Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Nationaltheater: Die wichtige Produktion „Unauthorized und unverschämt“

Zwischen GI-Helmen und Gartenzwergen: die Installation „Unauthorized und unverschämt“.
Zwischen GI-Helmen und Gartenzwergen: die Installation »Unauthorized und unverschämt«.

Das Stadtensemble des Mannheimer Nationaltheaters nimmt sich in seiner neuen Produktion „Unauthorized und unverschämt“ eines Stückes deutscher Geschichte an, das bisher viel zu wenig im Bewusstsein ist: dem Schicksal von Kindern weißer deutscher Mütter und amerikanischer Soldaten of Color.

Es kann immer nur grob geschätzt werden, aber klar ist: Hunderttausende sogenannte „Besatzungskinder“ sind nach 1945 in Deutschland geboren worden. Jungen und Mädchen, die deutsche Frauen mit alliierten Besatzungssoldaten gezeugt haben, in Liebesbeziehungen, aber auch bei Vergewaltigungen. Viele dieser Kinder kannten ihre Väter nicht, wurden ihren meistens unverheirateten Müttern weggenommen, sind in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen. Die postfaschistische deutsche Gesellschaft hat sie ausgegrenzt, stigmatisiert und schwarze Kinder rassistisch diskriminiert.

Dass es durchaus ein Interesse an ihren Schicksalen gibt, zeigt der Riesenerfolg des Romans „Stay away from Gretchen“, der 2021 mehrere Monate auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste stand. Er spielt zu einem größeren Teil in Heidelberg und zu einem kleinen in Mannheim, wo sich in den 1950er-Jahren die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Mabel Grammer (1915-2002) mit ihrem „Brown Baby Plan“ dafür einsetzte, Besatzungskinder aus einem Waisenhaus in Käfertal an adoptionswillige Paare in den USA zu vermitteln.

Am perfekten Ort

Und genau dort befinden wir uns nun: im Alten Kino Franklin, das dem Schauspiel des Nationaltheaters als Interimsquartier während der Sanierung des Theaters in der Mannheimer Innenstadt zur Verfügung steht. Für diese Produktion ist es der perfekte Ort. Weil die Spielstätte mitten im ehemaligen Benjamin-Franklin-Village liegt, einer einst riesigen Wohnsiedlung der US-Amerikaner in Mannheim, das nun zu einem gigantischen neuen Stadtteil umgebaut wird. Und weil es so etwas Unfertiges hat. Das Theatergebäude ist von Baustellen umgeben, überall sind Zäune, Absperrungen, Einbahnstraßen.

Man darf das als Symbol sehen. Auch die Auseinandersetzung darüber, wie in der Nachkriegszeit mit den schwarzen Kindern umgegangen wurde, ist noch lange nicht fertig. Sie hat gerade erst begonnen. Die eine Stunde in und mit der Produktion „Unauthorized und unverschämt“, die die Regisseurin Simone Dede Ayivi und das Stadtensemble in Kooperation mit den Sophiensälen Berlin entwickelt haben, ist für manch einen Besucher, eine Besucherin vielleicht der Auftakt, sich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen. Und vielleicht mal das dem Alten Kino gegenüberliegende House of Maemories zu besuchen, in dem die Geschichte der Amerikaner in Mannheim dokumentiert wird. Auch davon erzählt „Unauthorized und unverschämt“ in Form eines Interviews mit dem Franklin-„Hausmeister“, wie er sich selbst nennt, Marvin Kuhn.

Publikum auf der Bühne

Es ist kein normaler Theaterabend. Der Start ist im Foyer mit einer Fotoausstellung und dem Vortrag des Gedichts „grenzenlos und unverschämt“ von May Ayim. Danach sitzen wir alle mit Kopfhörern nicht auf den üblichen für das Publikum bestimmten Plätzen, sondern mitten auf der Bühne: auf Stühlen oder auf einem Stück Boden, das Tartanbahnen von Sportstätten im Franklin-Village nachempfunden ist. Um uns herum stehen Gartenzwerge als Ausdruck größtmöglicher bundesrepublikanischer Spießigkeit neben nachgebildeten GI-Helmen. Wir müssen nicht sitzen, wir dürfen auch stehen, liegen, herumlaufen. Unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, ist ausdrücklich erwünscht. Die Perspektiven von vier schwarzen Menschen, die für das Projekt interviewt worden sind, mittels Videos Einblicke in ihre Biografien geben, erschütternd von Rassismus und Ausgrenzung erzählen.

Den persönlichen Geschichten, die vertiefend zu erfahren sicher interessant gewesen wäre, ist der brutal-technische Protokollstil gegenübergestellt, der eine Sitzung des Mannheimer Wohlfahrtsausschusses dokumentiert: Anfang 1946 wurde eingehend darüber diskutiert, wie man mit dem drängenden Problem der deutsch-amerikanischen Kinder umgehen sollte.

Der Abend erzählt aber auch vom sozialen und politischen Engagement seiner Protagonisten. Denn „Unauthorized und unverschämt“ ist am Ende auch und vor allem Empowerment: ein Aufruf dazu, für seine eigenen Interessen einzustehen.

Termine

Weitere Vorstellungen am Samstag, 13. Juli, und Sonntag, 14. Juli, jeweils um 19.30 Uhr sowie vom 24. bis zum 26. Oktober im Alten Kino Franklin in Mannheim.

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