Ludwigshafen
Rathaus-Center: Der letzte Mieter legt sich quer
„Ich bin noch da und bleibe!“, sagt Advar Tolu. Der 43-Jährige ist der letzte Mieter im Rathaus-Center. 18 Quadratmeter groß ist sein Laden „Schuh Rapid“, wo er Schuhwerk repariert und Schlüssel anfertigt. Tolu hat ein Problem: Das dem Abriss geweihte Einkaufszentrum ist zur Jahreswende geschlossen worden. Der Haupteingang in der Fußgängerzone ist verschlossen.
Doch Tolu hat ein Schild angebracht, das darauf verweist, dass sein Laden noch von einem Eingang am Carl-Wurster-Platz erreichbar ist. Im Center sei in der Ladenpassage eine Mauer errichtet worden, doch über einen Notausgang und einen Umweg sei sein Laden weiterhin erreichbar, sagt er.
Tolu weiß natürlich, dass die Zeiten vorbei sind, als über 30.000 Menschen täglich durch die Passage zwischen Hemshof und Innenstadt liefen. Zu seinem Laden kommen jetzt wegen der Umstände nur noch wenige Kunden. Tolu spricht von Umsatzeinbußen von bis zu 90 Prozent. Warum er trotzdem jeden Tag von Heilbronn nach Ludwigshafen pendelt, um seinen Laden zu öffnen? Der Inhaber will eine angemessene Entschädigung für die Schließung seines Ladens, den er 2008 übernommen hat.
Enteignung droht
Doch was ist angemessen? Mit dem bisherigen Centerbetreiber ECE ist er sich nicht einig geworden. Die Verhandlungen zogen sich über Monate hin und scheiterten. Laut Tolu sind ihm zunächst nur 2000 bis 3000 Euro angeboten worden, zuletzt seien es 30.000 Euro gewesen. „Das ist ein Witz, eine Frechheit“, ärgert er sich. Denn seine Maschinen und die Einrichtung seien einige Zehntausend Euro wert. Außerdem müsste er mit dem Geld den Laden auch zurückbauen, bevor er auszieht. ECE wies Tolu vergeblich darauf hin, dass die angebotene Summe höher sei als eine Entschädigung nach dem Enteignungsrecht.
Doch eine drohende Enteignung hat Tolu bisher nicht beeindruckt: „Das geht nicht von heute auf morgen.“ Er sieht sich im Recht und hat sich einen Anwalt genommen. Sein Hebel in dem Konflikt: Er hat einen Mietvertrag, der nach seinen Angaben noch bis 2023 gültig sei. ECE habe ihn zu spät über die Schließung informiert, da sei der Fünf-Jahres-Mietvertrag schon verlängert gewesen. Der Center-Betreiber hat Tolus Darstellung zurückgewiesen. Der Center-Betreiber hat Tolus Darstellung zurückgewiesen. Es ist ein Streit, der schon seit Langem schwelt und nun eskaliert ist.
Die Stadt schweigt
Mit dem Center hat ECE jetzt auch den „Problem-Mieter“ an die Verwaltung übergeben. Von der Stadt wollte bisher niemand etwas zu dem Fall sagen. „Wir befinden uns in einem laufenden Verfahren und werden uns daher nicht öffentlich äußern“, sagt ein Stadtsprecher. Doch wie Tolu erzählt, habe er bereits im vergangenen Jahr Post von einem Anwalt der Stadt bekommen. In dem Schreiben wird ihm mit einer „vorzeitigen Besitzeinweisung“ gedroht. Für Nicht-Juristen: Es geht um eine Enteignung, falls bis April keine Einigung erzielt werden kann.
Für eine Lösung gibt es momentan keine Anzeichen. Tolu seinerseits hat der Stadt eine Frist gesetzt, um die Ladenpassage wieder für den Publikumsverkehr zu öffnen. Der Ladeninhaber droht mit seinem Anwalt und einer gerichtlichen Verfügung, um freien Zugang zu seinem Laden zu erzwingen.
Abriss wird vorbereitet
Die Stadtverwaltung hat sich ihrerseits nicht davon beeindrucken lassen. „Wir werden wie geplant vorgehen und den Rückbau vorbereiten“, sagt ein Stadtsprecher auf Nachfrage. Seit 1. Januar ist das Rathaus-Center offiziell geschlossen. Die ersten Wochen des Jahres stünden im Zeichen der vorbereitenden Abrissarbeiten wie Schadstofferkundungen, Schadstoffanalysen und Baustoffproben im Bereich der Mall, so die Verwaltung zum Ablauf. Für Tolu könnte das ungemütlich werden, wenn rings um ihn gebohrt und gehämmert wird. Doch das ficht ihn nicht an. „Das können die gar nicht machen, denn ich bin weiter da“, sagt er entschlossen.
Geplant ist auch, dass bald ein Bauzaun um das Areal errichtet wird und der Gebäudekomplex im Laufe des Jahres entkernt wird. Strom, Energie und Lüftung werden irgendwann abgeschaltet. Natürlich weiß auch Tolu, dass die Tage für seinen Laden gezählt sind. Doch er will das Bestmögliche für sich aus der Situation herausschlagen. Er spekuliert offen darauf, dass die Stadt sich eigentlich keine längeren Verzögerungen bei dem Projekt leisten kann und die Entschädigungssumme deshalb deutlich höher ausfallen könnte. Er hat auch einen Plan B: Mit dem Geld aus der Abfindung in Ludwigshafen einen neuen Schuhmacherladen zu eröffnen. Denn er habe eine große Stammkundschaft. Bei einer Zwangsenteignung werde er alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um Widerstand zu leisten.
Es geht auch ums Prinzip
Es ist ein zermürbender Konflikt zwischen der Stadt und dem Schuster, der sich als David im Kampf gegen Goliath fühlt. „Mein Laden ist nur noch über eine Nottür zu erreichen, das ist doch reine Schikane. Mir geht’s nicht nur ums Geld, sondern mittlerweile auch ums Prinzip“, sagt er. Er lotse seine Kunden teils per Telefon durch das Center, damit sie weiter ins Geschäft fänden. Der 43-Jährige gibt sich unnachgiebig. Doch auf Nachfrage räumt er ein: „Das Ganze geht schon an die Substanz. Ich schlafe schon nicht mehr richtig deswegen.“
Einstweilen hat Tolu der Stadt die Ladenmiete für Januar überwiesen: 1581 Euro. Dazu kämen noch die Stromkosten. Wie lange kann er den Laden in einem leeren Einkaufszentrum offen halten, wenn der Umsatz fehlt? „Ich kann noch durchhalten“, versichert Tolu. Schließlich spiele ihm die Zeit in die Karten: „Jeden Tag, an dem ich offen habe, verzögern sich die Bauarbeiten im Center. Mit einem guten Angebot wäre ich draußen.“ In der kommenden Woche will er via Social-Media-Kanälen eine Kampagne starten und zählt dabei auf seine Kunden, von denen er bisher viel Zuspruch erfahren habe. Denn dass sich ein „Kleiner“ mit einen Branchenriesen wie ECE und der ganzen Stadtverwaltung anlegt, komme ja schließlich nicht alle Tage vor. Die großen Läden in der Mall sowie der Center-Immobilienfonds seien großzügig abgefunden worden – das stehe ihm als Kleingewerbetreibender auch zu.
Wenn sich keine finanzielle Einigung erzielen lässt, werden sich wohl Juristen vor Gericht mit dem Fall beschäftigen müssen. Einstweilen will Tolu als letzter Mieter des Rathaus-Centers weiterhin jeden Tag seinen Laden öffnen.