Ludwigshafen Nebenan die Autobahn

Er gilt als einer der großen Pop-Poeten: Dirk Darmstaedter war Sänger und Komponist der Jeremy Days. Mit „Brand New Toy“ schafften die es Ende der 1980er in die Hitlisten. Darmstaedter ist seit einiger Zeit unter eigenem Namen unterwegs, zum Auftritt im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus brachte er brandneue Lieder mit, aber auch Songs seiner alten Band.
Es scheint, als wollte Darmstaedter gar nicht die ganz große Pop-Karriere durchziehen. Schon vor den 1986 gegründeten Jeremy Days war er als Straßenmusiker in ganz Europa unterwegs. Die Band löste sich 1995 auf, bis dahin war es richtig gut für sie gelaufen. Internationales Format hatte man ihnen bescheinigt, intelligente Popmusik und ein Sound, der Independent und Brit-Pop zusammenbrachte. Darmstaedter war strahlender Popstar und Mädchenschwarm. Heute ist er 49 Jahre alt und kommt, wie er mal scherzhaft sagte, in die „George-Clooney-Phase“ seines Lebens. Er ist wieder mit Gitarre und auf kleineren Bühnen unterwegs. Nach Ludwigshafen brachte er einen alten Weggefährten mit, den Schlagzeuger Lars Plogschties, der auf einem rumpeligen Mini-Set trommelte, gelegentlich auch Gitarre spielte und ein Glockenspiel klingen ließ. Alles wirkte sehr entspannt, die beiden Musiker waren bester Laune. Die Songs klingen amerikanisch-weltläufig, als sei ganz viel der Folk- und Popgeschichte darin verarbeitet. Bob Dylan ist ein so großer Einfluss, dass Darmstaedter ihm ein ganzes Album gewidmet hat, aber zum Glück wird in seinen eigenen Liedern keine aufdringliche Verehrung hörbar. Darmstaedter schreibt englische Texte, einen größeren Teil seiner Kindheit lebte er mit seinen Eltern in New Jersey und ist der Sprache mächtig. Zu hören gabes einige alte Songs aus Jeremy-Days-Zeiten, darunter „Brand New Toy“ und „Rome wasn’t built in a Day“. Aber natürlich kamen die meisten Stücke vom aktuellen Solo-Album „Before we leave“. Die zeigen auch, dass Darmstaedter nach wie vor geschmackvolle Lieder schreibt, die sich ins Gemüt schleichen, ohne kitschig zu werden. Viel zum Live-Vergnügen trägt die lockere Art des Künstlers bei. Er erzählt, dass seine frühere Band ohne ihr Wissen auf der B-Seite einer russischen Single erschien – die A-Seite war ausgerechnet Dieter Bohlen mit „Cherie Lady“. Die Zuhörer erfahren auch, wie Darmstaedter bei einem Bonnie-Raitt-Konzert den Orgelspieler Mike Finnegan kennenlernte, der schon bei Jimi Hendrix mitspielte und jetzt auf Darmstaedters Album zu hören ist. „The last Troubadour“ schrieb er in einem Motel an der Autobahn, gegenüber einem Trucker-Treff. Viel habe sich seit Walther von der Vogelweide nicht geändert, meint er. Die Sänger ziehen durch die Lande und wollen den Leuten ein paar Lieder singen, dafür etwas zu essen bekommen und ein Dach überm Kopf. Und so sympathisch wie der Künstler dabei wirkt, möchte man ihn direkt auf ein Bier einladen.