Ludwigshafen „Natürlich ist die Meisterschaft das größte Ziel“

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Herr Gislason, am Mittwoch steht das Pokal-Viertelfinale in Ludwigshafen-Friesenheim an. Der THW ist klarer Favorit. Alles als ein eindeutiger Sieg wäre eine Überraschung. Angesichts des vollen Terminkalenders des THW Kiel: Ist das vermeintlich leichteste Pokal-Viertelfinale dennoch ein attraktives Los für den THW?

Wer in einem Viertelfinale steht, hat sich das mit guten Leistungen verdient. Gummersbach und den Zweitliga-Tabellenführer Bietigheim besiegt man nicht durch Zufall. Die TSG spielt einen schnellen Handball, hat eine gute Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Wir hatten uns für das Viertelfinale eigentlich ein Heimspiel gewünscht, aber der DHB-Pokal ist kein Wunschkonzert. Jetzt freuen wir uns auf eine tolle Atmosphäre und ein gutes Spiel. Wir wissen aber auch, dass wir dieses gegen einen topmotivierten Gegner konzentriert angehen müssen. Denn wir wollen nach Hamburg. Wenn wir schon beim Terminkalender sind: Warum schafft es der europäische Handball-Verband nicht, in Absprache mit dem Deutschen Handball-Bund, klare Termine zu koordinieren. Die Fußballer machen es doch vor. Da finden keine Rückrundenspiele schon in der Vorrunde statt oder finden an einem Wochenende Champions-League und Bundesliga-Partien parallel statt. Der Terminplan im Handball ist eine riesige Herausforderung, vor allem aber wegen der Belastung der Spieler. Es sind einfach zu viele Termine geworden, auch bei den Nationalmannschaften. Man weiß ja manchmal gar nicht mehr, für welches Turnier jetzt gerade wieder Qualifikationsspiele anstehen. Aber das beklagen viele Handballer und auch ich seit Jahren. Statt weniger Spiele werden es aber trotzdem immer mehr. Dabei will der deutsche Handball mehr Medienpräsenz. Was sagen Sie zum neuen TV-Vertrag mit den öffentlich-rechtlichen Sendern? Bringt dieser dem deutschen Handball Vor- oder eher Nachteile aus Ihrer Sicht? Wir wissen aus der Champions League, mit welchem Einsatz Sky Handball präsentiert. Das ist ein ganz neues Niveau in der Handball-Übertragung. Und wir freuen uns darauf, verstärkt auch wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufzutauchen. Die deutsche Liga gilt als die stärkste der Welt. Doch immer mehr Klubs aus dem Ausland locken Stars mit attraktiven Angeboten. Verliert die deutsche Liga an Renommee? Nein. Die Bundesliga ist noch immer die stärkste Liga der Welt. Das bedeutet aber auch, dass man als Handballer hier in jedem Spiel an seine Grenzen gehen muss. Es gibt keine so genannten leichten Gegner, weshalb die Belastung gerade der Top-Spieler enorm ist. Deshalb wollten wir auch den 16er-Kader in der Bundesliga, damit die Stars auch mal entlastet werden können. Leider hat der Großteil der deutschen Vereine sich dagegen ausgesprochen. Christian Dissinger aus Ludwigshafen machte unter Ihnen gewaltige Schritte. Er hat seine Einsätze bei der Nationalmannschaft teuer bezahlen müssen, meist auf Kosten des THW Kiel. Im Fußball bekommen die Vereine eine Entschädigung. Warum nicht im Handball? Das müssen Sie andere fragen, die das zu entscheiden haben. Ich bin jetzt erst einmal froh, dass Christian langsam zurück kommt. Der THW tanzt auf drei Hochzeiten in der aktuellen Saison. Ich nehme mal an, der Gewinn der Deutschen Meisterschaft hat Priorität? Natürlich ist die Meisterschaft immer das größte Ziel. Denn wer am Ende oben steht, hat eine Saison lang konstant bewiesen, dass er der Beste ist. Im Pokal und in der Champions League wollen wir jeweils zu den Finalturnieren. Generell ist es unser Ziel, in jedem Spiel die beste Leistung abzurufen und möglichst jedes Spiel zu gewinnen. Die Liga ist derzeit spannend wie schon lange nicht mehr mit dem Dreikampf an der Spitze. Warum wird Kiel am Saisonende ganz oben stehen? Auch die vergangenen Serien waren sehr spannend. Wir haben eine junge Mannschaft, die noch immer in der Entwicklung ist. Wir müssen in jedem Spiel hart arbeiten, um voran zu kommen. Favorit ist in diesem Jahr die SG Flensburg-Handewitt, die Mannschaft spielt lange zusammen, und Flensburg hat einen breiten Kader zur Verfügung. Aber wir geben trotzdem alles, um weiter oben mitzuspielen. Sie haben mit dem THW viele Titel gewonnen, darunter eine Meisterschaft ohne Punktverlust, als erster Trainer mit zwei Vereinen die Champions League. Welcher Titel war für Sie emotional der Schönste? Das ist schwierig, dafür ist das Handballgeschäft zu schnelllebig. Aber natürlich war die 68:0-Saison, in der wir nicht ein Ligaspiel verloren und zudem noch den DHB-Pokal und die Champions League gewannen, etwas ganz Besonderes. Sie haben so viele Erfolge gewonnen, sagten aber einmal, dass der Erfolg in dem Moment nichts mehr zählt, in dem man ihn erreicht hat. Das sei schlimm. Können Sie dennoch Erfolge genießen? Ja, natürlich. Man kann leider nicht lange die gewonnenen Titel genießen, weil sofort die Vorbereitung auf kommende Wettbewerbe ansteht. Sie agieren immer am Limit, stehen permanent unter Strom und sind dauernd in Sachen Handball unterwegs. Das geht seit Jahren so. Sogar bis zum „Verlust der Lebensqualität“, sagten Sie in einem Interview. Wie bewahren Sie sich Ihre Lebensqualität? Wie schalten Sie ab? In der Saison ist das wirklich schwierig. Man muss die wenigen kleinen Lücken, die uns unser enormes Pensum bietet, gut nutzen. Ich fahre dann gern Rad. Zur Person Alfred Gislason (57) trainiert seit 2008 den THW Kiel. Zuvor war er unter anderem Trainer des SC Magdeburg und VfL Gummersbach. Der 190-fache isländische Nationalspieler hat Geschichte studiert, ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

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