Ludwigshafen Prominente und ihre Herzenssachen

Placeholder-Image

Das elfte Literaturfestival „lesen.hören“ ist das erste, das ohne den verstorbenen Roger Willemsen auskommen muss. An dem Programm im vergangenen Jahr hat er noch vom Krankenbett aus mitgewirkt. Nun hat die mit ihm befreundete Literaturkritikerin Insa Wilke die Programmleitung übernommen. Das Festival werde „im Geiste Roger Willemsens“ fortgeführt, sagt Katharina Tremmel, die Organisatorin in der Alten Feuerwache. Eine Mischung aus Unterhaltung, politischen Stellungnahmen und Orientierungshilfe im Labyrinth literarischer Neuerscheinungen verspricht Insa Wilke, bis 2012 Leiterin des Literaturhauses Köln, seitdem freiberufliche Literaturkritikerin. Sie strebe ein Literaturfestival an, das „nicht so verkrampft“ sei, erklärt sie programmatisch. Denn auch Roger Willemsen sei es ja stets gelungen, sein Publikum zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln zu bringen. So werden die Mannheimer Literaturfreunde wieder etablierten Autoren und Nachwuchsautoren begegnen, spaßige und nachdenklich stimmende Abende erleben. Zu den etablierten Autoren gehört zweifelsohne der Lyriker Durs Grünbein. Im Planetarium wird er seine in dem Buch „Die Jahre im Zoo“ niedergeschriebenen Kindheitserinnerungen vorstellen. Auf vielfachen Wunsch der Festivalbesucher tritt in diesem Jahr erstmals Zsuzsa Bánk bei „lesen.hören“ auf. Die Verfasserin von „Die hellen Tage“ liest aus ihrem neuen Roman „Schlafen werden wir später“. Zu den Nachwuchsautoren, auf den Insa Wilke große Hoffnungen setzt, gehört Roman Ehrlich. Der 33-Jährige bringt nach Mannheim seinen Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ mit und spricht mit Maike Albath über sein Buch, das die Angst als beherrschendes Lebensgefühl der Gegenwart beschreibt. Auf die bald 78-jährige Erika Pluhar, einst gefeierte Wiener Burg-Schauspielerin, wurden Katharina Tremmel und ihr Team auf der Frankfurter Buchmesse aufmerksam. Pluhars Lesung aus „Gegenüber“, in dem es um die Probleme geht, die das Altwerden so mit sich bringt, zog sie dort in ihren Bann. Nina Hagen war eigentlich als Prominente in der Festivalreihe „Die Bücher meines Lebens“ vorgesehen. Die schrille Sängerin ließ die Organisatoren dann aber wissen, es gebe in ihrem Leben nur einen Autor, der es ihr wirklich angetan habe, seitdem sie viele Tage ihrer Kindheit in dem von ihm gegründeten Berliner Ensemble verbracht habe. Sie biete daher an, den Bertolt-Brecht-Abend, den sie exklusiv im Theater am Schiffbauerdamm gebe, auch den Mannheimern vorzustellen. „Ein Liederabend zur Klampfe“ heißt es so am Freitag, 24. Februar, wenn Nina Hagen, nur von einer kleinen Combo begleitet, Lieder zu Texten von Bert Brecht singen wird. Ganz im Geiste Roger Willemsens steht ein Abend, der „Herzenssachen“ überschrieben ist. Der Verstorbene hatte selbst einmal eine Veranstaltung für den Afghanischen Frauenverein in Hamburg so betitelt. Jetzt erinnern sich acht Freunde und Weggefährten, darunter die Schauspielerin Barbara Auer und der Jazzpianist Frank Chastenier, an den Verstorbenen. Moderiert wird der Abend von dem Lyriker Michael Lentz. Von Willemsen eingeführt wurden auch Abende, an denen sich mehrere Teilnehmer auf dem Podium über ein Thema austauschen. So widmet sich eine Veranstaltung der Tierethik. Dabei lassen sich vier Wissenschaftler von Gedichten der Lyrikerin Mara-Daria Cojocaru zu Kurzvorträgen anregen. Um das Thema „Helfen“ geht es, wenn Katja Lange-Müller ihren Roman „Drehtür“ über die Geschichte einer Krankenschwester in Mittelamerika und Benjamin Lebert sein Buch „Die Dunkelheit über den Sternen“, worin er seine Erfahrungen in einem Kinderheim in Nepal schildert, vorstellen. Die Schriftstellerin Nora Bossong hat im Rotlichtmilieu recherchiert und stellt ihre Ergebnisse im Gespräch mit Julia Westlake vor. Maria Schrader hat im Sommer mit ihrem Film „Vor der Morgenröte“ über den Schriftsteller Stefan Zweig den Filmkunstpreis des Festivals des deutschen Films gewonnen. Jetzt ist ihr Film am 19. Februar um 15 Uhr noch einmal im Atlantis zu sehen. Am Abend dann sprechen die Regisseurin und Drehbuchautor Jan Schomburg über den Film und Stefan Zweig. Schon auf dem Eröffnungsabend trifft Raoul Schrott, der soeben mit „Erste Erde Epos“ eine naturgeschichtliche Erzählung veröffentlicht hat, auf die Biochemikerin Petra Schwille und den ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche Nikolaus Schneider. Und weil 2017 ein Luther-Gedenkjahr ist, beschließt das Festival Feridun Zaimoglu mit seinem neuen Roman „Evangelio“, der sich um den Reformator dreht und sich der Sprache Luthers befleißigt. Die Veranstaltung wird moderiert von dem Literaturkritiker Denis Scheck und findet, dem Thema angemessen, in der Mannheimer Christuskirche statt. Info Vom 16. Februar bis 4. März 2017 in der Alten Feuerwache (wenn kein anderer Ort angegeben ist). Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen oder online unter www.altefeuerwache.com

x