Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Polizei sucht Integrationsbeauftragten – Pilotprojekt in der Pfalz

Bild mit Symbolkraft: Die Polizei sucht Brückenbauer.
Bild mit Symbolkraft: Die Polizei sucht Brückenbauer.

Erstmals wird in der rheinland-pfälzischen Polizei die Stelle eines Integrationsbeauftragten geschaffen. Das Pilotprojekt ist am Präsidium Rheinpfalz in Ludwigshafen angesiedelt. Vanessa Reinhard koordiniert es. Steffen Gierescher hat mit ihr über Hintergründe, Bewerberprofile und alltägliche Vorurteile gesprochen.

Frau Reinhard, warum schreibt die Polizei jetzt die Stelle eines/einer Integrationsbeauftragten aus? Genauer gefragt: Warum erst jetzt?
Tatsächlich arbeiten wir an dem Thema schon seit 2021 in einer landesweiten Arbeitsgruppe unter Beteiligung aller Präsidien. Es ist dem Koalitionsvertrag der Landesregierung entsprungen. Dieser wurde vor zwei Jahren geschlossen. So ist das ins Rollen geraten. Seither beschäftigen wir uns mit der Frage: Brauchen wir so etwas auch in Rheinland-Pfalz? Wir haben Hintergrundrecherchen angestellt, uns die Bevölkerungsstruktur und die Situation in anderen Bundesländern angeschaut, die in diesem Bereich schon unterwegs sind. Als Ergebnis kam jetzt dieses Pilotprojekt heraus.

Warum ist es ausgerechnet am Polizeipräsidium Rheinpfalz angedockt? Hat das auch mit der Bevölkerungsstruktur Ludwigshafens zu tun und dem sehr hohen Migrantenanteil?
Ludwigshafen mit seinem besonderen städtischen Profil hat sich angeboten. Der zweite, ganz praktische Beweggrund war der Kopf der Arbeitsgruppe: Ulrich Koch. Er war zu dieser Zeit Direktionsleiter im Präsidium Rheinpfalz.

Was müssen Bewerber mitbringen, um eine realistische Chance auf den Job zu haben?
Der berufliche Background sollte ein abgeschlossenes Studium im Bereich Sozial-, Politik- oder Kulturwissenschaften sein. In diese Richtung sollte es gehen. Wir sind da aber nicht auf einen Studiengang festgelegt. Besonders wichtig ist uns das Zwischenmenschliche.

Inwiefern?
Der- oder diejenige sollte ausgeprägte Sozialkompetenzen mitbringen, kultursensibel sein, kommunikativ und dialogbereit sein.

Wie muss man sich die Aufgabe eines oder einer Integrationsbeauftragten konkret vorstellen?
Die Kernaufgabe wird das Netzwerken darstellen. Es geht hier ausdrücklich nicht um eine Beschwerdestelle. Wir wollen den offenen Austausch mit vielen Vereinen, Organisationen oder kommunalen Verantwortungsträgern, die Erfahrungen in diesem Bereich haben. Diesen kulturellen Dialog möchten wir in die Arbeit der Polizei einbringen. Auf der anderen Seite wollen wir darüber aufklären, wie wir arbeiten und warum wir wie agieren. Es geht auch darum, Vorurteile gegenüber der Polizeiarbeit abzubauen.

Vanessa Reinhard koordiniert die Ausschreibung und Suche nach einer geeigneten Person.
Vanessa Reinhard koordiniert die Ausschreibung und Suche nach einer geeigneten Person.

Wie sieht’s denn mit denn Vorurteilen innerhalb der Polizei aus?
Die kann ich nicht erkennen. Ich bin der Meinung, dass man kein Problem braucht, um eine Innovation voranzutreiben. Wir wollen uns in dem Bereich stärker aufstellen, aber nicht, weil hier jemand Schwierigkeiten mit dem Thema Integration oder Migration hat. Im Gegenteil: Wir haben in den Dienststellen bereits Dialogbeauftragte, die im Nebenamt den Kontakt zu Moscheevereinen oder ähnlichen Institutionen suchen. Das wollen wir intensivieren, strukturieren, besser organisieren, mit entsprechendem Know-how professioneller werden und das Ganze auf breitere Füße stellen.

Besteht da Nachholbedarf?
Nachholbedarf nicht, aber wir wollen uns als moderne Polizei stetig fortentwickeln. Wir verfolgen die demografische Entwicklung, die Globalisierung und die Flüchtlingsbewegungen. Die Bevölkerungsstruktur verändert sich. Wir haben mittlerweile einen Migrationsanteil in der rheinland-pfälzischen Bevölkerung von über 25 Prozent, der bei den jüngeren Menschen mit knapp 35 Prozent noch höher liegt. Dem wollen wir uns stellen. Vielfalt kann nur Positives mit sich bringen. Wir sind Spiegelbild der Gesellschaft und wollen uns entsprechend aufstellen.

Wie hoch ist bei der Polizei der Anteil von Kollegen und Kolleginnen mit ausländischen Wurzeln?
Der liegt noch deutlich unter dem Wert in unserer Gesellschaft. Für die Gesamtbelegschaft können wir das zwar nicht so genau sagen. Aber bei den Studierenden bewegen wir uns je nach Studiengang bei einem Anteil zwischen 15 und 20 Prozent. Wünschenswert wäre es für uns, diesen Anteil zu erhöhen.

