BOgenschiessen RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Heimat für Bogenschützen

Aus verschiedenen Distanzen wird auf die Scheiben geschossen.
Aus verschiedenen Distanzen wird auf die Scheiben geschossen.

13 Bogenschützen, die seit August 2020 eine neue Abteilung beim RSC Ludwigshafen bilden, nutzen die Radrennbahn in Friesenheim zum Training. Ab der kommenden Woche soll es für die Freunde des Sports mit Pfeil und Bogen ein Schnuppertraining geben.

Das hätten sich einstige Radsport-Bahnasse wie Profiweltmeister Rudi Altig, Weltmeisterin Ute Enzenauer oder die Olympiasieger Karl Link, Ernst Streng und Gregor Braun nicht träumen lassen: Dass sie einmal ihre „gute Stube“, die bundesweit bekannte und geschätzte Radrennbahn in Ludwigshafen-Friesenheim, mit einer völlig radsportartfremden Disziplin wie Bogenschießen teilen müssen. Doch genau das geschieht derzeit auf der Friesenheimer 333-Meter-Betonpiste: Für die Bahnradsportler des RSC Ludwigshafen ist sie nach wie vor Trainingsgelände und – so es die Corona-Umstände zulassen – Schauplatz nationaler und internationaler Wettbewerbe.

Doch im Oval haben nun auch die Bogenschützen des Radsportvereins ihre Trainingsbleibe gefunden, die seit August 2020 eine neue Abteilung beim RSC Ludwigshafen bilden. Noch ist die Zahl der aktiven Bogenschützen im 120-Mitglieder-Verein bescheiden – gerade mal 13 Frauen, Männer und Jugendliche haben die bunten Zielscheiben im Blick. „Aber wir haben bereits eine erfreuliche Warteliste von Interessenten, die sich uns nach der Pandemie mit Pfeil und Bogen anschließen möchten,“ blickt Abteilungsleiterin Regina Meder (54) optimistisch in die Zukunft.

Ab 6. Juli soll es für Anfänger ab 16 Jahren jeden ersten Dienstag im Monat ab 18.30 Uhr auf der Radrennbahn ein Schnuppertraining geben, „sobald dies Corona wieder erlaubt“. Anmeldungen unter 017641878301 sind erwünscht. Die Neulinge müssen nicht einmal einen eigenen Bogen oder Pfeile mitbringen – das alles leiht ihnen vorerst der RSC, der einen Schießparcours mitten auf der Radrennbahn angelegt hat. Dort sind die Bogenschützen vor ihren Geschossen sicher – ebenso Zaungäste: „Um über die in den Kurven auch noch überhöhte Bahn hinaus zu schießen, muss man schon einiges drauf haben,“ weiß Meisterschütze und IT-Berater Jochen Bollhöfer aus Erfahrung.

Die „Neuen“ können sich bei ihren ersten Versuchen mit eigens auf sie abgestimmten Bögen je nach Alter, Körpergröße oder Leistungsvermögen mit dieser Sportart vertraut machen. Sie haben Vorbilder mit hohem Standard um sich, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Der 51-jährige Jochen Bollhöfer aus Böhl-Iggelheim ist die Nummer eins der jungen RSC-Abteilung. Er ist deutscher Meister in der Erwachsenenklasse der Männer. Seine zehnjährige Tochter Lena („Mein Vater ist mein Vorbild“) eifert ihm nach und holte sich in der Mädchen-Schülerklasse den Meistertitel. Bei den Frauen wurde Regina Meder deutsche Vizemeisterin, und Sportwart Alexander Braun ist DM-Dritter bei den jungen Senioren.

