Ludwigshafen
Notfallübung bei der BASF: Wenn auf einem Schiff Salpetersäure ausläuft
Die Szenarien und auch die Übungsmöglichkeiten der Werksfeuerwehr auf dem BASF-Werksgelände sind groß. So groß, dass auch die Angehörigen anderer Wehren sich diese Übung nicht entgehen lassen. Rund 180 Gäste kommunaler Feuerwehren, Polizei, THW und auch aus den Verwaltungen verfolgten deshalb das Geschehen, dass sich in diesem Jahr unmittelbar am Rheinufer abspielte. „Wir machen jedes Jahr zwei Großübungen, aber nur bei einer sind auch Gäste eingeladen“, erklärte Gert von Bortel, der Leiter der BASF-Werksfeuerwehr. Hinzu kommen in jedem Jahr bis zu 250 Alarmübungen.
Das Szenario in diesem Jahr sei dabei gleich in doppelter Hinsicht etwas ganz Besonderes: „Zum einen sind wir auf dem Rhein unterwegs und zum anderen erstmals auf der „Stolt Ludwigshafen“, erläuterte Werksleiterin Katja Scharpwinkel. Das Niedrigwasser-Binnenschiff kann nicht nur bei niedrigsten Wasserständen noch fahren, sondern ist mit 135 Metern Länge und 17,5 Metern Breite auch eines der größten Schiffe, dass auf dem schiffbaren Rhein unterwegs ist.
Mit 100 Teilnehmern
Und ausgerechnet dieses Schiff meldete gestern um 11.20 Uhr per Schiffshorn Probleme: „Durch ein undichtes Ventil ist Salpetersäure ausgelaufen“, skizzierte Übungsleiter Tobias Pahl die Szene. Das reizende Gas reagiere mit dem Metall des Schiffskörpers, sei ätzend auf der Haut und reize Augen und Atmung. Viel zu tun für die rund 100 werkseigenen Übungsbeteiligten, die nicht nur sieben verunglückte Menschen auf dem Schiff und der benachbarten Verladebrücke retten mussten. „Außerdem müssen wir die Wolke des ausgetretenen Produktes niederschlagen, die Verletzten versorgen und gleichzeitig die Bevölkerung vor möglichen Gefahren warnen“, zählte Pahl auf. „Insgesamt ist das ein sehr realistisches Szenario“, befand die Werksleiterin.
Zumal nicht nur Werksfeuerwehr und der Großraumrettungswagen der Ludwigshafener Berufsfeuerwehr am Start waren, sondern auch der Bereich Umwelt, der mit seinem Messwagen die Luftbelastung am anderen Rheinufer erfasste, Wasserschutzpolizei und das gemeinsame Feuerwehrboot „Metropolregion Rhein-Neckar“, dass von der Mannheimer Berufsfeuerwehr betrieben wird. „Schließlich geht es uns bei einer solchen Großübung auch um die Vernetzung der unterschiedlichsten Einrichtungen“, erklärte von Bortel. „Alle Rädchen müssen ineinandergreifen“, ergänzte Scharpwinkel.
Flexibel reagiert
Beim Übungsszenario klappte nahezu alles wie am Schnürchen. Nahezu, denn erstmals sollte der Turbolöscher mit einem neuen System direkt aus dem Rhein versorgt werden sollen. „Wir haben direkt an der Entnahmestelle einen Schlauchplatzer“, bedauerte Pahl. Das könne natürlich auch im Ernstfall passieren. „Aber wir haben flexibel reagiert und den Turbolöscher aus dem Hydranten versorgt.“ Flexibilität gehört schließlich zu den Kernfertigkeiten der Feuerwehr.
Und so waren die sieben Verletzten in Windeseile aus ihrer misslichen Lage befreit. Und die Produktwolke mit reichlich Wassereinsatz eingedämmt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler, wie eine Mitarbeiterin des Bereiches Umwelt einräumte: „Direkt auf dem Rhein haben wir keine Möglichkeit, das verunreinigte Wasser abzufangen.“ Die Salpetersäure gelange, wenn auch stark verdünnt, in den Fluss. „Auf dem Werksgelände haben wir andere Möglichkeiten der Trennung.“
In der Folge kamen die Retter mit den roten Schutzanzügen zum Einsatz. „Nach der Personenrettung und der Eindämmung geht es darum, das Leck abzudichten“, so Pahl. Und nach der anschließenden Dekontamination des Einsatzgerätes konnte der Einsatzleiter um 12 Uhr das Ende der Übung verkünden. Die Aufarbeitung der gewonnenen Erkenntnisse werde allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Erst dann wissen BASF und die beteiligten Einheiten, an welchen Stellschrauben sie zum Schutz der Bevölkerung weiter drehen muss.