Gibt es Statistiken, die belegen, dass man gewisse Delikte Menschen mit Migrationshintergrund zuordnen kann?
Das wüsste ich nicht. Es ist aber auch nicht die Aufgabe eines oder einer Integrationsbeauftragten, Kriminalitätsphänomene zu erforschen. Sicher gibt es Delikte, die eher von gewissen Gruppierungen begangen werden, aber eben nicht ausschließlich. Das kann man jedenfalls nicht auf Nationalitäten herunterbrechen oder in diese Richtung pauschalisieren. Die Polizei sucht einen Brückenbauer, der gegenseitiges Verständnis wechselseitig fördert. Darum geht’s. Wie wird Polizei von Menschen speziell mit einer Migrationsgeschichte wahrgenommen. Was bedeutet das für die alltägliche Polizeiarbeit? Das sind zwei ganz zentrale Fragen. Wenn man gegenseitig das Bewusstsein für bestimmte Bedürfnisse schärft, kann davon der Arbeitgeber Polizei genauso profitieren wie die Gesellschaft insgesamt.

Das ist also keine Alibi-Veranstaltung, sondern ein ernsthafter Versuch, daraus Lehren zu ziehen für den Polizeialltag?
Genau. Extern stehen Netzwerken und Austausch im Vordergrund. Intern wollen wir Schulungen anbieten, Erhebungen auswerten oder Infomaterial mit regionalen Schwerpunkten verteilen, um innerhalb der Polizeistruktur die Kompetenzen auszubauen. Wenn wir da künftig jemanden haben, der das alles zentral und professionell koordiniert, wird uns das helfen. Die Pilotphase dauert ein Jahr, danach wird der Prozess evaluiert. Deswegen ist die Stelle erst mal auf zwei Jahre befristet. Danach muss man schauen, ob wir das auf alle Präsidien ausweiten. Das Zeitfenster ist eng, das Aufgabenspektrum riesig. Die Person muss sich zunächst mal in der Polizeibehörde zurechtfinden und uns gut nach außen repräsentieren. Die Welt neu zu erfinden, wird in dieser kurzen Phase nicht möglich sein. Aber es ist ein erster kleiner Schritt, um eventuell nachhaltig etwas aufzubauen. Ich halte das wirklich für ein spannendes Thema. Wir wollen da neue Wege gehen.

Gab es schon Bewerbungen für die Stelle?
Ja, bisher sind es vier. Auf den ersten Blick sind alle ernstzunehmen. Bewerbungsschluss ist aber erst am 20. Oktober. Die Gespräche führt dann eine Kommission des Polizeipräsidiums, der auch ich angehören werde.

Haben Sie denn im Alltag schon mal Vorurteile gegenüber Polizeiarbeit erlebt?
Ich habe viele Freunde mit Migrationshintergrund, und da werde ich von Betroffenen schon mal gefragt: „Warum werde ich hier als Türke gefühlt häufiger als deutsche Autofahrer kontrolliert?“ Wenn man diese Personen künftig besser darüber aufklären kann, dass das nichts mit der Herkunft, sondern mit den Gesamtumständen zu tun hat, ein mit fünf Leuten vollbesetztes Auto zur späten Stunde in einem berüchtigten Viertel beispielsweise, sorgt das für mehr Verständnis und zeigt, dass die Nationalität da ursächlich keine Rolle spielt. Vermeintliche Vorurteile sind nämlich oft keine.

Aber ist es nicht doch so, dass die Polizei, vielleicht auch gespeist aus entsprechenden Erfahrungen, auf gewisse Gruppen mit bestimmten Merkmalen schneller mal ein Auge wirft als auf andere. Ich greife jetzt mal ganz tief in die Klischeekiste: tiefergelegter 3er-BMW, laute Musik, 3 Uhr morgens, junge bärtige Typen mit dicken Oberarmen. Da schrillen doch bei jedem Streifenbeamten die Alarmglocken, oder?
Das hat, wie Sie schon angedeutet haben, mit Erfahrungswerten, eventuell der Uhrzeit, dem Umfeld und natürlich den Umständen vor Ort zu tun, aber sicher nichts mit Rassismus oder Stigmatisierung. Nicht alle 3er-BMW-Fahrer sind grundsätzlich verdächtig. (lacht)

Zur Person

Vanessa Reinhard, 33, ist in Viernheim geboren und wohnt dort auch mit ihrer Partnerin. Seit 2009 ist sie bei der Polizei, seit 2013 im Präsidium Rheinpfalz im Bereich Einsatzplanung tätig. Sie koordiniert Bewerbung und Auswahlprozess für eine oder einen Integrationsbeauftragte/n.

Zur Sache: Die Ausschreibung

Das Thema Integration soll in der rheinland-pfälzischen Polizei mehr Gewicht erhalten. Innerhalb der Polizei müsse es eine zentralere Rolle als bisher spielen. Im Alltag müsse ihm mehr Raum gegeben werden, so das Fazit einer landesweiten Arbeitsgruppe der Polizei. Neben dem Austausch in der Polizei zu relevanten Fragen von Migration und Integration gehe es auch darum, Beamte themenbezogen zu schulen und zu unterstützen. Etwa in der Öffentlichkeitsarbeit oder bei Einsatzlagen. Bewerbungen sind noch bis 20. Oktober möglich. Die Anstellung ist zunächst auf zwei Jahre befristet. Weitere Infos sowie die Ausschreibung finden Interessenten im Netz unter https://s.rlp.de/IBEA. Das Polizeipräsidium Rheinpfalz, an dem das Pilotprojekt läuft, ist zuständig für die Sicherheit von rund 900.000 Menschen. Der Dienstbezirk der Behörde mit ihren rund 2200 Mitarbeitern umfasst auf etwa 2400 Quadratkilometern die komplette Vorder- und Südpfalz.

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