Mannheim
Premiere von „Unsere Klasse“ im Nationaltheater
Jedwabne wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 von der Roten Armee besetzt, kam aber nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion unter deutsche Besatzung. Am 10. Juli 1941 wurden über 300 Juden, die im Ruf standen, Nutznießer der sowjetischen Besatzungszeit gewesen zu sein, ermordet. 1949 mussten sich 22 von mindestens 40 Tätern vor Gericht verantworten, von denen zehn freigesprochen wurden, zwei zu Haftstrafen Verurteilte nach Berufungsverhandlungen ebenfalls freikamen.
In den 60er Jahren errichtete die Stadt Jedwabne einen Gedenkstein zur Erinnerung an „das Martyrium der jüdischen Bevölkerung“, übertrieb die Zahl der Ermordeten mit 1600 erheblich und führte als Täter „Gestapo und Hitler-Polizei“ auf. Nachdem der polnische Historiker Jan Tomasz Gross diese Geschichtsfälschung entlarvt hatte, erließ die nationalistische PiS-Regierung 2006 ein Gesetz, das jeden, der „die polnische Nation“ mit Verbrechen der Kommunisten oder Nationalsozialisten in Verbindung bringt, mit einer Gefängnisstrafe bedrohte.
Abstraktes Bühnenbild
Vor diesem Hintergrund spielt das Stück „Unsere Klasse“ des bedeutenden polnischen Dramatikers Tadeusz Slobodzianek, das 2009 in London uraufgeführt wurde. Am Mannheimer Nationaltheater war eine bewegende Einstudierung des ukrainischen Regisseurs Stas Zhyrkov mit Studierenden der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zu sehen. Das abstrakte Bühnenbild Davide Raiolas besteht nur aus einer schrägen Ebene, auf der und vor der die Darsteller agieren. Das Stück erteilt eine Geschichtslektion anhand der Lebensgeschichten einiger Individuen, die sich über das ganze 20. Jahrhundert mit dem Pogrom von Jedwabne im Zentrum erstreckt. Indem es die Beziehungen zwischen ehemaligen Klassenkameraden entwickelt, fordert es dazu heraus, über den relativen Gegensatz von Opfern und Tätern nachzudenken, über Rache und Schuld, über Opportunismus und Kollaboration, über Bosheit, Verlogenheit und Verdrängung und über die Ohnmacht des Individuums gegenüber dem Lauf der Geschichte. Damit weist es weit über das Ereignis von Jedwabne und die einzelnen Personen des Stücks hinaus.
Harmonische Klassengemeinschaft verschwindet
Das Stück setzt ein 1925. Wie der Vater wollen die Schüler Fleischer werden oder auch Kaufmann, oder sie träumen davon, Filmschauspielerin zu werden. Sie verehren den Tenor und Filmschauspieler Jan Kiepura. Dann kommen die Sowjets, die Träumereien und die anfängliche Begeisterung über Enteignungen und kommunistische Gleichheit verfliegen rasch, als der Geheimdienst NKWD sein Terrorregime errichtet. Dann kommen die Deutschen, das Hakenkreuz verdrängt Hammer und Sichel. Aus ist es mit der harmonischen Klassengemeinschaft. Es gibt noch offene Rechnungen, die jetzt „blind vor Raserei“ beglichen werden: Der „Verräter“ Jakub Kac (Simion Martin), den Rysiek (Stina Jähngen) verdächtigt, für die Enteignung der Mühle des Vaters verantwortlich zu sein, wird brutal erschlagen und gesteinigt. Dora (Pina Scheidegger) erleidet eine Massenvergewaltigung. Das Stück erspart keine grausamen Details.
Rachelka (Hannah Lindner) entgeht dem mordenden Mob, weil Wladek (Joshua Grölz) sie auf dem Dachboden versteckt. Nach Pogrom und Scheunenbrand darf sie ihren ungeliebten Retter katholisch heiraten und wird in Marianna umgetauft. Als der Kollaborateur Zygmunt (Elodie Teres Toschek) sie ins Ghetto der Deutschen entführen will, schießt Wladek auf ihn. Die schwangere Rachelka hat eine Fehlgeburt. Nach dem Krieg wird Menachem (Pablo Weller de la Torre) als Ermittler eingesetzt und foltert Zygmunt. Nach Stalins Tod wird er selbst angeklagt und zu zehn Jahren verurteilt. In den 60er Jahren begeht er Selbstmord. Wladek stirbt in einem Altersheim an Lungenkrebs. Seine Witwe Marianna alias Rachelka fragt nach dem Sinn des Lebens. „Schwere Zeit. So ’ne schwere Zeit.“
Humor als Teil des Stückes
Regisseur Stas Zhyrkov nimmt das von Gewalttaten strotzende, aber durch plötzliche Stimmungswechsel und Gesangseinlagen aufgelockerte Stück mit Ironie und Humor. Im Interview rechtfertigte er diesen Zugang damit, dass „Humor einfach ein Teil der menschlichen Natur ist und das sogenannte Böse selten monströs oder dramatisch aussieht“. Gelacht wurde im Publikum bei der Premiere dennoch nur sehr selten.
Termine
Weitere Aufführungen im Studio Werkhaus am 3. und 4. Juni um 20 Uhr.