Ludwigshafen Poesie und Drive

Mit seinem Sextett hat er schon einmal vor ein paar Jahren bei der IG Jazz in der Mannheimer Klapsmühl gastiert, jetzt kam Sebastian Böhlen mit seinem jüngsten Projekt wieder. Mit seiner Band und der Sängerin Efrat Alony als Gast hat der in Berlin lebende Gitarrist ein spannendes Konzeptalbum aufgenommen, das er hier vorstellte.
Böhlen hat an der Jazzabteilung der Mannheimer Musikhochschule studiert, wo er mittlerweile selber unterrichtet. An der Manhattan School of Music in New York hatte er ein Masterstudium angefügt, wo Jim McNeely und David Liebman zu seinen Lehrern gehörten. In Köln hat er anschließend Komposition studiert. Tatsächlich sind die Stücke dieses Musikers keine Alltagsware im Jazz. Mit swingvergnügtem Mitwippen kommt man da nicht weit. Jederzeit muss man hier auf Unwägbarkeiten gefasst sein. Das hat er im Duo mit Stefanie Neigel schon gezeigt, in Vertonungen von Rilke-Gedichten und amerikanischer Lyrik. Auch auf seinem neuen Album „Geboren unter diesem weichen Wind“ geht es ambitioniert zu. Erzählt wird die Geschichte eines Menschen, der die Flucht aus seinem Heimatland über das Mittelmeer antritt. Die Stuttgarter Autorin Tina Hartmann hat die vielschichtigen Texte geschrieben. Vielschichtig geht es auch in Böhlens Kompositionen zu. Verwinkelte Harmonien, vertrackte Rhythmen, plötzliche Tempoänderungen, Kehrtwendungen und Ausbrüche gehören zum guten Ton dieser Musik. Gesangliche Themen, lyrisch und sparsam, wechseln sich da ab mit dichten Strukturen und atonalen Melodiegängen. Mit der israelischen Sängerin Efrat Alony hat Böhlen eine starke Mitstreiterin für das Projekt gewonnen. Die Musikerin, die in Bern eine Gesangsprofessur innehat, bringt mit dem dunkel glühenden Klang ihrer Stimme das rechte Maß an exotischem Klang und Virtuosität in die Musik, um den Farbenreichtum und die wechselnden Stimmungen der 50-minütigen Komposition zu spannendem Leben zu erwecken. Traumwandlerisch präzise ließ sie ihre Stimme durch schwierige Intervallsprünge mäandern, nutzte Freiräume zum Improvisieren. Zwischen Spannung und Entspannung, verdichtetem Drive und poetischer Atmosphäre bewegte sich die Musik. Glühende Läufe entlockte Böhlen seiner E-Gitarre neben dissonanzengespickten Akkorden. Blühend weiche Linien ließ sein Bruder Andreas Böhlen aus dem Altsaxophon fließen. Peter Gall (Schlagzeug) und Bernhard Meyer (Bassgitarre) trugen gleichfalls zu sublim ausgehorchten Klangstimmungen bei.