Ludwigshafen Nur noch kurz die Welt retten

Ein Indoor-Straßentheater im Teppichfoyer geht zu Ende; schon sammeln sich die Zuschauer für die nächste Vorstellung. Der Marsch zum Aufführungsort geht einmal nicht durch lange Gänge, vorbei an Toren und Türen, sondern außen herum. Was für ein Tag des Eintauchens in Theater total! Einer von fünfen des Delta-Festivals, das sich unter dem Motto „Come together“ das Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen zu eigen macht.
Das Festival wird reihum von den Jugendsparten der Theater in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg ausgerichtet. Doch nur in Ludwigshafen spielt es im großen, sonst den Erwachsenen vorbehaltenen Haus. Sowohl bühnentechnisch als auch inhaltlich brauchen die Stücke der Kinder und Jugendlichen den Vergleich mit Erwachsenentheater nicht zu scheuen. Das ist ein Verdienst der professionellen Spielleiter. Weil das Motivieren zu deren Aufgabe gehört, geht es zuallererst um die Leistung und den Ausdruckswillen der jungen Generation. Sieben Produktionen wurden an diesem Tag vorgestellt, die meisten stehen kurz vor ihrer Premiere. Alle sind ohne Stückvorlage aus der Gruppe heraus entwickelt. Den Umbruch, der im Erwachsenentheater in Gang ist, hat die Jugend längst vollzogen. Konsequent bot das Festival auch einen Workshop für szenisches Schreiben an. Was ist, was will Theater heute?, fragt „360 Grad“ vom Club All in der Mannheimer Jungen Bürgerbühne. Deren selbstkritische Interpretation gefällt mit verbalem Witz und choreografierter Bewegung. Bewegung und Tanz sind überall, nicht nur beim „Delta-Move“, für den im Foyer eifrig geprobt wird. Am schönsten sind sie in „Das Meer in mir“, einer Choreografie zum Träumen, die von sieben kleinen Mädchen aus Heidelberg hinreißend getanzt wird. Noch nie gab es im Delta-Festival eine so ausgeprägte Balance von Tanz aus purer Bewegungslust. Und von politischem Aussagewillen. Das Straßentheater „Paroli!“ vom Mannheimer Jugendkulturzentrum Forum, wo besondere Formate wie auch das Impro-Theater gepflegt werden, fordert zur Europa-Wahl auf. Auch die Teenies vom Jungen Pfalzbau wollen problembewusst die Welt retten, „wenn die denn noch zu retten ist“. Die Heranwachsenden aus Heidelberg verzweifeln daran, Europa zu retten. „Please Mind the Gap“, was richtiger „Ich bin Europa“ hieße, powert mit antikem Mythos, mit dem gewaltigen Pathos von Beethoven und Schiller, sowie schrillem Cheerleader-Jubel. In weißen Gewändern bauen sie aus weißen Quadern Mauern und ihre Festung Europa, in der das deutsche Bildungsbürgertum Ruhe, Sicherheit und seinen Traum von Werten leben möchte. Das geht unter die Haut, ganz besonders das Pathos. Die Bühnenstürmer aus Speyer geben sich nüchterner. Sie wollen nicht „Zu jung zum Denken“ sein und powern mit Protest. Das Schlussbild führt, vielleicht unbeabsichtigt, zu einer nachhaltigen Einsicht. Die zwei jungen Männer der Gruppe treten, jeder für sich innerlich lachend, nach vorn und rauchen. Sie stehen einfach so herum. Mit lautem Geschrei stürmen die elf Mädchen herein und machen einen Mordswirbel. Als sie weg sind, drehen sich die beiden Männer langsam um, lesen einige der von den Mädels herumgeworfenen Gegenstände auf und gehen damit ab. Bei Mahala international vom Jungen Pfalzbau sind die Männer vorn. In der Traditionsgruppe sind nur zwei Mädchen verblieben. Die nun erwachsenen jungen Männer haben Deutsch gelernt, und die Spielweise hat sich mit Tanz und drastischer Komik ins Orientalische verschoben. Hinten eine Wand mit großem Porträt, vorne ein Teppich als Bühne, darauf ein Diktator mit feuerrotem Umhang und riesigem Schnurrbart: das ist das „Kingdom of Schnurr Bart“, das Ende September Premiere haben wird. Minister wird, wer den schönsten Schnurrbart hat und am schönsten tanzen kann. Der Diktator, der anfangs nur ungern mitspielen wollte, lernt schnell „Schnauze“ zu schreien, wenn das Volk murrt.