Eine Sportart für jeden

Bogenschießen ist die wohl älteste Sportart der Welt, denn mit diesem Gerät aus Holz und einer Tiersehne waren nachweislich schon vor mehr als 10.000 Jahren die Menschen unterwegs – zunächst wohl, um sich als Jäger Nahrung zu beschaffen, später dann mit Pfeil und Bogen bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Eine Ahnung davon bekommt man bei den Zielen, die in einigen Disziplinen aufs Korn zu nehmen sind. Neben den üblichen Scheiben mit Trefferfeldern in Gold, Rot oder Schwarz gibt es wohl in Erinnerung an die Herkunft dieses Treibens Tierfiguren. Braun: „Normalerweise schießen wir auf Scheiben, die in verschiedenen Entfernungen von sechs bis 73 Metern stehen und unterschiedlich groß sein können.“

Bogenschießen ist für die begeisterten Anhänger dieser Disziplin „eine Sportart für jeden“. So könne man auch noch in hohem Alter damit beginnen, „denn durch die Möglichkeit unterschiedlicher Bögen muss man nicht wie bei den meisten anderen Sportarten vorgegebenen Leistungsanforderungen Rechnung tragen,“ sieht der Friesenheimer Architekt bei den unterschiedlichen Varianten keine einschränkenden Attribute für einen Start in diese Freizeitbeschäftigung. Wer sich aber hohe Ziele setzt wie Bollhöfer („Ich will heute besser sein als gestern“) und Meistertitel anstrebt, der muss öfter im Training ran. „Ich trainiere täglich,“ verrät der Mann aus Böhl, der deshalb jeden Tag von seinem Wohnort auf die Anlage kommt.

Dort finden Bogenschützen eigentlich ideale Möglichkeiten vor: In der warmen Jahreszeit können sie – auch bei Regen – im Freien trainieren und im Winter steht ihnen die zur Rennbahn gehörende Sporthalle des seit 1975 bestehenden Radsport-Leistungszentrums zur Verfügung. Braun: „Wetterprobleme kennen wir eigentlich nicht – geschossen wird auf flachem Terrain auch bei Wind und Regen und dann machen wir es uns allenfalls auch selber ein bisschen schwer, wenn wir bergauf oder bergab schießen.“ Auch das ist in Friesenheim problemlos möglich. Die übliche Kleidung der Bogenschützen? Braun: „Wie beim Wandern – je nach Lust und Laune.“

Eine olympische Disziplin

Und so erlebt die Radrennbahn, die am 6. Mai 1956 eingeweiht wurde, eine Art sportliche Renaissance. Denn die Zeiten deutscher Rad-Meisterschaften (dreimal wurde zwischen 1957 und 1977 an der Weiherstraße um DM-Gold, -Silber und -Bronze gekämpft) und von Länderkämpfen (fünfmal ging es zwischen 1958 und 1970 gegen Italien – zudem gegen die Sowjetunion, Japan oder Belgien) ist vorbei. Mit Wehmut denken die Radsportfans an die Ausscheidungswettbewerbe zur Bildung der letzten gesamtdeutschen Olympiamannschaft am 8./9. August 1964, als nahezu 10.000 Zuschauer Weltklassefahrern wie Lothar Claesges (Krefeld), Karl-Heinz Henrichs (Bocholt), Karl Link (Herrenberg) und Ernst Streng (Köln) zujubelten, die im folgenden Oktober in Tokio Gold in der Vierer-Mannschaftsverfolgung holten.

Heute ist Bogenschießen auch international stark im Kommen. Von 1900 bis 1920 war es olympische Disziplin – und das nach einer 52-jährigen Pause seit 1972 wieder. Seit 1931 gibt es in dieser Sportart Weltmeisterschaften. Die besten Bogenschützen sind weltweit nicht die „Jungen“: Die Meisterklasse bilden die 50- bis 65-Jährigen. Bei den Behindertensportlern dominierte in den 1980er Jahren übrigens ein Ludwigshafener Bogenschütze: Heinz Geiss (damals SG 1851 und BSV) war mit Roland Haas, Willi Müller und Felix Blum mehrfacher Deutscher Meister.

Der RSC stellt den Anfängern die Geräte.
Der RSC stellt den Anfängern die Geräte.
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