Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Ordnung muss sein

Michael Schmid
Michael Schmid

Mit dem ICE braucht man von Mannheim nach Berlin gute fünf Stunden – wenn nicht Baustellen oder andere Ereignisse zu Verspätungen führen. Meine Frau und ich haben ein verlängertes Wochenende in der Hauptstadt verbracht. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ging’s 482 Kilometer quer durch Deutschland. In unserem Waggon saß eine junge Frau mit ihrem etwa zehnjährigen Sohn. Als der Schaffner die Tickets der Fahrgäste kontrollierte, hielt ihm die Frau ihren ukrainischen Pass hin.

Hintergrund: Flüchtlinge aus der Ukraine durften bis Juni den öffentlichen Nahverkehr kostenlos nutzen, wenn sie ein Ausweisdokument vorzeigen. Menschen, die gerade aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind und weiterreisen wollen, dürfen weiterhin kostenlos mit Fernzügen fahren. Sie erhalten von der Deutschen Bahn das kostenfreie „Help Ukraine“-Ticket. Das bekommen Ukrainer im Bahnhof im DB-Reisezentrum, aber auch online. Um das Ticket zu ergattern, muss man ebenfalls einen ukrainischen Ausweis vorzeigen. Dies tat die Frau im ICE auch. Doch der Zugbegleiter war damit nicht zufrieden.

„You need a ticket or you go out“

Der Mann meinte, sie dürfe umsonst mitfahren, brauche dafür aber ein Ticket. In Deutschland muss eben alles seine Ordnung haben. Er sprach schlecht Englisch, die Frau konnte kein Deutsch. Der Zug brauste durch die Landschaft und der Kontrolleur drängte die Frau, ein Ticket mit dem Handy zu buchen. Was er nicht wusste: Das Wort Handy ist eine deutsche Erfindung und gibt es im Englischen nicht, dort heißt das Mobiltelefon cell phone oder mobile phone. Wie das so ist bei Sprach- und Verständnisproblemen, derjenige, der etwas mitteilen will, wird immer lauter. Die erhobene Stimme soll das Gegenüber überzeugen. Die Frau begriff schließlich, was der Schaffner wollte. Er gab ihr noch unmissverständlich zu verstehen: „You need a ticket or you go out“.

Nun ist es auch für Eingeborene nicht einfach, sich im Tarifdschungel der Deutschen Bahn eine Bresche zu schlagen, um das richtige Ticket zu finden, und das Ganze auch noch online. Wer als Flüchtling das „Help Ukraine“-Ticket im Netz buchen will, benötigt einen Zugangscode, den man nach einer Anforderung per E-Mail erhält.

Typisch deutsch

Unterdessen kehrte der Schaffner zurück, baute sich vor der Frau auf und drohte: „Ohne Ticket, next station you out!“ Die Mutter ahnte wohl, was der Uniformierte meinte und tippte hektisch auf ihrem Mobiltelefon herum. Es half nichts. Ein Schweizer, der hinter ihr saß, half ihr. Die Frau gab ihm das Handy und gemeinsam versuchten sie, das Problem zu lösen. Das besänftigte den Schaffner vorübergehend. Doch offenbar gab es Schwierigkeiten mit dem Zugangscode und der ukrainischen Mailadresse.

„Das ist mal wieder typisch deutsch. Der Schaffner könnte die Ukrainerin doch einfach mitfahren lassen. Wenn sie eh umsonst fahren darf, dann ist es doch wurscht, ob sie dafür ein Ticket hat oder nicht“, plädierte meine Frau, die beste Ehefrau von allen, für eine pragmatische Lösung. Sie war kurz davor, sich einzumischen. Und auch ich hatte beschlossen, einzuschreiten, wenn der Kontrolleur Mutter und Kind einfach aus dem Zug befördert hätte. Zwischen Wolfsburg und Magdeburg löste sich schließlich das Ticket-Problem irgendwie. Die Frau konnte mit ihrem Sohn bis zu ihrem Zielort fahren.

„Das Help-Ukraine-Ticket wird von der Deutschen Bahn ausgegeben, um kurzfristig, schnell und unbürokratisch den vor dem Krieg in der Ukraine flüchtenden Menschen zu helfen“, wirbt die DB. Ist sicher gut gemeint, aber bei der Umsetzung hapert’s noch.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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