MannheimNächster Kultladen verschwindet: Was ist auf den Planken los?
Top-Lage auf den Planken: Das Eiscafé Fontanella ist in der ganzen Region bekannt.
Nach Schlemmermeyer will sich das Eiscafé Fontanella von der in der ganzen Region bekannten Mannheimer Einkaufsmeile zurückziehen. Sind dies Anzeichen eines Trends? Ein Handelsexperte ist durchaus beunruhigt.
Es ist lange her, aber es gab Zeiten, in denen die Breite Straße ein charmanter und pulsierender Handelsplatz mit Kaufhäusern, Kneipen und vielen kleinen Läden gewesen ist. Ältere Mannheimer schwärmen noch heute von den 1950er- und 60er-Jahren. Als der Karstadt groß Eröffnung feierte, soll die halbe Stadt auf den Beinen gewesen sein. Das Kaufhaus gibt es schon lange nicht mehr – und überhaupt wurde die Einkaufsmeile später zu einem Sorgenkind mit Drogenszene und vielen Ramschläden. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage zwar wieder etwas verbessert, aber die glorreichen Zeiten der Straße werden wohl nie wiederkommen. Dafür sorgen ja nun die Planken für den guten Ruf der Einkaufsstadt. Doch auch hier gibt es immer mehr Risse im Lack, die schlechten Nachrichten häufen sich selbst dort.
Anfang Juli verkündete der Insolvenzverwalter das Aus der alteingesessenen Schlemmermeyer-Filiale auf den Planken. Für viele gehörte ein Fleischkäsebrötchen mit Senf für lange Zeit zum Einkaufsbummel dazu. Ebenso wie im Sommer ein Eis bei Fontanella. Zumindest im in der ganzen Region bekannten Laden in O4 wird wohl dieses Jahr die letzte Kugel Eis über die Theke gehen. Inhaber Dario Fontanella, der sich gerne als Erfinder des Spaghetti-Eises bezeichnet, hat den Rückzug von der Einkaufsmeile zwar gegenüber der RHEINPFALZ nicht bestätigt. Allerdings ist ein Maklerbüro mit der Suche nach einem neuen Mieter für das Ladenlokal beauftragt. Einer Sprecherin zufolge liegt dem Eigentümer die Kündigung vor. Anfang 2024 sollen die Räume verfügbar sein. Einen weiteren Fontanella-Eisladen gibt es am Münzplatz in Q6/Q7. Hier ist von einer Schließung bislang keine Rede.
Es geht ans Eingemachte
Lutz Pauels, den langjährigen Vorsitzenden der Werbegemeinschaft der City-Einzelhändler, machen diese Nachrichten freilich auch unruhig. Seine Forderung: „Wir müssen grundlegend über Stadtentwicklung sprechen.“ Für einen Austausch zwischen Anwohnern, Einzelhandel und Stadt wurde eine Plattform mit dem für nicht wenige seltsam klingenden Namen „Futuraum“ geschaffen.
Dort soll es um Themen wie Verkehr, Grün und freilich auch den Handel gehen, mit dem das Stadtmarketing viele Jahre gerne für Mannheim geworben hat. Diesen Rahmen hält Pauels für geeignet, um die Zukunft der Innenstadt zu verhandeln. Nach dem angekündigten Rückzug von Dario Fontanella von der 1A-Lage in den Planken gehe es längst um mehr als um Poller an der einen oder anderen Stelle.
Die Vielfalt des Handels bröckelt
Lange hatte Mannheim seine Stellung als Oberzentrum der Metropolregion auch der Vielfalt des stationären Handels in der Innenstadt zu verdanken. Doch die beginnt zu bröckeln – auch wenn Pauels als Berufsoptimist die Situation nicht dramatisieren will. Die Schließungen des Kinos Cineplex auf den Planken, der Schlemmermeyer-Filiale oder der Schuhhändler Leiser und Perfekta und bald eben der Keimzelle von Dario Fontanella bereiten auch ihm Kopfzerbrechen. „Das ist eine schwierige Situation, vor der wir lange Jahre verschont geblieben sind“, betont er.
Eine konkrete allgemeine Ursache für das Ladensterben auf kleinem Raum gebe es nicht. „Das sind völlig individuelle Gründe“, vermutet Pauels, der auf die bundesweiten Insolvenzen von Leiser und Schlemmermeyer verweist. Und auch die Erkenntnis, dass sich zwei Kinocenter eines einzigen Betreibers in einem Umkreis von 500 Metern gegenseitig nur die Kunden streitig machen, sei nicht sonderlich überraschend gewesen. Die Situation des Mannheimer Eis-Gastronomen sei hingegen eine andere, „ohne, dass ich dem Statement der Familie vorgreifen möchte“. Ein solches habe Dario Fontanella ihm gegenüber angekündigt. Möglicherweise kommen dabei die durch die Straßenbahnschienen begrenzten Ausbreitungsmöglichkeiten und auch die Mannheimer Gestaltungsrichtlinien zur Sprache.
Warnungen der IHK
Top-Adresse am Friedrichsplatz: Das Unternehmen Maritim wird in Mannheim bald mit keinem Hotel mehr vertreten sein.
Die Gründe für die schlechten Nachrichten aus der Mannheimer Innenstadt sind also vielfältig. Erst vor knapp einem Monat hatte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar einen weiteren Umstand ins Feld geführt: Demnach fehlen der Mannheimer Innenstadt vor allem die Kunden aus der Pfalz, kamen 2022 nur noch acht Kunden von außerhalb auf einen aus Mannheim. „2019 waren es noch zehn Kunden gewesen“, verdeutlichte IHK-Präsident Manfred Schnabel, der bei der Vorstellung der Studie vor einem Monat vor einem „Erdbeben“ gewarnt hatte. Wenn der Trend jetzt nicht umgekehrt werde, dann gebe es Leerstände.
Dabei sei die Frequenz nach wie vor vorhanden, betont Lutz Pauels. „Aber es fehlen die Umsätze.“ Vielleicht ist auch der Verkehrsversuch mit Teilsperrungen in Fressgasse und Kunststraße ein Grund dafür gewesen, dass viele Pfälzer zuletzt einen Bogen um die Innenstadt gemacht haben. Vor allem für die Kunststraße hätten den Pfälzern von der Schumacher-Brücke kommend schlicht frühzeitige Verkehrsführungen und Alternativen gefehlt, meint Pauels. Auch darüber müsse man sprechen. Für die nächsten Gesprächsrunden im September erwartet er grundlegende Entscheidungen: „Man muss darüber nachdenken, in welche Richtung man die Innenstadt weiterentwickeln will: als Oberzentrum oder als Anwohnerstadt.“
Im Maritim am Wasserturm bald Schluss
Doch nicht nur der Einzelhandel, auch das Hotelgewerbe sorgt für Schlagzeilen. Mittlerweile steht fest, dass das Maritim Hotel am Wasserturm am 15. Oktober schließt. Eine Unternehmenssprecherin bestätigte, dass der Pachtvertrag regulär zum Ende des Jahres auslaufe. 2023 wird das Maritim Hotel Mannheim geschlossen. Bis 15. Oktober empfange das Haus noch Gäste, anschließend werde das prächtige Jugendstilgebäude geräumt, hieß es. Die Mannheimer Immobilienfirma Pro Concept AG hatte das Gebäude 2019 erworben. Ein Sprecher sagte am Donnerstag auf RHEINPFALZ-Anfrage, dass es an dem Standort weiterhin ein Hotel geben soll. Gespräche mit Interessenten würden laufen.
Einen Kommentar zur Situation auf den Planken lesen Sie hier