Ludwigshafen
Nach Bluttat in Oggersheim: So ging der Täter vor
Das Messer-Video
Der mutmaßliche Täter rennt mit einem großen Küchenmesser in der rechten Hand durch die Philipp-Scheidemann-Straße in Oggersheim. Er trägt ein weinrotes T-Shirt, Bluejeans, eine grün-weiße Baseballmütze. Ein Mann ruft ihm etwas hinterher. Nur das Wort „Messer“ ist verständlich. Der Flüchtende dreht den Oberkörper herum, deutete mit dem linken Arm zum Ende der Straße, verlangsamt seine Schritte und brüllt: „Ich bin, ich zahle Steuern und besuche meine ...“ Der Rest ist unverständlich. Ein anderer Mann brüllt ihn an: „Ey, du Wichser!“
Die Szene stammt von einem Video, das in den sozialen Netzwerken kursiert. Die Aufnahme dauert sechs Sekunden und wurde von einem Balkon aus in der Philipp-Scheidemann-Straße in Oggersheim gefilmt, in der am Dienstagmittag zwei Handwerker mit einem Messer tödlich verletzt wurden. Es ist eines von mehreren Videos und Fotos, die den mutmaßlichen Täter zeigen. Für die Ermittler der Polizei sind sie mit den Zeugenaussagen von Anwohnern weitere Bausteine, um die Abläufe der Bluttat wie ein Mosaik zusammenzusetzen. Ein Anwohner berichtet darüber, dass der Mann „Gerechtigkeit für meine Kinder“ geschrien habe.
Die Beziehungsprobleme
Der 25-jährige Somalier, der in Neustadt in einer Obdachlosenunterkunft lebte, hielt sich am Dienstagmittag aus noch ungeklärten Gründen in Oggersheim auf. Dort lebt seine ehemalige Freundin. Die Frau habe sich schon vor einiger Zeit von ihm getrennt, teilt die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage mit. Doch der Mann habe dies nicht akzeptieren wollen.Die Frau habe sich in der Vergangenheit von ihm bedroht gefühlt und deswegen auch einmal die Polizei gerufen. Dieser Vorfall sei vor einiger Zeit gewesen. Einen Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder der Frau, von dem Anwohner erzählten, hat es laut den Ermittlern nicht gegeben. Denn der Somalier sei nicht der Vater der Kinder.
Am Tattag hielt sich der mit einem etwa 30 Zentimeter langen Küchenmesser bewaffnete Mann in der Nähe der Wohnung seiner Ex-Partnerin auf. Doch er soll gar nicht versucht haben, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Das sagte die Frau gegenüber der Staatsanwaltschaft aus.
Der Tatablauf
Die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft haben mittlerweile den Tatablauf folgendermaßen rekonstruiert: In der Philipp-Scheidemann-Straße traf der Somalier auf zwei Handwerker, die dort gemeinsam unterwegs waren. Der Beschuldigte soll einen 20-Jährigen unvermittelt angegriffen und mit dem Messer auf ihn eingestochen haben. Der junge Mann sank zu Boden. Sein 35-jähriger Kollege versuchte laut Polizei zunächst noch einzugreifen, wurde aber von dem Täter dabei selbst schwer verletzt. Der Handwerker flüchtete und rief um Hilfe. Nach wenigen Metern brach er zusammen und blieb in einer Blutlache auf dem Pflaster liegen. Die beiden Männer starben.
Der Täter trennte dann einen der Unterarme des 20-Jährigen ab, berichtet die Polizei. Er warf das Körperteil auf den Balkon seiner in der Nähe wohnenden ehemaligen Freundin und lief in Richtung Straßenbahnendhaltestelle davon. In der Comeniusstraße ging er zunächst in eine Bäckerei und kurz darauf in einen benachbarten Drogeriemarkt. „Dort griff er unvermittelt einen 27-jährigen Kunden mit dem Messer an und verletzte ihn schwer“, so die Ermittler. Das Opfer flüchtete sich aus dem Markt ins Freie. Zeitgleich trafen dort Streifenpolizisten ein, die um 12.20 Uhr nach den Taten in der Philipp-Scheidemann-Straße von Anwohnern alarmiert worden waren und nach dem Täter fahndeten.
Die Festnahme
Die Beamten stürmten in den Drogeriemarkt, wo sie den Verdächtigen im rückwärtigen Bereich stellten. Laut Staatsanwaltschaft forderten die Beamten den Mann auf, das Messer wegzulegen. Der Aufforderung sei er nicht gefolgt. Daraufhin sei geschossen worden, um ihn kampfunfähig zu machen. Laut Staatsanwaltschaft wurden vier Schüsse von einem Beamten aus seiner Dienstpistole abgegeben. Der Beschuldigte wurde dreimal im Bereich der Beine und des Gesäßes getroffen. Das Küchenmesser wurde als Tatwaffe sichergestellt. Der Somalier wurde lebensgefährlich verletzt, überlebte aber nach eine Notoperation. Auch das 27-jährige Opfer überlebte und konnte mittlerweile eine erste Aussage machen. Der Mann habe gesagt, er sei attackiert worden und habe den Angreifer nicht gekannt, so die Staatsanwaltschaft weiter.
Der Haftbefehl
Gegen den 25-jährigen Beschuldigten erließ ein Haftrichter im Krankenhaus auf Antrag der Staatsanwaltschaft Untersuchungshaftbefehl wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der Somalier wird derzeit noch in dem Krankenhaus medizinisch versorgt und von Justizvollzugsbeamten bewacht.
Der psychische Zustand
Der mutmaßliche Täter soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft psychiatrisch begutachtet werden, wenn er von seinen Schussverletzungen genesen ist. Der 25-Jährige äußerte sich bisher nicht zu den Taten. Es sei daher noch unklar, was den Somalier veranlasst habe, auf ihm unbekannte Männer einzustechen. Dass er einem seiner Opfer den Unterarm abgetrennt und auf den Balkon seiner Ex-Partnerin geworfen hat, lege ein psychiatrische Untersuchung nahe. „Das ist nicht normal“, sagte der mit den Ermittlungen befasste Staatsanwalt. Deswegen werde der Mann auch auf eine psychische Erkrankung hin untersucht.
Das Islamismus-Gerücht
Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund für die Tat gebe es nicht, sagt die Staatsanwaltschaft. Laut Polizei wollen Anwohner gehört haben, dass der Mann „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen habe. Andere Anwohner berichten laut Staatsanwaltschaft anderes. Auf dem bekanntgewordenen Video ruft der Beschuldigte: „Ich zahle Steuern“. Experten des Landeskriminalamtes für politisch motivierte Kriminalität wurden hinzugezogen. „Derzeit liegen keine Erkenntnisse vor, dass die Taten mit einem islamistischen oder terroristischen Hintergrund in Zusammenhang zu bringen sind“, sagen die Ermittler.
Die DITIB Türkisch-Islamische Gemeinde aus Oggersheim hat sich bestürzt über die Bluttat geäußert. In einer Mitteilung erklärte die Gemeinde, dass sie die Tat „auf das Schärfste“ verurteile: „Wir trauern um die Opfer dieses hinterhältigen Angriffs, fühlen mit den Angehörigen und schließen alle in unsere Gebete mit ein.“