus Möller im 15. Stockwerk, das bereits entkernt ist.
Auch in der ehemaligen Mall stapeln sich Müllsäcke.
Auch in der ehemaligen Mall stapeln sich Müllsäcke.
So sieht es in der ehemaligen Kantine aus.
So sieht es in der ehemaligen Kantine aus.
Das war mal der Stadtratssaal.
Das war mal der Stadtratssaal.
Blick auf die Hochstraße Nord (B44) aus dem 15. Stock des Rathauses. Für deren Ersatz, die Helmut-Kohl-Allee, muss das Rathaus w
Blick auf die Hochstraße Nord (B44) aus dem 15. Stock des Rathauses. Für deren Ersatz, die Helmut-Kohl-Allee, muss das Rathaus weichen.
Das ehemalige OB-Büro.
Das ehemalige OB-Büro.
Rolltreppe im einstigen »Saturn«-Markt.
Rolltreppe im einstigen „Saturn“-Markt.
Das Rathaus liegt direkt an der Hochstraße Nord.
Das Rathaus liegt direkt an der Hochstraße Nord.
Hinweis im Keller.
Hinweis im Keller.

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Der „Umschlagplatz“ vor Ort ist der Warenhof West. Hier steht ein riesiger Autokran, der die 14 Hebebühnen in ihre Position manövriert, aber nur dann eingesetzt wird, wenn er wirklich gebraucht wird. Kein Wunder, bei einer Wochenmiete von 30.000 Euro. Hier wird das Material abgeladen und gewogen. Von hier aus wird bis Ende Oktober, Anfang November auch ein Außenaufzug montiert. Denn an der einen oder anderen Stelle hapert’s dann doch mit der alten Haustechnik.

Lifte defekt

Das bemerken die mit Sicherheitsschuhen, Schutzwesten und Helmen ausstaffierten Teilnehmer des Rundgangs gleich zu Beginn. Weil der Türschließmechanismus der vier Lifte im Erdgeschoss defekt ist, kann die Fahrt nach oben erst im ersten Stock starten. Die Gruppe muss die Treppe nehmen. Im Frühjahr 2023 gab es einen großen Wasserschaden durch Vandalismus. „Dadurch sind die Hochhausaufzüge stark in Mitleidenschaft gezogen worden“, erklärt Oehm. „Sie sind nicht zuverlässig und fallen regelmäßig aus.“ Das erschwere den Materialabtransport. Deshalb müsse ein Außenaufzug her. Sein Vorteil: Er könne bis zu zwei Tonnen Abbruchmaterial in die Tiefe transportieren.

Dreieinhalb bis 6,5 Tonnen wiegen laut Oehm jene „Minibagger“, die vom Autokran Anfang 2025 aufs Rathausdach gehoben werden. Dann, wenn es an den eigentlichen Abriss geht, der gut ein Jahr dauert. Sie sollen den Beton kreisförmig von oben nach unten bis zur neunten Etage „abknabbern“. Den Rest erledigen sogenannte Longfrontbagger – mit bis zu 180 Tonnen wahre Kolosse. Ihre Greifarme haben eine Reichweite von über 50 Meter. Sie machen das Gebäude endgültig platt. Aktuell sind 50 bis 60 Bauarbeiter auf der Baustelle, ein halbes Dutzend Firmen ist involviert. Alle Aufträge seien an leistungsfähige Unternehmen vergeben, sagt Oehm.

„Lost-Places-Besucher“

Die einst beliebte Einkaufspassage des 1979 eröffneten und Ende 2021 geschlossenen Rathaus-Centers mit damals bis zu 65 Läden wirkt wie aus der Zeit gefallen, ist am staubigen Boden übersäht mit Pfützen. Von den Decken hängen lose Kabel herunter. An den Glanz früherer Tage erinnern vereinzelte Plakate, die hinter gestapelten Müllsäcken verdeckt nur noch sporadisch erkennbar sind: „Café 1,60 Euro ... auch zum Mitnehmen“, steht auf einem. Die Parkdecks, wo einmal über 1000 Fahrzeuge Platz fanden, erhalten bald den letzten Schliff. Dort muss noch insgesamt 25.000 Quadratmeter Belag abgefräst werden.

Die frühere Kantine, das „Casino“, ist bis unter die Decke mit Betonbrocken gefüllt. Im ehemaligen „Saturn“-Markt laufen die Rolltreppen ins Leere. Der Keller ist ein gespenstisches Labyrinth. „Hier haben sich Mitarbeiter schon verlaufen, die wir dann retten mussten“, erzählt Möller. Unfälle habe es zum Glück noch nicht gegeben. Dass es weiterhin „Lost-Places-Besucher“ gebe, die sich nachts illegal auf das Gelände mit einer Grundfläche von 48.000 Quadratmetern schmuggeln, müsse man trotz verschärfter Sicherheitsvorkehrungen wohl hinnehmen, bedauert Oehm. „Das ist ein Phänomen auf allen Großbaustellen.“ Zumindest in dieser Hinsicht unterscheidet sich Ludwigshafen nicht von anderen Städten.

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